Eine junge Frau beim Einkauf von Wurstwaren im Bioladen
Eine junge Frau beim Einkauf von Wurstwaren im Bioladen
Schwingt nicht gerne die moralische Keule: Bischof Genn
Schwingt nicht gerne die moralische Keule: Bischof Genn
Verzicht auf Fleisch? Wie war das in der Kirchenhistorie?
Fleischtheke in einem Supermarkt

25.08.2020

Warum sich Bischof Genn in einer Zwickmühle sieht "Ich kann die Leute nicht in den Bioladen schicken"

Nachdem der Münsteraner Sozialpfarrer Kossen den NRW-Landesverdienstorden für seinen Kampf gegen Ausbeutung in der Fleischindustrie erhalten hatte, beklagte er sich über zu wenig Rückhalt. Bischof Felix Genn erklärt, warum er zögert.

DOMRADIO.DE: Wie stolz sind Sie, dass Sie so einen unermüdlichen Kämpfer in Ihrem Bistum haben, der jetzt den Landesverdienstorden bekam?

Bischof Dr. Felix Genn (Bischof von Münster): Ich habe Herrn Kossen ganz herzlich dazu gratuliert und ihm meine Zustimmung übermittelt. Ich war übrigens auch vorher gefragt worden, ob das angemessen ist, ihn diesen Orden zu überreichen. Und da hatte ich überhaupt nichts gegen. Insofern habe ich das auch gestützt, und ich freue mich, dass auf diese Weise ein Engagement, das er über viele Jahre pflegt, anerkannt wird - auch von höchster politischer Stelle.

DOMRADIO.DE: Jetzt macht Pfarrer Peter Kossen, schon seit vielen Jahren auf die Missstände im Billiglohnsektor aufmerksam. Viel Kritik hat er dafür auch von so manchem Politiker und Unternehmer bekommen. Die Kirche solle sich nicht in Sachen einmischen, von denen sie keine Ahnung habe. Wie stehen Sie dazu?

Genn: Dieser letzte Satz ist von mir nicht zu unterschreiben. Ich habe Pfarrer Kossen immer wieder ins Gespräch genommen, aber nicht, um ihn zu kritisieren, sondern um mit ihnen darüber zu sprechen, was ich von meiner Seite aus tun könnte. Ich habe ihn immer gestützt und habe ihm mein Engagement zugesagt.

Allerdings musste ich auch immer wieder mit Menschen in Kontakt treten, die das sehr, sehr kritisch sehen. Und da komme ich auch an eine Grenze. Was ist jetzt die Sachlage im Einzelnen? Darüber kann ich mich nicht auslassen. Ich habe aber auch das Gespräch hinter den Kulissen oder besser gesagt nicht über die Medien mit politisch Verantwortlichen geführt und mich darüber genau erkundigt, was hier politisch noch mehr getan und verbessert werden kann. Da ist auch schon einiges geschehen durch Interventionen von Politikern, mit denen ich im Gespräch war. Aber es muss noch mehr geschehen.

Ich habe auch immer wieder den Rat bekommen, mich nicht bis in die Details dort einzumischen, sondern zu stützen. Auch die Verbände habe ich ermutigt. Sie sollten ihre ureigene Aufgabe wahrnehmen und dort, wo Arbeiter ausgebeutet werden, ihre Stimme erheben.

Es ist nicht so, als hätte ich dazu nichts getan. Aber ich sage Ihnen ganz ehrlich, wann hat man mal genug getan? Vor allen Dingen, wenn es um unterschiedliche Interessen geht, ist das gar nicht so einfach, erst recht nicht für einen Bischof.

DOMRADIO.DE: Sind Sie auch mit Gewerkschaften diesbezüglich in Kontakt?

Genn: Nein, ich bin mit Gewerkschaften nicht direkt im Kontakt, aber mit unseren Verbänden, zum Beispiel der katholischen Arbeiterbewegung KAB, einem starkem Verband in unserem Bistum, sowie dem Kolpingverband. Und ich spreche das immer wieder auch mit den Verantwortlichen an und sage: Hier ist jetzt nicht als allererstes der Bischof gefragt, sondern ihr seid als engagierte Laien gefragt und unterstützt das, was Prälat Kossen dort tut.

DOMRADIO.DE: "Es ist beschämend, wie lange wir in der Kirche weggeschaut haben". Das haben Sie selbst vergangene Woche bei einer Veranstaltung gesagt. Warum haben so viele in der Kirche die Füße stillgehalten?

Genn: Ich habe ganz genau gesagt: "Es ist beschämend, dass wir so lange, auch in der Kirche, weggeschaut haben". Das heißt, ich habe uns in Mithaftung genommen. Ich kann es Ihnen letzten Endes nicht sagen. Da ist auf der einen Seite die gesamte Verwicklung von Verbrauchern, Handel, Produzenten. Das ist ja eine Gemengelage. Und da gibt es ganz unterschiedliche Interessen.

Es kann sein, dass diese Interessen an dem Konsum von billigem Fleisch alles andere überschatten und dass wir dann vielleicht als Kirche zu wenig sensibel sind.

Ich sehe jedenfalls nicht unbedingt meine Aufgabe darin, ganz konkret den Menschen moralische Vorschriften zu ihrem Konsum und ihrem Essverhalten zu machen. Ich komme aus einer Generation, in der das mit den Vorschriften zu jedwedem Verhalten übertrieben wurde. Deswegen habe ich mir immer vorgenommen, als Priester nicht jetzt bis ins Detail zu gehen, sondern Grundlinien aufzuzeigen, um die Verantwortung herauszufordern und zu stärken. Ob man da jetzt mehr tun müsste oder ob ich jetzt auch noch über den Fleischkonsum predigen soll, da zögere ich.

DOMRADIO.DE: Es geht ja um den Billiglohnsektor, um Ausnutzung von Arbeitskräften. Natürlich spielen auch die Unternehmer eine Rolle, haben Sie gesagt. Die wollen Geld sparen, genau wie die Verbraucher, die das Billigfleisch kaufen. Aber in Predigten oder öffentlichen Äußerungen möchten Sie lieber nicht …

Genn: ...den Leuten vorschreiben "Kauft andere Steaks oder geht in den Bioladen." Das kann ich nicht machen. Ich habe allerdings schon auch öffentlich über die Zustände gesprochen, um darauf aufmerksam zu machen. Und ich habe das Gespräch mit Politikern gesucht.

DOMRADIO.DE: Sie sagen, auch die Kirche selbst stehe in dieser Diskussion in der Pflicht, also zum Beispiel bei der Verpachtung von landwirtschaftlichen Flächen oder auch beim Einsatz von regionalen Produkten in kirchlichen Einrichtungen, in Kantinen und ähnlichem. Haben Sie sich da für die Zukunft eine konkrete Änderung vorgenommen?

Genn: Im Bistum Münster machen wir in dieser Richtung schon sehr viel. Da ist die Verwaltung sehr sensibel. Außerdem haben wir jetzt neu einen Umweltbeauftragten. Die Vorgängerin hat das sehr wachgehalten. Wir machen eine Initiative "Fair einkaufen", da sind engagierte Leute tätig. Da habe ich auch schon Preise verliehen, um das zu unterstützen.

Und ich weise natürlich darauf hin, dass auch unsere Einrichtungen in dieser Frage sehr sensibel sind. Nur was ich als Bischof nicht kann, ist, durchzugreifen, was jetzt in dem und dem Bildungshaus wo und wie gekauft wird. Das ist eine Überforderung.

Das Interview führte Uta Vorbrodt.

(DR)

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