Massentierhaltung in Deutschland
Massentierhaltung in Deutschland
Dr. Rainer Hagencord
Dr. Rainer Hagencord

14.02.2017

Tierrechtler sieht Kirche bei artgerechter Haltung in der Pflicht "Fleischindustrie ist System struktureller Sünde"

Die artgerechte Tierhaltung ist ihm ein Anliegen: Deshalb sendet der Theologe und Tierrechtler Rainer Hagencord bei domradio.de auch einen besonderen Appell an die Christen, ihr Verhalten und Handeln zu überdenken.

Wenn es ums Tier geht, messen Menschen der westlichen Welt mit zweierlei Maß: Hund, Katze und Wellensittich behandeln sie quasi als bessere Menschen, verwöhnen sie mit teurem Futter. Schweine, Kühe und Hühner dagegen pferchen sie auf engstem Raum zusammen und verarbeiten sie nach einem manchmal tierunwürdigen Dasein unter anderem zu Dosenfutter für ihre Schoßhündchen.

Tiere als Mitgeschöpfe begreifen

"Das sind zwei Sichtweisen auf die Tiere, die beide nicht stimmen", sagt der Theologe und Tierrechtler Dr. Rainer Hagencord. Sein Credo: Weder sind Haustiere bessere Freunde, noch sind Puten, Hühner und Schweine Rohlinge der Fleisch-, Eier- und Milchindustrie. Der Leiter des Instituts für Theologische Zoologie in Münster plädiert deshalb dafür, Tiere als Mitgeschöpfe zu begreifen, die Gott nicht für den Menschen, sondern auf Augenhöhe mit ihm geschaffen hat.

"Franziskus von Assisi nennt den Esel Bruder, Papst Franziskus macht in seiner Enzyklika 'Laudato si' das Thema Geschwisterlichkeit stark." Geschwisterlichkeit sei dabei die poetische Übersetzung dessen, was die Biologie Verwandtschaft nennt, "dass wir eben nicht vom Himmel gefallen sind."

Wenige Gewinner - viele Verlierer

Wer aber Tiere als Mitgeschöpfe betrachte, stehe in der Verantwortung, sie auch als solche zu behandeln, so Hagencord weiter. "Wenn wir schauen, wie heute Fleisch hergestellt wird, sehen wir schnell, dass die Fleischfrage eine Systemfrage ist." Im Einklang mit anderen Theologen beschreibt er das System der Massentierhaltung und der Fleischindustrie als "System der strukturellen Sünde, weil sich in diesem System nur die Fleisch- und die Pharmaindustrie dumm und dämlich verdienen". Alle anderen verlieren in Hagencords Augen: die Landwirte, der Boden, das Grundwasser, die Artenvielfalt; Tiere verlieren ihre Würde, Menschen ihre Gesundheit.

Auch in diesem Punkt sieht sich der Theologe ausdrücklich durch die Umweltenzyklika von Papst Franziskus gestärkt. Der Papst stelle in seinem Schreiben klar, dass die Erde nicht in erster Linie für den Menschen da sei, sondern dass die Geschöpfe einen Eigenwert hätten. "Das muss man mal auf eine Putenmastanlage schreiben. Da weiß man, in welche Richtung das gehen kann", meint Hagencord, der selbst seit sechs Jahren auf Fleisch verzichtet. Das sei ihm nicht leicht gefallen, da er eigentlich gerne Fleisch esse; er habe jedoch festgestellt, dass auch die vegetarische Küche eine sehr "kreative und wunderbare Küche" sei.

Auf das Gewissen hören

Jeder Christ müsse bei der Entscheidung über den eigenen Fleischkonsum auf sein Gewissen hören. Er tue sich immer schwer mit Formulierungen wie "man muss, man darf nicht", rate aber dazu, zu überlegen, was "wir über dieses System" und "über die biblische Würdigung der Tiere" wissen. Dann komme man schnell dahin zu sagen: "Ich weiß nicht, ob ich das dann noch darf oder will oder kann."

In Sachen Fleischindustrie sieht der Tierrechtler gerade auch die katholische Kirche in der Pflicht. Schließlich gebe es in fast allen katholischen Krankenhäusern, Altenheimen und Kitas Kantinen. Die Betreiber sollten sich fragen, ob es nicht besser wäre, mit Landwirten zusammenzuarbeiten, die auf ökologischen Landbau umstellen wollen. Solche Betriebe brauchten heute Unterstützung. "Da könnte eine wunderbare Synergie erfolgen. An der Stelle hat die Kirche infrastrukturelle Macht", ist Hagencord überzeugt.

Päpstliche Argumente

Auf den Vorwurf, er solle sich erst einmal um die Not von Menschen weltweit kümmern, bevor er an das Elend der Tiere in Massenhaltung denke, könne er seit "Laudato si" jetzt "sogar päpstlich argumentieren", so der Theologe. Papst Franziskus lasse in seinem Schreiben nämlich keinen Zweifel daran, dass die soziale und die ökologische Frage zutiefst zusammenhängen.

Dadurch, dass die EU etwa hochsubventioniertes Fleisch nach Afrika exportiere, zerstöre sie lokale Märkte, erklärt Hagencord. So könne die Hühnerzüchterin aus dem Senegal ihr Fleisch nicht mehr verkaufen, in der Folge versuche der Sohn sein Glück eben in Europa. Genauso fische die EU-Flotte vor der Küste Senegals in einer industriellen Weise die Fischgründe leer. "Dass bei uns die Flüchtlingsströme ankommen, hat auch damit zu tun, dass wir eine falsche Form der Lebensmittelversorgung exportieren", ist Hagencord überzeugt.

Hilde Regeniter
(dr)

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