Ein neues Buch beschreibt Formen des geistlichen Missbrauchs
Ein neues Buch beschreibt Formen des geistlichen Missbrauchs

29.01.2019

Vor Gipfel im Vatikan: Buch zu geistlichem Missbrauch Analyse aus Sicht der Opfer

Missbrauch in der Kirche wird oft mit sexueller Gewalt assoziiert. Von geistlichem Missbrauch ist noch wenig die Rede. Ein neues Buch will das ändern. Es stammt von einer Ordensfrau, die selbst Missbrauch erfahren hat.

Ende Februar hat Papst Franziskus zum Spitzentreffen geladen: Die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen und Ordensgemeinschaften weltweit werden über die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle im kirchlichen Raum und die Konsequenzen beraten. Im Hintergrund der Gespräche wird es auch um andere Formen von Missbrauch gehen: unter anderem um geistlichen Missbrauch. Und zu diesem Feld ist jetzt ein Buch erschienen, das sich dem Thema erstmals ausführlich für den Bereich der katholischen Kirche widmet: Doris Wagners "Spiritueller Missbrauch in der katholischen Kirche".

Erlebnisse von Missbrauchsopfern

Spirituellen oder geistlichen Missbrauch gebe es überall, wo Menschen auf Sinnsuche sind und sich einer Begleitung anvertrauen, schreibt die Autorin. Aufgrund ihrer eigenen Biografie befasst sich Wagner mit geistlichem Missbrauch in der katholischen Kirche. Bereits 2014 hatte sie in ihrem Buch "Nicht mehr ich. Die wahre Geschichte einer jungen Ordensfrau" über eigene Missbrauchserfahrungen in der katholischen Gemeinschaft "Geistliche Familie - Das Werk" berichtet.

In ihrem neuen, im Freiburger Herder-Verlag erschienen Buch zitiert Wagner, die in Philosophie promoviert und inzwischen verheiratet und Mutter ist, auch die Erlebnisse anderer Opfer. Vor allem aus deren Sicht schildert sie das komplexe Phänomen geistlichen Missbrauchs und konzentriert sich auf aus ihrer Sicht spezifisch katholische Aspekte - im Unterschied etwa zu Sekten oder Freikirchen.

Nach einer Auseinandersetzung mit dem schillernden Begriff Spiritualität geht Wagner dezidiert auf die Notwendigkeit sowie die Grenzen spiritueller Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit ein, zwei Schlüsselbegriffe ihres weitgehend phänomenologischen Ansatzes.

Formen der spirituellen Vernachlässigung

Als drei Formen geistlichen Missbrauchs beschreibt Wagner spirituelle Vernachlässigung - ob durch Eltern oder gar Seelsorger -, spirituelle Manipulation sowie drittens spirituelle Gewalt. Toxisch wird Spiritualität laut Wagner dann, "wenn sie die Freiheit des Menschen grundsätzlich delegitimiert", indem sie den eigenen Willen, die persönliche Wahrnehmung sowie menschliche Bedürfnisse negativ deutet oder "für vollkommen fehlgeleitet hält".

Den "besten Weg, spirituell vergiftete Menschen zu erreichen", sieht Doris Wagner "im möglichst kundigen Dekonstruieren der genutzten schädlichen Ressourcen, einhergehend mit dem Anbieten von klug gewählten alternativen Spiritualitäten, einem möglichst zurückhaltenden und zugewandten Auftreten und dem Anbieten von gesunden und tragfähigen Beziehungen".

In zwei weiteren Kapiteln befasst sich die Autorin mit der ambivalenten Haltung der katholischen Tradition zu menschlicher Freiheit und damit zu spiritueller Selbstbestimmung. Kritische Anfragen an Kirchenrecht und kirchliches Lehramt versteht sie ebenso wie ihre Fragen an Betroffene, geistliche Begleiter und Institutionen als Anstoß für eine weitere Diskussion und Klärung.

Diskussion muss theologisch geführt werden

In seinem Vorwort sieht der Jesuit Klaus Mertes die tiefere Ursache für geistlichen Missbrauch in einer "tieferliegenden Verwechslung von geistlichen Personen mit der Stimme Gottes". Und da es bei geistlichem Missbrauch um die Frage nach Gott geht und nicht einfach um Glücksverheißungen, müsse die Diskussion auch explizit theologisch geführt werden. Grundlagen dafür sieht Mertes in den Exerzitien des Ignatius von Loyola und dessen geforderter Unterscheidung der Geister, ein Begriff, den auch Papst Franziskus immer wieder verwendet.

Dass auch Franziskus erst lernen musste, was geistlicher Missbrauch bedeutet, formuliert Mertes deutlich: "Es ging im Falle des einflussreichen chilenischen Priesters Karadima eben nicht nur um einen einzelnen Sexualstraftäter, sondern um ein weit verzweigtes seelsorgliches Missbrauchssystem, das nicht einfach aufhörte zu existieren, als der Meister des Kreises aufgrund seiner Sexualstraftaten verurteilt worden war."

Erst nach dem ausführlichen Bericht eines Sondergesandten sei bei Franziskus das tiefere Erschrecken angekommen über ein "System von Seelsorge" dass Missbrauch begünstigte. Für die von Wagner geforderte weitere Diskussion hat die Autorin also einen prominenten Unterstützer. Leichter wird die Debatte deswegen nicht unbedingt.

(KNA)

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