24.03.2021

Laut Alttestamentler verurteilt die Bibel Homosexualität nicht Wieso verbieten, was man gar nicht kennt?

Als Alttestamentler sieht Ulrich Berges seine Aufgabe darin, die Bibel vor falschen Interpretationen zu schützen, aus denen Traditionen entstehen. Und das gilt auch bei Zitaten zur Homosexualität, die aus dem Zusammenhang gerissen werden.

DOMRADIO.DE: Dieses Bibelzitat ist ja ziemlich eindeutig: "Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel." Gibt es daran etwas zu deuteln?

Prof. Dr. Ulrich Berges (Alttestamentliches Seminar Uni Bonn): Ich würde erst darauf antworten mit einem Zitat von Pinchas Lapide, einem sehr bekannten jüdischen Religionswissenschaftler. Er hat gesagt: Im Grunde gibt es nur zwei Arten im Umgang mit der Bibel - man liest sie entweder wörtlich oder man nimmt sie ernst.

Das heißt, wenn man sie nur wörtlich nimmt, hat man sie noch lange nicht ernst genommen, sondern man meint, man hätte sie ernst genommen, man würde sie verstehen. Aber man liest sie nur wörtlich. Das heißt, man muss den Kontext dieser Texte erst betrachten.

Noch ein Wort dazu, weil es sehr, sehr wichtig ist. In der Konstitution "Dei verbum" des Zweiten Vatikanischen Konzils, da heißt es in Nr. 12, dass die Schrifterklärer, also die Exegetinnen und Exegeten, um zu erfassen, was Gott uns mitteilen wollte, sorgfältig erforschen, was die heiligen Schriftsteller wirklich zu sagen beabsichtigten und was Gott mit ihren Worten kundtun wollte.

Die Absicht der Aussage ist also entscheidend.

DOMRADIO.DE: Wie geht man in diesem konkreten Fall an das Zitat heran?

Berges: Man orientiert sich bei der Analyse der Textstelle im Einklang mit allen Belegen der altorientalischen Zeit. Der Text Levitikus ist ungefähr 500 Jahre vor Christus geschrieben worden. Er bezieht sich immer auf einen Analverkehr zwischen Männern, wobei der Analverkehr immer ein Akt der Demütigung ist. Das ist also überhaupt nicht zu vergleichen mit einer freien, zwischen gleichen Partnern geschlossenen oder versprochenen Lebensbeziehung.

Wir haben zum Beispiel eine Vase aus dem fünften Jahrhundert. Dort penetriert ein griechischer Soldat einen persischen Kriegsgefangenen. Das war eine Demütigung. Und so ist das, was hier im Buch Levitikus steht, "ein Gräuel", nicht weil es eine homosexuelle Beziehung verbieten würde. Das kennt das Alte Testament und das kennt auch die Antike nicht. Deshalb kann die Bibel das nicht verbieten, weil sie das gar nicht kennt.

Ein freier Entschluss zwischen gleichberechtigten Männern oder Frauen für eine bleibende, gültige, rechtlich geschlossene Partnerschaft ist dort völlig unbekannt. Das ist historisch bewiesen, da gibt es überhaupt keinen Zweifel. Deshalb darf man diese Texte wie das Kirchen leider, leider tun, nicht dazu missbrauchen, eine Tradition zu begründen, die es biblischerseits so nicht gibt.

DOMRADIO.DE: Das heißt, die Bibel verurteilt es also, wenn Sexualität zur Demütigung benutzt wird. Aber gibt es denn auch eine positive Bewertung der Liebe zwischen zwei Männern? Ist da etwas zu finden?

Berges: Die gibt es im Alten Testament. Da ist ja diese berühmte Stelle Jonathan und David im Buch Samuel. Da heißt es dort in 2 Samuel 1,26 - da sagt David zu Jonathan, dem Sohn von Saul: "Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jonathan: ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine Liebe ist mir sonderlicher gewesen, denn Frauenliebe ist".

Dieser Text wird auch in exegetischer Literatur teilweise, nicht durchgehend, als homoerotische Beziehung gedeutet. Was dagegen spricht - meiner Ansicht nach - , dass im ganzen Kontext von sexuellen Handlungen dort überhaupt keine Rede ist.

Was heißt das dann? Die "Ahawa", hebräisch für "Liebe", bedeutet hier Vertrauen. Wir konnten so vertrauensvoll miteinander umgehen. Du als Königssohn, der auf dem Thron hätte sein sollen und ich als der von Gott Erwählte, dass das eine wunderbare Freundschaft ist.

DOMRADIO.DE: Wird Sexualität im Alten Testament denn eher positiv bewertet oder ist es meistens Sünde?

Berges: Es ist durchgehend positiv, weil es ein Geschenk des Lebens ist. Schon in der ersten Schöpfungserzählung heißt es ja "seid fruchtbar und mehret euch". Das ist der Segen, das Leben wird weitergegeben in der geschlechtlichen Liebe.

Ein wunderbares Buch, das grandios ist, ist natürlich das Hohelied der Liebe im Alten Testament. Shir hashirim, das Lied der Lieder, wo ohne den Kontext der Ehe zwei junge Menschen, Mann und Frau, zueinander drängen in Wollen und Lust zusammen zu sein. In einem wunderbaren Gedicht heißt es: "Liebe lenkt deinen Lauf".

Ich glaube, kirchlicherseits müssen wir bei diesen alten Texte wirklich aufpassen. Das sage ich als katholischer Exeget, Mitglied in einigen Kommissionen der Bischofskonferenz. Wir müssen wirklich aufpassen, dass wir diese Texte nicht dazu missbrauchen, Traditionen zu zementieren, die in einer freiheitlichen, aufgeklärten Gesellschaft nicht mehr zu vertreten sind.

Das ist natürlich ein Problem einer weltweit agierenden katholischen Kirche. Denn das ist in vielen Ländern Afrikas oder Lateinamerikas noch gar nicht akzeptiert. Denken Sie an den Paragraf 175: Vor einigen Jahrzehnten sind im Namen des deutschen Volkes Männer dafür in den Knast gegangen.

Das Interview führte Carsten Döpp.

(DR)

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