23.01.2013

Misereor kritisiert Agrarspekulationen der Deutschen Bank Moral ist kein Kriterium

Spekulationen mit Agrarrohstoffen sind mitverantwortlich für die Preisschwankungen bei Nahrungsmitteln, sagt Klaus Schilder von Misereor im domradio Interview. Die Deutsche Bank soll deshalb aus dem Geschäft mit dem Hunger wieder aussteigen.

domradio.de: Dass die Preise für Weizen, Mais oder Soja massiv Schwankungen ausgesetzt sind, ist unbestritten. Es gibt aber wissenschaftliche Untersuchungen, die besagen, es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem Hunger in der Welt und der Spekulation mit Nahrungsmitteln. Worauf fußt ihre Annahme, dass es doch eine Verbindung gibt?

Schilder: Die Weltagrarmärkte sind in den letzten Jahren zunehmend kapitalisiert worden. Das heißt, sehr viel Kapital ist in diese Märkte geflossen, das gar keinen realen Geschäften mehr gegenübersteht. Die Investitionen im Rohstoff-Index-Fond sind von 2003 bis 2008 auf über 317 Milliarden US-Dollar gestiegen. An dieser schieren Geldmenge sieht man schon, dass denen gar keine realen Geschäfte mehr gegenüber stehen können.

Die Spekulationen mit Agrarrohstoffen an den wahren Terminmärkten - das belegen zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen - ist mit dafür verantwortlich, dass wir die starken Preissprünge der letzten Jahre, besonders die Preisspitzen gesehen haben, zuletzt im vergangenen Jahr. Spekulation ist natürlich nur ein Faktor - auch Dürren, Klimawandel und die schwankenden Ölpreise spielen eine große Rolle.

domradio.de: Andererseits schwanken auch die Preise von Nahrungsmitteln wie Reis, die kaum an den Börsen gehandelt werden, in den vergangenen Jahren stärker. Belegt das nicht, dass die Spekulation nicht die Ursache für schwankende Preise sein kann?

Schilder: Reis wird in der Tat kaum an der Börse gehandelt, ist aber ein Ausweich-Grundnahrungsmittel für viele Menschen vor allem in Südost-Asien. Wenn dort die Weizenpreise steigen, dann hat das unmittelbar Auswirkungen auf den Reispreis, der quasi gekoppelt ist an einen steigenden Weizenpreis. Das heißt, wenn der Weizen zu teuer wird, weichen viele Menschen auf Reis aus. Deshalb ist auch der Reispreis in den letzten Jahren immer wieder stark angestiegen.

Grundsätzlich muss man sagen, dass in Deutschland die Menschen nur ungefähr 20 Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben. In vielen Ländern des Südens sind das bis zu 80 Prozent. Steigende Preise haben dort also einen viel stärkeren Effekt auf das zur Verfügung stehende Einkommen als bei uns. 

domradio.de: Ein Vorwurf ist ja auch ein moralischer, der sich an die Anleger richtet. Nämlich der, auf Kosten der Ärmsten der Armen Gewinne einzufahren. Macht man als Anleger immer Gewinne, wenn man in Rohstoffe investiert? 

Schilder: Moral ist keine Kategorie, nach der die Finanzmärkte funktionieren. Noch im Jahr 2008 warb die Deutsche Bank zum Beispiel auf deutschen Brötchentüten mit dem Slogan "Freuen Sie sich über steigende Preise für ihre Agrarfonds". Ich denke, die Spekulanten gehen dahin, wo das meiste Geld zu verdienen ist. Das zeigen auch die Investitionen der Deutschen Bank und der Allianz. Die Deutsche Bank hatte jetzt zwar angekündigt, die Auswirkungen ihrer Agrarinvestitionen in Agrarrohstoff-Fonds zu überprüfen, aber diese Überprüfung ist nun abgeschlossen und die Deutsche Bank hat das Geschäft wieder aufgenommen. Das kritisieren wir natürlich scharf.

domradio.de: Welches Signal geht von dem Wiedereinstieg der Deutschen Bank aus?

Schilder: Wir hatten gehofft, dass die Deutsche Bank freiwillig aus dem Geschäft mit dem Hunger aussteigen würde, ebenso wie die Allianz. Der Wiedereinstieg setzt natürlich das falsche Signal. Die Deutsche Bank ist jetzt sogar in eine Gegenoffensive mit zweifelhaften Argumenten gestartet. Sie beruft sich auf wissenschaftliche Untersuchungen, die selektiv vor allem die Studien zitieren, die keinen Zusammenhang zwischen Spekulation und Preisentwicklung erkennen lassen.

Zumindest für die langfristigen Investitionen gibt die Deutsche Bank inzwischen jedoch zu, dass Rohstoff-Fonds vielleicht doch keine so gute Idee sind. Aber für alle Spekulanten, die nur an kurzfristigen Renditen interessiert sind, bietet die Deutsche Bank nach wie vor ein umfassendes Anlage-Portfolio.

domradio.de: Die Bank zu kritisieren und damit den öffentlichen Druck aufzubauen, ist eine Sache. Braucht es aus Ihrer Sicht aber auch gesetzliche Regelungen, um die Agrarspekulationen einzudämmen - also muss sich der Staat einschalten?

Schilder: Das sicherlich. Als ersten Schritt könnten aber die Geldinstitute insgesamt auf das Geschäft mit dem Hunger verzichten. Die Commerzbank, die Deka-Bank und auch die Landesbanken Baden-Württemberg und Berlin sind im letzten Jahr bereits aus dem Geschäft mit Agrarrohstoff-Fonds ausgestiegen. Auch das könnte die Deutsche Bank sofort tun.

Aus unserer Sicht gibt es eine Reihe von Forderungen, die die Regierungen erfüllen müsste. Es braucht unbedingt Transparenz an den Rohstoff-Märkten; wir müssen wissen, mit welchen Produkten wir handeln. Es muss eine Meldepflicht für außerbörslich gehandelte Finanzmarktprodukte geben, so dass auch diese einer börslichen Kontrolle unterliegen. Es sollte generell ein Verbot von Investitions-Fonds geben, die nur spekulativen Interessen dienen. Man kann sich auch verschiedene Limits setzen, zum Beispiel Positionslimits, das heißt, die Menge von Kontrakten, die gehandelt wird, oder auch Preislimits, die die Preisobergrenze deckeln, so dass der Spekulation der Boden entzogen wird. Letztlich brauchen wir wirksame Kontrollen durch starke Aufsichtsbehörden.

(Das Interview führte Verena Tröster.)
 

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