Suizid im Alter
Suizid im Alter

11.03.2015

Altersforscher über die Möglichkeiten der Suizidprävention "Das Potenzial wird noch nicht ausgeschöpft"

Jedes Jahr sterben in Deutschland ungefähr 10.000 Menschen durch Suizid. Das sind mehr Tote als durch Verkehrsunfälle, Gewalttaten und illegale Drogen. Besonders betroffen sind alte Menschen. Was können die Kirchen bewirken?

Am heutigen Mittwoch stellen das Nationale Suizidpräventionsprogramm und die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention ein Memorandum über ihre Situation und mögliche Hilfsmaßnahmen vor. Im Interview mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) erklärt der Mannheimer Gerontologe Uwe Sperling, was Prävention bewirken kann.

KNA: Herr Sperling, welche Wirkung erhoffen Sie sich von dem Memorandum?

Sperling: Mit dem Memorandum wollen wir in der gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Diskussion ein starkes Signal für die Bedeutung der Suizidprävention auch im höheren Alter geben. Ihr Potenzial wird bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Zu viele Menschen werden nicht erreicht. Auch im höheren Alter und bei schwerer Krankheit am Lebensende besteht bei einem Teil derer, die sich das Leben nehmen wollen, eine Ambivalenz. Wenn sie einen vertrauenswürdigen Gesprächspartner finden, kann es sein, dass sie nochmals Lebenswillen finden.

KNA: Warum sind ältere Menschen besonders betroffen?

Sperling: Im Alter kommen viele Belastungen auf den Menschen zu. Das können gesundheitliche Veränderungen sein mit unterschiedlichen Folgen für die Lebensgestaltung. Bei psychischen Problemen oder Suchterkrankungen steigt das Risiko für einen Suizid. Auch soziale Kontakte spielen eine große Rolle: Nicht selten erleben sich ältere Menschen als zunehmend einsam, wenn ihnen die Partner für vertraute Gespräche fehlen. Viele von ihnen haben Ressourcen in ihrem Leben geschaffen, körperlich und psychisch, auch finanziell und sozial. Wer nicht auf solche Reserven zurückgreifen kann, vielleicht auch schon im Lauf des Lebens eine Nähe zur Suizidalität ausgebildet hat, der ist im Alter besonders gefährdet.

KNA: Was können Gesellschaft und Politik dagegen tun?

Sperling: Ganz vorne steht die Aufgabe, mit und für ältere Menschen Lebensentwürfe zu entwickeln, mit denen sie weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilhaben können. Ein wichtiger Punkt ist die offensichtliche Bevorzugung von Jugendlichkeit, die älteren Menschen oft das Gefühl gibt, nicht mehr hinterherzukommen. Wer sich dauerhaft minderwertig fühlt, sieht im schlimmsten Fall in der Selbsttötung den letzten Ausweg.

KNA: Welche Rolle könnten die Kirchen bei der Entwicklung dieser Altersbilder spielen?

Sperling: In Amerika gibt es bereits Studien, die Glauben und Spiritualität im Hinblick auf die Suizidalität untersuchen. Sie zeigen, dass aktive Teilnahme am kirchlichen Leben ein Schutzfaktor für Menschen ist. Wer ein positives Gottesbild hat, wählt tendenziell seltener den Weg der Selbsttötung. Auch die Teilhabe am Gemeindeleben ist zentral. Das ist in Deutschland derzeit in Gefahr, wenn Pfarreien immer größer werden und der Kontakt zu den Seelsorgern eher unpersönlicher wird - denn in genau diesen Kontakten steckt die Möglichkeit, Menschen rechtzeitig anzusprechen und ihre bisherigen Glaubens- und Lebensgewohnheiten bis ins hohe Alter lebendig zu halten.

KNA: Wie viel kann Prävention bewirken?

Sperling: Palliativmedizin und Hospize sind entscheidend im Hinblick auf die Suizidprävention. Oftmals wissen Menschen nicht genau, welche Möglichkeiten es zur Versorgung von Kranken in der Nähe des Todes gibt. Dadurch entstehen Ängste, etwa die Sorge, wenig selbstbestimmt in die letzten Stunden gehen zu können. Wenn aber rechtzeitig von heilenden auf palliative, also schmerzlindernde Maßnahmen umgestellt wird, dann kann das dem Patienten die Sicherheit geben, dass er nicht unnötig Therapien unterzogen wird. Das Bild, unnötig lange und fremdbestimmt an Schläuchen zu hängen, ist ja allgegenwärtig.

Allerdings soll auch das wichtigste Mittel der Suizidprävention nicht verschwiegen werden: das offene zuhörende Gespräch, in dem Ängste, Sorgen und Wünsche angesprochen werden können.

KNA: Wo stößt diese Versorgung an Grenzen?

Sperling: Sie ist einerseits noch nicht weit genug ausgebaut, gerade im ländlichen Bereich gibt es Lücken. Das nutzen manche Fürsprecher der Sterbehilfe als Argument: So lange es so wenige Palliativstationen gibt, muss man den armen Menschen anders helfen.

Dabei ist das Gegenteil der Fall; die Palliativmedizin muss ausgebaut werden. Andererseits gibt es seltene Extremfälle, in denen die Mittel der Palliativmedizin an Grenzen kommen. Eventuell ist das eine Aufgabe für den Gesetzgeber: Regelungen zu treffen, die Sicherheit für den behandelnden Arzt und den Patienten bieten, wie in diesen Fällen vorgegangen werden kann.

KNA: Wie wichtig ist die Berichterstattung der Medien zum Thema Suizid?

Sperling: Sie haben dazu beigetragen, dass Suizid im Vergleich zu den 1970er Jahren kein Tabuthema mehr ist. Allerdings ist dies im Hinblick auf Suizide im höheren Alter noch recht wenig der Fall, und das hängt mit den Altersbildern zusammen. Bei älteren Menschen entsteht oft recht schnell ein gewisses Verständnis dafür, dass jemand sich das Leben nehmen will. Doch das Alter ist kein Grund zu einer solchen hinnehmenden Haltung. Auch für einen alten Menschen muss mit aller Kraft gesucht werden, was ihn "ja" zum Leben sagen lassen könnte.

KNA: Ihr Appell an die Medien?

Sperling: Grundsätzlich gilt: Wenn Berichterstattung über Suizide sehr konkret erfolgt, womöglich noch über Suizidmittel und Beweggründe spekuliert wird, werden dadurch weitere Suizide gefördert. Im Gegensatz zu diesem sogenannten Werther-Effekt gilt aber auch: Wenn Medien berichten, wie ältere Menschen in einer schwierigen Situation wieder ins Leben finden konnten, dann kann das andere ermutigen.

Das Interview führte Paula Konersmann.

(KNA)

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