Bruder Paulus Terwitte
Bruder Paulus Terwitte

03.09.2015

Bruder Paulus über das Foto eines toten Flüchtlingsjungen "Wir brauchen diese Bilder nicht"

Das Foto eines ertrunkenen Flüchtlingsjungen an einem Strand im türkischen Bodrum ist allgegenwärtig. Das Bild wird in den Medien als Symbol für das Versagen der Europäischen Flüchtlingspolitik benutzt  – zu Unrecht, sagt Medienethiker Bruder Paulus Terwitte.   

domradio.de: Seit gestern wird das Bild eines kleinen toten Flüchtlingsjungen in vielen Medien gezeigt, angespült an einen Strand in Bodrum. Darf man das? Oder muss man sogar solche Bilder zeigen?

Bruder Paulus Terwitte: Ich glaube, dass wir sehr vorsichtig sein müssen, den toten Körper eines Menschen überhaupt zu veröffentlichen. Auch die Privatsphäre dieses Kindes muss gewahrt werden, darum ist es falsch, diese Bild unverpixelt zu zeigen. Da gibt es heute ganz andere Möglichkeiten, so etwas anzudeuten. Man kann z.B. eine Zeichnung machen oder ähnliches. Darum finde ich, auch wenn das Drama sehr groß ist, der Einzelne, der auf der Flucht ist, und der da Not leidet, darf nicht einfach so gezeigt werden, wie wir jetzt dieses Kind gesehen haben.

domradio.de: Es hat schon vorher Symbolfotos für Katastrophen gegeben. Dieses Bild wird jetzt auch als Symbolbild für das Versagen der europäischen Flüchtlingspolitik gesehen. Es hat beim Vietnamkrieg dieses Bild von einem Napalm-Mädchen gegeben. Wie ist die Kraft eines solchen Bildes einzuschätzen?

Bruder Paulus: Natürlich ist es so, dass so ein Schicksal immer die Herzen der Menschen berührt. Aber das kann sehr falsch sein, weil politische Fragen nicht unbedingt persönliche Fragen sind. Es stirbt jeden Tag alle fünf Sekunden ein Kind an Unterernährung, und es wird nirgendwo in der Zeitung gezeigt. Es werden 150.000 Kinder im Mutterleib getötet, und niemand will die zerstückelten Föten sehen. Wir wollen auch kein Foto sehen, wie in der Schweiz ein Mensch seinen Giftbecher trinkt und dabei verreckt. Wir haben ganz klare Vorstellungen davon, was man darf, und was man nicht darf. In diesem Fall ist es ein bisschen die Hilfslosigkeit von Journalisten, die keine andere Wahl wissen, als ordentlich zu recherchieren, klare Geschichten zu beschreiben, Schicksale zu benennen und Geschichten wirklich dann auch für die Bevölkerung aufzubereiten. Dann werden solche Bilder gezeigt, es kommt ein großer Aufschrei, es gibt einen Moment Aufmerksamkeit. Dem Kind ist damit nicht geholfen, seinen Geschwistern und seiner Familie schon einmal gar nicht und auch nicht den ganzen Flüchtlingen. Wir brauchen "ruhig Blut" angesichts der Not dieser Welt, und da hilft Katastrophenjournalismus überhaupt nicht.

"Mit solchen Fotos wird nur Auflage und Geld gemacht"

domradio.de: Jetzt gibt es ja auch Stimmen, die sagen, es sei genau richtig, dass so ein Bild gezeigt wird, damit auf das Schicksal der Flüchtlinge öffentlich aufmerksam gemacht werden kann, um Politiker zum Handeln zu bewegen. Wie sehen Sie das?

Bruder Paulus: Kein Mensch darf instrumentalisiert werden und zum Zweck gemacht werden. Auch dieses Kind darf nicht zu dem Zweck veröffentlicht werden, damit sich irgendetwas bewegt. Wir leben in einem demokratischen Land, und hier müssten die Dinge anders bewegt werden, durch Menschen, die von einer Gesinnung der Demokratie und Menschenwürde getrieben sind und jetzt versuchen, in dieser Situation politische Entscheidungen zu treffen. Irgendein Bild hochzuhalten, um damit zu sagen: "Ihr macht was falsch", das ist kein Argument. Die Dinge sind sehr kompliziert. Diejenigen, jetzt am lautesten schreien, die möchte ich heute Abend sehen, wenn in München wieder Flüchtlinge ankommen, ob sie dann dabei sind, sie zu begrüßen und vielleicht sogar mit ihnen ein Zimmer zu teilen.

domradio.de: Am Samstag hat eine große Boulevardzeitung das Foto von dem Laster in Österreich gezeigt, in dem 71 Flüchtlinge erstickt sind. Stumpfen wir durch solche drastischen Bilder ab oder kann das auch zum Handeln anregen?

