Personalkarussel bei der EKD
Synode der EKD

11.11.2018

EKD-Synode befasst sich auch mit Thema Missbrauch "Die Täter wurden geschützt – nicht die Kinder"

Bei der Vorstellung des Missbrauchsberichts der katholischen Bischöfe gab es auch Rufe nach einer Aufarbeitung in der evangelischen Kirche. Nun befasst sich die EKD-Synode damit.

Die Journalistin Kerstin Claus war 14 Jahre alt, als sie sich in einer schwierigen familiären Situation an ihren evangelischen Pfarrer wandte. Er versprach sich zu kümmern. Was er damit verband, war ihr damals nicht klar, wie Claus heute berichtet: Zwar sorgte er dafür, dass sie in ein evangelisches Internat kam, zugleich bedrängte der Pfarrer sie, wurde sexuell übergriffig und missbrauchte sie, bis sie 17 war. Erst Jahre später, als sie selbst Kinder hatte, konnte sie über das Erlebte sprechen.

Eine konstruktive Unterstützung von der bayerischen Landeskirche, an die sie sich 2003 erstmals wandte, habe sie nicht erhalten. Erst 2010 nahm die Staatsanwaltschaft Passau Ermittlungen auf. Da war der Fall bereits verjährt. Aber Claus wollte weiter kämpfen. Heute sitzt sie im Betroffenenrat beim Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung. Ihre Geschichte erzählte sie bei einem Hearing über Missbrauch in den Kirchen. Die heute 49-Jährige richtet klare Forderungen an die evangelische Kirche, um anderen das zu ersparen, was ihr angetan wurde.

Sich dem Thema stellen

Sie spricht sich für eine zentrale Anlaufstelle aus, an die sich Betroffene wenden können. Zudem gebe es anders als bei der katholischen Kirche noch keinen Versuch, sämtliche Taten zu erfassen und aufzuarbeiten. Ihre Appelle und die anderer hatten Erfolg: Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) will sich dem Thema stellen. Nachdem die katholische Bischofskonferenz bei ihrer Herbstvollversammlung im September eine von ihr in Auftrag gegebene Studie zu sexueller Gewalt vorgestellt hatte, steht das Thema in der kommenden Woche bei der EKD-Synode in Würzburg auf der Tagesordnung.

Kritiker wie die erste Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann, werfen der EKD mangelndes Engagement bei der Aufarbeitung vor. Wie Kerstin Claus plädiert Bergmann, die selbst in der evangelischen Kirche aktiv ist, für eine umfassende Studie über den Umfang von Missbrauch. Bisher gibt es dazu lediglich Anhaltspunkte und Schätzungen.

Ein Katalog von Maßnahmen

Erste Erkenntnisse bietet eine repräsentative Studie, die Wissenschaftler um den Ulmer Psychiater Jörg Fegert in diesem Jahr veröffentlicht und für die sie rund 2.500 Menschen zu Erfahrungen sexuellen Missbrauchs in kirchlichem Umfeld in Kindheit und Jugend befragt haben. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung in Deutschland kamen sie dabei auf die erschreckende Zahl von 200.000 Opfern im Bereich der christlichen Kirchen. Im Vorfeld der Synode hatte die EKD einen Beauftragtenrat einberufen.

Diesem gehören neben der Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs auch die Bischöfe Jochen Cornelius-Bundschuh (Baden) und Christoph Meyns (Braunschweig) an. Zudem habe die Kirchenkonferenz der EKD im September "einen Katalog von Maßnahmen beschlossen, der jetzt in alle Landeskirchen transportiert wird".

"Der Täter wurde geschützt – nicht die Kinder"

Es seien besonders die Berichte der Betroffenen wie Kerstin Claus, die erschütterten, so Bergmann weiter. Die Kinder und Jugendlichen hätten keine Chance gegenüber der Autoritätsperson des Pfarrers. Auch in der evangelischen Kirche seien Pfarrer versetzt worden, die sexuelle Übergriffe begangen hätten. "Der Täter wurde geschützt – nicht die Kinder", so Bergmann. Betroffene seien beim Versuch, ihre Geschichte aufzuarbeiten, oft auf eine "Mauer des Schweigens" gestoßen.

Auch die unabhängige Aufarbeitungskommission, in der Bergmann vertreten ist, fordert mehr: Nur durch eine Anerkennung der Schuld, die klare Übernahme der Verantwortung und eine konsequente Aufarbeitung könne die Kirche Vertrauen zurückgewinnen, erklärte sie im Vorfeld der Synode.

(KNA)

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