Pflege im Krankenhaus
Pflege im Krankenhaus

15.06.2017

Experten fordern mehr Maßnahmen gegen Gewalt in der Pflege Eklatante Mängel

Mehr Pflegepersonal, Fehlermeldesysteme und Anti-Agressionstraining: Das sind einige der Maßnahmen, die Experten vorschlagen, um Gewalt in der Pflege zu vermindern.Das Thema gilt als Tabu, die Dunkelziffer ist hoch.

Pflegebedürftige als Opfer, Pflegebedürftige als Täter: Pflegeheime, aber auch die Pflege daheim werden immer wieder Schauplatz von Gewalt. Dabei gibt es Aggressionen auf allen Seiten: Alte, gebrechliche Menschen müssen ihre Unabhängigkeit aufgeben, sind frustriert und aggressiv. Umgekehrt sind Pflegekräfte überlastet, lassen die Patienten ihre Macht spüren. Und Angehörige sind hin- und hergerissen zwischen Mitleid, Schuldgefühlen und Überforderung.

Eine am Mittwoch - aus Anlass des Welttags gegen die Misshandlung älterer Menschen - in Berlin veröffentlichte Studie des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP) fordert Abhilfe und listet eklatante Mängel in vielen Pflegeheimen auf. 46 Prozent der befragten Pflegedienstleitern und Qualitätsbeauftragten gaben an, dass es in ihren Heimen kein speziell zur Vorbeugung und für den Umgang mit Aggression und Gewalt geschultes Personal gibt. 28 Prozent berichteten, dass Gewaltvorkommnisse nicht in einem Fehlerberichtssystem angegeben werden könnten. In 20 Prozent der Einrichtungen ist das Thema nicht ausdrücklich Bestandteil des Qualitätsmanagements.

Für den ZQP-Vorstandsvorsitzenden Ralf Suhr ist klar: Notwendig sind vor allem eine Fehlerkultur, der Einsatz von mehr Pflegepersonal, aber auch eine bessere fachliche Ausbildung der Pflegekräfte zu den Themen Konflikte, Aggression und Gewalt. Die Deutsche Alzheimer Gesellschaft (DAlzG) forderte mehr Entlastungs- und Beratungsangebote für pflegende Angehörige im häuslichen Bereich.

Problem: Gewalt in der Pflege ist ein ​Tabuthema

Zum Ausmaß der Gewalt gibt es nur wenige Studien. Das Thema gilt als Tabu, die Dunkelziffer ist hoch. Zwar ziehen spektakuläre Fälle wie die Mordserie um den Delmenhorster Pfleger Niels H., der mindestens 33 Patienten auf dem Gewissen haben soll, große Aufmerksamkeit auf sich. Doch Gewalt in der Pflege ist meist wesentlich subtiler: Verletzung des Schamgefühls, Mängel in der Ernährung, Verwahrlosung, verbale Attacken und körperliche Angriffe gehören dazu. Der Übergang zwischen ruppigem Verhalten und körperlicher oder psychischer Gewalt ist dabei oft fließend.

Eine bereits im Januar veröffentlichte Umfrage des ZQP unter Mitarbeitern von Pflegeheimen und ambulanten Diensten erlaubt zumindest einen Einblick: Demnach berichtete jeder dritte der etwa 1.000 befragten Mitarbeiter, dass die Rechte der Betroffenen missachtet werden - und zwar regelmäßig. Mehr als die Hälfte (58 Prozent) gab an, dass das Personal über den Willen der Pflegebedürftigen hinweg handele.

Missbrauch auf verschiedene Weisen

Knapp jeder Zweite wurde schon einmal Zeuge, dass notwendige Hilfe nicht oder viel zu spät gegeben wurde. 39 Prozent erlebten, dass die Privatsphäre missachtet wurde, und 36 Prozent haben mitbekommen, wie Alte und Kranke aggressiv angesprochen oder gar beschämt wurden.

Debatten gibt es seit langem über das Ausmaß und die Notwendigkeit von Fixierungen unruhiger Heimbewohner. Die Alzheimer-Gesellschaft verwies am Mittwoch darauf, dass auch die Gabe von Beruhigungs- und Schlafmitteln eine Form der Misshandlung sein kann: Nämlich, wenn die Medikamente nur gegeben werden, um jemanden "pflegeleichter" zu machen. Laut AOK-Pflegereport 2017 erhalten zahlreiche Pflegeheimbewohner, insbesondere Demenzkranke, zu viele Psychopharmaka und Antidepressiva.

Präventionsmaßnahmen nötig

Dabei sind die Pflegebedürftigen keineswegs nur Opfer: Die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) geht von einer hohen Dunkelziffer bei Übergriffen von Patienten auf Pflegepersonal aus. Viele Fälle würden nicht gemeldet, weil es sich um tabuisierte Themen wie sexuelle oder rassistische Übergriffe auf Mitarbeiter handele.

Suhr appellierte an die Politik, das Thema Gewaltvorbeugung zu einem "zentralen Punkt der pflegepolitischen Agenda nach der Bundestagswahl" zu machen. Maßnahmen zur Prävention müssten auch bei der Reform des Pflege-TÜVs berücksichtigt werden. Durch ihn sollen Pflegebedürftige und ihre Angehörigen verlässliche Informationen bei der Auswahl eines Heims erhalten.

Christoph Arens
(KNA)

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