Nach jahrlangem Schweigen hat ein Vertreter der Hiltruper Missionare den sexuellen Missbrauch von Internatsschülern eines katholischen Gymnasiums und das Versagen des Ordens öffentlich eingeräumt. "Die Opfer haben damals keinen ausreichenden Schutz erfahren. Der Orden der Herz-Jesu-Missionare bittet um Vergebung", sagte der Superior des Konvents, Pater Ludger Holtmann, bei der Einweihung eines Gedenkorts am Johanneum im saarländischen Homburg am Freitag.

Für die Betroffenen ist das eine späte Anerkennung der Schuld. "Ich muss das erst mal sackenlassen", sagte Christian Dehn, einer von zwölf Betroffenen, die bereits 2010 die Übergriffe der Pater öffentlich gemacht hatten. Sein Leidensgenosse Bernhard Raffel wollte sich zu dem Gehörten erst mal nicht äußern. Jahrelang hatten die beiden zusammen mit anderen Betroffenen vergeblich darum gekämpft, dass der Orden sich öffentlich zu den Taten seiner Mitglieder bekennt.

Hohe Dunkelziffer

Auf dem Gelände des Johanneums, insbesondere in den Schlafsälen des inzwischen geschlossenen Internats, haben sich Pater vor allem in den 1960er und 70er Jahren immer wieder an ihren Schutzbefohlenen vergangen. Zwölf Opfer haben sich offenbart, es wird von acht Tätern ausgegangen. Die Dunkelziffer liegt nach Einschätzung der Betroffenen weitaus höher.

In seinem Bericht an den Johanneumkreis von 2011 erzählt Raffel etwa davon, wie sich ein Pater in den 70er Jahren an sein Bett gesetzt und ihn befriedigt habe. Gott sei Dank habe er nicht zu den "Lieblingen" des Paters gehört, die er wohl auch vergewaltigt habe.

Nachdem die Gespräche mit dem Orden ohne Ergebnis blieben, hätten viele andere Betroffene darauf verzichtet, ihre eigenen Geschichte öffentlich zu machen, berichtet Raffel im Internet. Der Anstoß zum Besinnen von Schule und Orden kam jetzt von der jungen Generation. Sechs ehemalige Schüler, Abiturjahrgang 1992, fanden sich vor mehr als einem Jahr zu einem Initiativkreis zusammen.

Lange Jahre ohne Reaktion

Nachdem Orden und Schule lange nicht reagiert hatten, ließen sie kurzerhand eine Skulptur fertigen - als ein Element für einen Erinnerungsort an der Schule, der am Freitag feierlich eröffnet wurde. Das Sitzmöbel aus Stahl und einer Panzerglasplatte mit einem Erinnerungstext ist eckig, schräg und rostig und soll die Schüler zum Nachdenken anregen. "Die Jungen haben das erreicht, wofür wir uns jahrelang die Köpfe eingerannt haben", sagte Bernd Held, ein anderer ehemaliger Internatsschüler.

Möglich wurde der Gedenkort wohl auch, weil inzwischen die Schulleitung gewechselt hat. Der neue Schulleiter, Oliver Schales, gerade erst ein paar Wochen im Amt, griff die Initiative der ehemaligen Schüler auf. Eigenhändig schaffte er Steine aus einem Steinbruch in Frankreich heran, die jetzt als weiterer Teil des neuen Gedenkorts an der Schnittstelle zwischen Schule und ehemaligem Internat aufgestellt wurden. Sie sollen von Schülern bearbeitet werden und zu weiteren Diskussionen über sexualisierte Gewalt anregen.

Achtsamkeit erforderlich

Schales blickt nach vorn: "Wir sind nicht in einem Gerichtssaal, sondern in einer Schule." Das Motto solle sein: "Aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen." Achtsamkeit, Hinhören, Hinschauen und Handeln seien wichtig, damit so etwa nicht wieder geschehe. Für die Aufarbeitung sei der Orden selbst zuständig. Die acht identifizierten übergriffigen Pater wurden inzwischen versetzt, pensioniert oder sind gestorben. Juristisch wurde keiner belangt. "Ich würde mir wünschen, dass der Orden anerkennt, dass es ein 'institutionelles Wissen' gab", sagt der Betroffene Held.

Am neuen Gedenkort steht auch eine Tafel des Elternbeirats, der an die dunkle Vergangenheit erinnert. "Ich fühle mich von Eltern, Lehrern und Schülern voll unterstützt", sagt Schulleiter Schales. Allerdings könne er nicht ausschließen, dass einige Eltern die Aufarbeitung nicht so gerne sehen würden. Michael Hackert, Sprecher der Initiative der Ehemaligen, berichtet, dass es bei einigen Eltern Widerstände gegeben habe, die "Eliteschule", auf die sie ihr Kind schickten, mit Missbrauch in Verbindung zu bringen.

Streit um Skulptur

So sei auch über den ersten Satz auf der Skulptur gestritten worden. Dort heißt es: "Hier am Johanneum wurden seit den 1960er Jahren Schülerinnen und Schüler von Angehörigen des Ordens Hiltruper Herz-Jesu-Missionare wiederholt sexuell missbraucht." Gegner hätten argumentiert, das suggeriere, dass der Missbrauch weitergehe.

Für das Bistum Speyer sprach dessen Präventionsbeauftragter Thomas Mann. Er betonte: "Vergessen und Verdrängen sind keine Option." Kirchenrechtlich ist der direkt dem Vatikan unterstellte Orden der Herz-Jesu-Missionare für die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle selbst verantwortlich. Aber um zu demonstrieren, wie wichtig dem Bistum die Aufarbeitung des Missbrauchs ist, war auch Generalvikar Andreas Sturm zur Einweihung des Gedenkorts gekommen. Am Dienstag stellt die Deutsche Bischofskonferenz bei ihrer Herbst-Vollversammlung eine von ihr in Auftrag gegebene Studie zum Missbrauch in der katholischen Kirche vor.

Jörg Fischer

epd