Opfer sexuellen Missbrauchs (Symbolbild)
Missbrauch in der US-Kirche

15.08.2018

USA-Experte Klaus Prömpers zum Missbrauchsskandal in der US-Kirche "Die Kirche hat ein Glaubwürdigkeitsproblem"

Nicht nur die Dimension der Vorfälle schockiert, auch die jahrzehntelange Vertuschung: Die US-Behörden beschuldigen mehr als 300 Priester, mindestens 1.000 Kinder missbraucht zu haben. Eine Einordnung des USA-Experten Klaus Prömpers.

DOMRADIO.DE: ​Sie verfolgen diesen Skandal seit vielen Jahren. War diese Dimension der Vertuschung für Sie eine Überraschung?

Klaus Prömpers (ehemaliger ZDF-Korrespondent in New York und USA-Experte): Ja und Nein. Zunächst mal erschüttert natürlich, dass in sechs von acht Diözesen im Bundesstaat Pennsylvania über tausend Kinder mindestens betroffen gewesen sein sollen. Der Bericht spricht ja davon, dass es wahrscheinlich noch wesentlich mehr sind, die sich aber teilweise bis heute nicht trauen, über ihre traumatischen Erlebnisse zu berichten.

Und der Bericht macht eindeutig auch klar, dass große Teile der katholischen Kirche in den vergangenen Jahrzehnten - also in den letzten 70 Jahren - eher bereit waren zu vertuschen als offenzulegen. Das ist nicht überall so. Aber in etlichen dieser Diözesen traf das wohl so zu.

DOMRADIO.DE: Es geht da unter anderem um die Rolle von Donald Wuerl, heute Erzbischof von Washington, zuvor aber Bischof von Pittsburgh in Pennsylvania. Damit hatte er die Verantwortung in dem Bundesstaat, in dem die Ermittler tätig waren. Was genau wird ihm denn vorgeworfen?

Prömpers: Konkret wird ihm vorgeworfen, einen Fall vertuscht zu haben, also die Öffentlichkeit nicht aufgeklärt zu haben über die offensichtliche Gefährlichkeit eines Priesters, den er dann in eine Diözese außerhalb seiner Diözese Pittsburgh weiterempfohlen hat. Gerade vor einem Monat erst hat Papst Franziskus Wuerls Vorgänger quasi aus sämtlichen Ämtern rausgeschmissen und ihn in ein Kloster verbannt. Kardinal McCarrick war ebenfalls vorgeworfen worden, in der Vergangenheit vertuscht zu haben. Und der Papst hat ihn nun fast aller seiner Ämter entpflichtet.

Das ist ein Trend, der in den USA ja schon seit 2002 - seit den ersten Veröffentlichungen in Boston - zutage getreten war. Damals war einer der ersten, die zurücktreten mussten, der Bostoner Kardinal Bernard Francis Law im Jahre 2004. Auch er hatte mehrere Fälle vertuscht. Mittlerweile wird insgesamt 34 amerikanischen Bischöfen vorgeworfen, vertuscht zu haben, teilweise auch selber sexuellen Missbrauch betrieben zu haben.

DOMRADIO.DE: Was einem ja sofort irgendwie übel aufstößt ist, dass das Ganze so wahnsinnig lange dauert. Auch in Pittsburgh wurden schon 2002 erste Fälle öffentlich. Seitdem sind 16 Jahre vergangen, bis man diesen Bericht jetzt veröffentlicht hat. Warum dauert das so lange?

Prömpers: Der konkrete Bericht, der auf den Justizminister des Bundesstaates Pennsylvania zurückgeht, ist im Grunde vor zwei Jahren begonnen worden. Da hat sich der Staat daran gemacht, gegen Widerstand offensichtlich auch der Kirche, die Sache endlich mal umfassend aufzuklären, tausende von Zeugen zu hören. 17 dieser Zeugen saßen auch hinter dem Justizminister, also der jetzt in einer Pressekonferenz den Bericht vorstellte. Sie waren teilweise fassungslos und weinten auf offener Bühne, als angesprochen wurde, was ihnen widerfahren war.

