Das Bild zeigt eine Chimäre Mensch-Affe-Blastozyste
Das Bild zeigt eine Chimäre Mensch-Affe-Blastozyste
Scheidet aus: Weihbischof Anton Losinger
Weihbischof Anton Losinger

16.04.2021

Weihbischof Losinger hinterfragt Menschen-Affen-Embryonen Wie weit darf der Mensch gehen?

Einem Forschungsteam in China ist es gelungen, ein Mischwesen aus menschlichen und tierischen Zellen zu erzeugen. Für den Bischofsvikar für Bioethik, Weihbischof Anton Losinger, sind viele ethische Fragen dabei noch nicht beantwortet.

DOMRADIO.DE: Naturwissenschaftlich ist es eine Sensation, dass sich menschliche Stammzellen in befruchteten Affenembryonen so gut entwickelt haben. Drei von insgesamt über 130 Embryonen haben fast 20 Tage weitergelebt. Das gab es bisher noch nie. Sehen Sie das mit der gleichen Begeisterung wie die Wissenschaftler?

Dr. Anton Losinger (Augsburger Weihbischof und Bischofsvikar für Bioethik und Sozialpolitik): Das Thema Mensch-Tier-Mischwesen ist ja ein uraltes. Es entspricht den Träumen, Vorstellungen und auch der Mythen der Menschheit, in denen von Chimären die Rede ist. Jetzt sind wir im Bereich der Wissenschaft so weit, dass diese alten Träume der Menschheit Wirklichkeit werden können. Wahrscheinlich sind es zwei Emotionen, die hier zusammentreffen.

Einerseits ein gewisses Erschrecken, eine Angst davor, was hier vor sich geht. Aber andererseits eine interessierte Neugierde mit Blick auf die Wissenschaft und die Frage: Was kann daraus entstehen und genutzt werden? Da gibt es auch eine biomedizinische Interessenslage: Wie können solche Experimente zugunsten etwa einer Heilungsmöglichkeit im Bereich der Biomedizin verwendet werden?

DOMRADIO.DE: Das scheint doch eine gute Sache zu sein, wenn in Affen oder in Schweinen menschliche Organe heranwachsen könnten. Gibt es ein ethisches Problem?

Losinger: Solche Experimente müssen immer ethisch beurteilt werden. Die zentrale Frage auf gut Englisch formuliert lautet immer: How far can you go? Was wird durch ein solches Experiment in Gang gesetzt und was wird am Ende einer solchen Phase stehen? Bei dieser Frage Mensch-Tier-Mischwesen sind wir an einer äußerst sensiblen Situation angelangt.

DOMRADIO.DE: Jetzt sind ja Embryonen entstanden, die zum Teil aus menschlichen und aus tierischen Zellen bestehen. Wie muss man dann diesen Embryo behandeln? Ist das jetzt ein Mensch oder ist ein Tier?

Losinger: Vor präzise zehn Jahren, als ich Mitglied im Deutschen Ethikrat war, wurde eine Stellungnahme in diesem hohen Rat verabschiedet mit dem Thema "Mensch-Tier-Mischwesen". Auch damals wurde bereits die Frage gestellt: Welche Konsequenzen hat es, wenn biomedizinische Forschung an einer solchen Vermischung mitarbeitet? Dazu gehört nicht nur die Frage der Optionen, die im Blick auf etwa Heilungsmöglichkeiten besteht.

Wir kennen ja zum Beispiel eine ganze Reihe von Phänomenen, bei denen etwa durch Bluttransfusionen zwei menschliche Organismen vereinigt werden, bei denen etwa durch Tierexperimente für menschliche Heilverfahren Vorteile gezogen werden. Es gibt aber auch immer ethische Fragen, die ein solches Verfahren auf den Prüfstand stellen.

DOMRADIO.DE: Wo genau liegt das ethische Problem? Es macht doch eigentlich keinen großen Unterschied, ob jetzt das Blut oder das Organ aus einem Mensch oder aus einem Tier kommt?

Losinger: Ich würde gerne drei dramatische Fragen stellen, die ein solches Thema auf den Prüfstand stellen. Erstens: Ist es für die Menschheit legitim, sozusagen einen Totalübergriff des Menschen auf die Biosphäre zu generieren und die Natur, auch die tierische Welt, komplett zu gebrauchen, um eigene Vorteile zu erzielen? Das ist eine grundsätzliche Wissenschaftsfrage, die mit dem berühmten Thema zu tun hat: Dürfen der Mensch und die Wissenschaft alles, was sie können?

Zweitens: Covid-19 und die Pandemie - solche Ereignisse sind immer mit der Frage kombiniert: Woher kommen solche Probleme? Unter anderem wird biomedizinisch die Frage zu stellen sein: Entstehen neue Gefahren durch den Konatkt von Mensch und Tier wie etwa durch den Gebrauch von Fledermauskulturen in verschiedenen chinesischen Umgebungen, sodass sich eine Art Viren-Cocktail entwickelt hat? Wie steht es um den Sicherheitscharakter der Medizin beim Gebrauch von Mensch-Tier-Experimenten?

Drittens: Es geht eigentlich bei all diesen Dingen nicht nur um Menschenrechte, sondern auch um Tierrechte. Was Menschenrechte angeht, müssen wir die Frage stellen: Ist die Vernichtung von menschlichen Embryonen, die die Voraussetzung solcher Experimente bildet, legitim - auch im Blick auf die medizinischen Hoffnungen? Denn es handelt sich ja um menschliche Situationen oder menschliche Experimente, die hybride menschliche Voraussetzungen haben. Dürfen menschliche Embryonen vernichtet werden, um solche Hoffnungen zu generieren?

DOMRADIO.DE: Als katholische Kirche müssen wir die Fragen auch beantworten. Würden Sie sagen, dass so Experimente, wie sie die amerikanischen Forscher in China durchgeführt haben, überhaupt erlaubt sein sollten?

Losinger: Unter keinen Umständen. Nicht nur, was die Rechtslage in der Bundesrepublik anbelangt - etwa das berühmte Embryonenschutzgesetz oder das Stammzellengesetz. Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland gibt eine ganz klare Auskunft darüber, dass ein Übergriff auf Menschenrechte und Menschenwürde nicht legitim, und insofern solchen Experimenten die Grundlage entzogen ist. Jenseits der Menschenrechtsdebatten müssen wir - und das ist heute wirklich auch ein sehr sensibler Aspekt in unserer Gesellschaft - auch auf das Tierrecht übergehen.

Bei solchen Experimenten, bei denen menschliche und tierische embryonale Stammzellen verbunden werden - in diesem Fall von Primaten - muss auch die Frage der Tierrechte bedacht werden. Es gibt ja auch ein Tierschutzgesetz und so etwas wie die Würde des Tieres als Mitgeschöpf, was die Religion auch immer mal wieder betont hat. Deswegen würde ich sagen: Wir Menschen müssen wieder sehr sensibel darüber nachdenken, wie weit wir uns in die Biosphäre der Wirklichkeit dieser Welt hinein verbrauchen dürfen - dabei auch Leid von Tieren und Kreaturen in Kauf nehmend - im Blick auf unsere eigenen Interessen.

Das Interview führte Gerald Mayer.

(DR)

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