Brittany Maynard
Brittany Maynard
Bruder Paulus Terwitte
Bruder Paulus Terwitte

04.11.2014

Bruder Paulus zur Selbsttötung der US-Amerikanerin Brittany Maynard "Die Menschen schauen aus Neugier zu"

Brittany Maynard hatte ihren Suizid lange öffentlich angekündigt. Die 29jährige Amerikanerin war an einem unheilbaren Gehirntumor erkrankt. Der Kapuzinermönch Bruder Paulus Terwitte mit seiner Einschätzung im domradio.de-Interview.

domradio.de: Neun Millionen Menschen haben sich das Video der jungen Frau im Internet angesehen. Das ist eine riesige Menge - was ist das, was daran so zieht, wieso gucken wir das an?

Bruder Paulus: Das ist die gleiche Neugier, die Menschen dazu treibt, bei einem Autounfall stehenzubleiben oder bei irgendwas, das unser normales Leben, unser normales Fassungsvermögen übersteigt. Das ist einfach eine Neugier, ein Nervenkitze, was man selber nie tun würde, das macht die Frau toll, da muss ich dabei sein. Am Ende ist es die pure Neugier.

domradio.de: Ist es nicht auch Mitleid und Anteilnahme am Schicksal?

Bruder Paulus: Das weiß ich nicht. Wenn es Anteilnahme am Schicksal wäre, dann würde man, glaube ich, Formen finden, mit der Frau in Kontakt zu kommen, dass man ihr Gemeinschaft anbietet. An einem Schicksal anteilnehmen, das kann man besser vor der Haustür. Fernstenliebe ist in diesem Fall immer noch leichter als Nächstenliebe. Es gibt viele sterbenskranke Menschen in der eigenen Umgebung, die sollte man lieber aufsuchen.

domradio.de: Wenn man so will, ist das ja alles eine öffentliche Positivbekundung von Selbsttötung. Könnte man den Mut zum Leben genauso wirkungsmächtig inszenieren?

Bruder Paulus: Da hat die frohe Botschaft seit 2000 Jahren Probleme mit. Das Gute zu erzählen gelingt auch den Medien immer schlechter, die schlechte Nachricht ist ja eigentlich die gute Nachricht. Die Ausnahme von der Normalität wird berichtet, die wird angeguckt. Tatsächlich scheint es aber eine Normalität zu geben. Eine Normalität, die uns Menschen sagt, wir wollen leben, leben bis zuletzt, und uns nicht durch Selbsttötung unseren Lieben entziehen.

domradio.de: Jetzt ist die junge Frau extra von Kalifornien nach Oregon gezogen. Da gibt es schon seit vielen Jahren den "Death-with-dignity-act", also das "Sterben-mit-Würde-Gesetz", das besagt, dass die Patienten die Todesdroge ohne Hilfe einnehmen können. Helfen ihnen Ärzte dabei, machen sie sich strafbar. Abgesehen von so einer Strafe: Kann man einem Arzt eigentlich zumuten, einem Patienten beim Sterben zu helfen?

Bruder Paulus: Das kommt auf den Arzt an. Es wird immer mehr Ärzte geben, die das gut finden. Ich selber kann mir das wenig vorstellen, dass ich es einem Arzt zumuten will oder auch einem anderen Menschen zumuten will, mir zu helfen, wenn ich in einer solchen Situation bin. Aber ich glaube, da gibt es mittlerweile Dinge, die wir nur sehr schwer selber nachvollziehen können. Also ich kann die einfach nicht nachvollziehen. Ich finde es einfach für mich schwierig.

domradio.de: Jetzt sagt die Kirche immer wieder, wir müssen für ein menschenwürdiges Sterben und nicht für Sterbehilfe sorgen. Man hat aber auch das Gefühl, dass das auf taube Ohren stößt. Warum ist das so?

Bruder Paulus: Wir leben in einer Machbarkeitsgesellschaft. Wir glauben, wir könnten das Leben machen. Da werden Retortenbabies erzeugt, wir können das Leben machen. Und dann denken Manche in der gleichen Logik, es sei auch so, dass man das Sterben machen kann. So begeben sich Menschen auf diesen Weg, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und am Ende aus der Hand zu geben. Ich halte das für einen nicht menschenwürdigen Weg, weil ich glaube, dass wir Menschen berufen sind, unser Leben zu leben bis zuletzt und mit unseren Mitmenschen zu leben. Wo allerdings Solidarität fehlt, Freunde fehlen, eine Gemeinschaft fehlt, da ist der Einzelne so dermaßen in Angst und Schrecken versetzt angesichts des Todes, dass ich mir gut vorstellen kann, dass sich  der ein oder andere das Leiden ersparen will.

domradio.de: Welche Hilfe könnte die Kirche denn anbieten?

Bruder Paulus: Ich glaube, wir brauchen offene Gesprächskreise von Menschen, die einfach Angst um ihr Leben haben, Angst um ihr Sterben haben. Wir brauchen klare Gesprächsthemen in unseren katholischen Verbänden und auch in den Predigten und Katechesen. Da muss das Thema Leben und Leiden, Passion und Kreuz, das muss mehr in den Vordergrund geholt werden. Ich hab manchmal den Eindruck, dass wir zu viele kirchliche Wohlfühlstimmung verbreiten. Die nur schwer erträglichen Gefühle von Leiden, vielleicht langes Leiden, blenden wir irgendwie aus. Ich selber plädiere dafür, dass wir dem Leiden und der Passion in unserer Mitte und in unserem Reden wieder mehr Raum geben.

Das Gespräch führte Uta Vorbrodt. Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Weder domradio.de noch das Erzbistum Köln machen sich Äußerungen der Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen zu eigen.

(DR)

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