Bruder Paulus: Der Einzelne fühlt sich sowieso schon ohnmächtig. Mit solchen Fotos wird nichts anderes als Auflage und Geld gemacht. Ich verabscheue einen solchen Journalismus, der glaubt, man müsse die Neugier und die Katastrophenneugier von unbelehrbaren Zeitgenossen noch unterstützen. Aber wir wissen ja auch, es funktioniert. Das ist für mich ein alarmierendes Zeichen über den Zustand unserer Gesellschaft: Je mehr Blut fließt, je grausamer die Fotos sind, desto mehr werden sie im Internet angeklickt und angeschaut. Es gibt eine klare Netiquette, dass Bilder verpixelt werden müssen. Ich habe heute auf Twitter gesehen, dass das Foto einfach weitergeteilt wird, und ich finde die Diskussion, die da jetzt geführt wird, ob man Bilder nicht auch vorher verpixeln kann, um anzudeuten, was man da sagen will, diese Dinge müssen jetzt ganz neu wieder auf die Tagesordnung gehoben werden. Sonst haben wir am Ende eine Gesellschaft, in der wir uns nur noch schreckliche Fotos um die Ohren schlagen. Das hilft niemandem.

"Wir dürfen solche Bilder nicht zeigen"

domradio.de: Aber es hat ja immer schon solche Bilder gegeben, wo ein Kind oder eine Person das Symbol für eine Katastrophe wird. Warum regen wir uns da jetzt so drüber auf?

Bruder Paulus: Wenn wir an den jüdischen Jungen denken, der das Lager in Auschwitz verlassen hat, immerhin, dieses Kind lebt noch. Aber wir haben die Berge von Leichen in Auschwitz gesehen, das hat bei niemandem große Empörung hervorgerufen. Wir haben Leichen von Kindern in Syrien selbst, in afrikanischen Hungergebieten. Ich glaube nicht, dass solche Bilder politisch etwas bewirken. Die sagen etwas aus über ein Einzelschicksal, aber sie bewegen nichts, und sie haben letztlich auch keinen Mitteilungswert. Ja, wir wissen, dass mehrere tausend Menschen im Mittelmeer ertrunken sind, trotzdem fliegen vom Frankfurter Flughafen jeden Tag Tausende ab, um dann im gleichen Mittelmeer ihren Urlaub zu "verbaden". Ich glaube nicht, dass diese Fotos heute noch eine Wirkung haben.

domradio.de: Wir werden ja jeden Tag mit den Nachrichten konfrontiert. Warum schockiert uns gerade ein Bild, die Nachrichten hören oder lesen wir ja jeden Tag?

Bruder Paulus: Das Bild hat sich gerade so schön angeboten. Es ist die Ikonographie dieses Bildes - das Meer, der Strand, der Junge, der so liegt, als wäre er sozusagen vom Meer ausgespuckt worden. Diese große Einsamkeit, man denkt sofort an Hemingway "Der Alte Mann und das Meer". Das ist eine Ikonographie, die sich alter Bilder bedient, und die sitzt natürlich auch. Aber ich glaube, dass wir diese Bilder nicht brauchen und nicht zeigen dürfen. Mir tut es um diesen Jungen wirklich leid, der jetzt sozusagen hervorgezerrt wird in die Öffentlichkeit und zum Instrument gemacht wird, für eine große Hysterie, die niemandem hilft. Aber das, was jetzt am Münchener Hauptbahnhof passiert, was in vielen, vielen deutschen Städten, auch in katholischen Kirchengemeinden passiert, dass man selbstverständlich einem Menschen auf der Flucht hilft, das alles wird nicht weitergetragen. Da sehe ich keine Symbolfotos. 

Susanna Gutknecht
(DR)

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