17.08.2018

Kinderschutzexperte Zollner zur Missbrauchsdebatte Agieren statt Reagieren

Nicht erst auf die Medien warten, sondern proaktiv handeln - das fordert Hans Zollner von der Päpstlichen Kinderschutzkommission in der Debatte um Missbrauch in der katholischen Kirche. In Sachen Aufarbeitung habe sich jedoch schon vieles zum Positiven verändert.

DOMRADIO.DE: Aus dem Vatikan hieß es zum Missbrauchsskandal in den USA, für die Gefühle nach dem Bericht der Staatsanwaltschaft gebe es nur zwei Worte: "Scham und Trauer". Die geschilderten Fälle seien verbrecherisch und moralisch verwerflich. Allerdings kritisierte der Fernsehsender CNN, die Reaktion komme spät. Der Papst sei bereits Ende Juli auf die bevorstehende Veröffentlichung hingewiesen worden. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Pater Hans Zollner (Psychologe, Leiter des Kinderschutzzentrums an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Mitglied der Päpstlichen Kinderschutzkommission): Dass der Papst selbst etwas davon gewusst haben kann, sei nochmal dahingestellt. Der Bericht wurde den entsprechenden Stellen im Vatikan übergeben. Natürlich hätte man sich besser vorbereiten können, das ist keine Frage. Warum die Reaktion jetzt kommt, weiß ich nicht. Aber sie ist - nach all dem, was ich auch im Echo darauf gesehen habe - als sehr stark, treffend und zielführend kommentiert worden.

DOMRADIO.DE: Die Bischofskonferenz in den USA hat ja jetzt Reformen angekündigt: Neue und vertrauliche Kanäle sollen geschaffen werden, um Beschwerde gegen Bischöfe vorzubringen, die selbst Missbrauch begangen oder vertuscht haben. Opfern müsse es leichter gemacht werden, Fehlverhalten von Kirchenoberen anzuzeigen. Sie selber arbeiten ja auch an einem ganzen Maßnahmenkatalog, um Missbrauch zu verhindern. Reichen diese Ansätze in den USA?

Zollner: Ja, ich glaube, das ist das am Weitestgehende, was es bisher überhaupt gibt. Und man sieht ja aus den Zahlen des Berichtes, der diese Woche vorgestellt wurde, dass die Anklagen, die sich auf Missbrauch aus den letzten zehn bis 20 Jahren beziehen, fast gegen Null tendieren. Das ist genau die Zeit, ab 2002, seit der die amerikanische Bischofskonferenz begonnen hat, ganz stark und konsistent Präventionsschulungen durchzuführen. Alle Priester und alle pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - sowohl die hauptamtlichen als auch die ehrenamtlichen -  wurden verpflichtet, regelmäßig jedes Jahr mehrtägige Schulungen durchzuführen. Und das Resultat ist, dass es eben praktisch keine neuen Anfragen mehr gibt. Das heißt, diese Maßnahmen greifen.

Allerdings ist zu bedauern, dass das, was jetzt aufgekommen ist - wo es ja vor allem um Vertuschung von Missbrauch durch die Bischöfe über die letzten 70 Jahre geht - dass das so lange gedauert hat. Und dass man erst jetzt Maßnahmen ergreift, um auch dort eingreifen zu können; nicht nur, wo Missbrauch geschieht sondern auch, wo versucht wird, diesen zu vertuschen, zu beschönigen oder Opfern nicht gerecht zu werden.

DOMRADIO.DE: Stichwort Vertuschung: Sie sind auch Psychologe. Viele Menschen haben den Eindruck, es wird immer nur zugegeben, was sowieso schon rausgekommen ist. Wie wichtig ist es, offensiver mit der Aufarbeitung umzugehen?

Zollner: Natürlich wäre es das Beste, wenn das geschehen würde. Leider stellen wir fest - auch über die letzten Jahre und Jahrzehnte - dass das eben nicht passiert und dass man auf die Öffentlichkeit und auf die Medien erst wartet, bis man wirklich reagiert. Ich habe den Eindruck, dass die Bischöfe in einigen Ländern verstanden haben, dass man agieren und nicht nur reagieren muss.