Warum dauert es so lange? Weil eben innerhalb der Kirche sehr ungern bekannt wird, was da in den letzten 70, 80, 90, 100 Jahren vorgefallen ist. Etliche Diözesen sind auch über diese Vorfälle bankrottgegangen. Denn sie mussten Schadensersatz, Schmerzensgeld und Betreuung für Opfer zahlen und gingen dabei finanziell in die Knie. Man möchte zu Recht sagen, aber dennoch natürlich unangenehm. Und die Aufklärungsbereitschaft ist in der neueren Generation der Bischöfe eher stärker zu verankern, als in der älteren Generation.

DOMRADIO.DE: Was wissen Sie denn über Reaktionen auf diesen Bericht in der US-Öffentlichkeit?

Prömpers: Es gibt innerhalb dieser sechs Diözesen sehr unterschiedliche Reaktionen. 14 der im Bericht genannten Missbrauchs-Verursacher haben gerichtlich durchgesetzt, dass ihre Namen im Bericht zunächst einmal geschwärzt werden. In der Diözese Pittsburgh hat der Bischof verordnet: Alle Namen werden genannt, am kommenden Sonntag in der Kirche - ohne Rücksicht auf Verluste sozusagen. Es gibt also da zunächst einmal durchaus neue Aufklärungsbereitschaft. Auf der anderen Seite haben alle Bischöfe der Diözesen gesagt: Wir beten für die Opfer und für die Missbrauchsverursacher. Aber das wird natürlich den Opfern nicht wirklich weiterhelfen. 

DOMRADIO.DE: Wir müssen ja auch bedenken, wir reden hier von Missbrauchsfällen in einem einzigen US-Bundesstaat. Wie sieht es denn anderswo in den USA in Sachen Transparenz und Aufarbeitung aus? Sie haben den Fall Boston schon genannt.

Prömpers: Es kommt seit 2002 einiges in Gang. Und es hat einiges an Erschütterungen gegeben. Wie gesagt, insgesamt 34 Bischöfe wurden bisher in den Fokus genommen. Davon sind etliche mittlerweile vom Vatikan - von den letzten drei Päpsten Johannes Paul II, Benedikt und Franziskus - schon ihrer Ämter entpflichtet worden, teilweise auch ins Kloster - wenn man so will - verbannt worden.

Das Problem dieses Berichtes ist, wie so häufig bei der Aufklärung: Lediglich in zwei Fällen der 300 Missbrauchsverursacher wird es zu gerichtlichen Verfahren kommen, weil die Kirche bisher auch relativ erfolgreich im Bundesstaat Pennsylvania dafür gearbeitet hatte, dass Verjährungsfristen relativ kurz waren. Das wird sich nach diesem Bericht sicherlich ändern - im Staat Pennsylvania, aber wahrscheinlich auch in anderen Bundesstaaten der USA. Sodass auch länger zurückliegende Vorfälle wirklich gerichtlich aufgeklärt werden können und diejenigen, die Missbrauch verursacht haben, auch strafrechtlich und kriminell zur Rechenschaft gezogen werden können.

DOMRADIO.DE: Was bedeuten diese neuen Erkenntnisse auch für das Image der katholischen Kirche in den USA. Welche Folgen könnte das jetzt haben? 

Prömpers: Das ist natürlich ein Glaubwürdigkeitsproblem. Man hatte ja in manchen Kreisen der katholischen Kirche gehofft, man habe durch Aufklärung in den letzten 16 Jahren doch an Glaubwürdigkeit zurückgewonnen. Aber dieser jüngste Bericht aus Pennsylvania beweist, dass das Ganze ein sehr mühsames Unterfangen ist, was immer noch auf teilweisen Widerstand der Kirche stößt.

Das ist jetzt konkret in den sechs Diözesen nicht mehr der Fall. Man hat auch die Geheimarchive der Bischöfe geöffnet. Archive, die häufig im Büro des Bischofs waren und wozu nur er den Zugang hatte. Die jüngeren Bischöfe sind natürlich mittlerweile bereit, das alles offenzulegen, weil sie sehen: Sonst ist die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in den USA komplett gefährdet.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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