Zum Beispiel war ich kürzlich in Costa Rica oder in Salvador. Und ich hatte wirklich den starken Eindruck, dass die Bischöfe, genauso wie die Provinziäle der Jesuiten in Afrika, begriffen haben, dass sie proaktiv etwas tun müssen und dass sie sich nicht einfach nur zurücklehnen oder warten, bis der Skandal öffentlich oder groß geworden ist. Dass sie stattdessen auf Opfer zugehen, dass sie Menschen einladen, nach vorne zu kommen, tatsächlich das zu benennen, was ihnen passiert ist und dass sie ihnen dann die entsprechende Hilfe anbieten. Und dass sie zum anderen alles tun, damit heute kein weiterer Missbrauch geschieht - Präventionsarbeit.

DOMRADIO.DE: Auch in Deutschland gibt es ja Kritik: Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, kritisiert, die Kirche sehe die Aufarbeitung wohl oft noch als Gefahr für die eigene Institution. Die Deutsche Bischofskonferenz hat darauf reagiert und die Anschuldigungen zurückgewiesen. Wo steht Deutschland denn Ihrer Meinung nach in Sachen Aufarbeitung?

Zollner: Ich lebe nicht in Deutschland und ich kann dazu ziemlich wenig sagen. Ich glaube, dass im Großen und Ganzen die Aufarbeitung durchaus vorankommt. Ich glaube aber auch, dass es in einigen Fällen tatsächlich so ist, dass weiterhin auch einiges auf die lange Bank geschoben wird oder dass man sich nicht wirklich mit den Dingen auseinandersetzt, dass man nicht in den Spiegel schaut und alles tut, damit Menschen, die verletzt worden sind, auch Gerechtigkeit erfahren. Das ist sicherlich in einigen Fällen tatsächlich noch so.

Ich glaube aber, dass insgesamt das Klima in Deutschland, Österreich und in der Schweiz so ist, dass man heute viel mehr als noch vor neun Jahren - bevor wir also begonnen haben, uns mit diesen Fragen auseinanderzusetzen - zuständige Stellen eingerichtet hat. Man weiß jetzt, wo man hingehen muss, auch als Betroffener. Man findet Ansprechpartner. Ich kenne sehr viele, die in den Diözesen und Ordensgemeinschaften zu diesem Thema arbeiten. Und die Rückmeldung von Betroffenen hat sich insgesamt sehr zum Positiven verändert. Allerdings wird es nicht so sein, dass das alle in allen Punkten zufriedenstellt. Davon müssen wir leider auch ausgehen.

DOMRADIO.DE: Es geht bei der Aufarbeitung dieser Fälle auch darum, Vertrauen für die Zukunft zu schaffen. Wie kann man z.B. Eltern vermitteln, dass ihre Kinder in Ministranten-Gruppen, in Ferien-Freizeiten heute sicher sind? Was würden Sie denen sagen?

Zollner: Die Fälle, die jetzt bekannt werden, liegen ja 15 bis 30 Jahre zurück. Damals gab es keine Präventionsschulungen, keine Leitlinien, keine Verpflichtungserklärung, die heute alle eingefordert oder durchgeführt werden. Heute sind Kinder in den katholischen Freizeiten, Ministrantengruppen und Erstkommuniongruppen so sicher wie noch nie zuvor. Denn alle diese Maßnahmen gibt es heute und sie werden eingefordert. So sehr, dass es heute in Pfarreien schwierig ist, Freiwillige zu finden, wegen der vielen Schulungen, die man dafür durchlaufen muss.

Ich habe außerdem die Rückmeldung aus Deutschland, dass es an katholischen Schulen keinen wirklichen Rückgang an Anmeldezahlen gibt. Im Gegenteil: Die katholischen Schulen sind ja weiterhin voll und auch Ministrantengruppen haben keine wirklichen Einbrüche erlitten - nach dem, was ich so höre. Das heißt, Eltern verstehen auch, dass heutzutage eine völlig andere Aufmerksamkeit herrscht und dass ein völlig anderer Standard da ist als noch vor zehn Jahren. Insofern sehe ich das Problem, weil man heute über Fälle redet und verständlicherweise sehr enttäuscht, wütend, ärgerlich und sehr besorgt ist. Aber auf der anderen Seite bezieht sich all das auf den Zeitraum von bis zu 70 Jahren.

(DR)

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