28.12.2012

Interview mit "Guardini-Professor" Perone "Religion gegen Allmachtsanspruch der Politik"

Der neue Berliner "Guardini-Professor" Ugo Perone will in den kommenden beiden Jahren das Verhältnis der Religion zur modernen Welt ausloten. Die Religion könne einem Allmachtsanspruch der Politik entgegentreten, sagt der 67-Jährige.

KNA: Herr Professor Perone, was bedeutet Ihnen Romano Guardini?

Perone: Ich habe seine Werke vor 40 Jahren kennengelernt, als ich anfing, mich mit Theologie zu beschäftigen. Das Interessante bei Guardini war seine Offenheit für die moderne Welt. Nicht zufällig lehrte er in Berlin auch "Katholische Weltanschauung". Das muss man nicht ideologisch interpretieren. Man kann es auch als Öffnung der katholischen Theologie für die Beiträge aus Literatur oder Philosophie verstehen. Guardini hatte eine sehr tiefe Einsicht in die Perspektiven anderer Denker.

KNA: In welcher Hinsicht halten Sie Guardinis Denken heute für besonders aktuell?

Perone: Guardini beurteilt auch die moderne Welt, die in der Gefahr ist, die ethischen Kriterien für ihre Handlungen zu verlieren, nicht einfach nach den Kategorien von gut oder schlecht. Er unterscheidet, wo es trotz negativer Entwicklungen auch neue Chancen für die Religion gibt. In diesem Sinne ist Guardini sehr nahe an der Perspektive des Zweiten Vatikanischen Konzils.

KNA: Welche Schwerpunkte wollen Sie als ein Nachfolger Guardinis in Berlin in den kommenden beiden Jahren setzen?

Perone: Mich als Nachfolger Guardinis zu bezeichnen, ist zu viel der Ehre. Viele meiner Themen werden sich jedoch aus einer philosophischen Perspektive mit denen Guardinis kreuzen. So halte ich bereits in diesem Semester Vorträge zum Thema Säkularisierung und Moderne. Es passt zur Situation in Berlin, wo man die Zeichen dieser Distanz zur Religion besonders gut sehen kann.

KNA: Was sagen Sie den Besuchern Ihrer Veranstaltungen?

Perone: In meinen Vorlesungen stelle ich unter anderem die verbreiteten Interpretationen in Frage, nach denen die Religion an Bedeutung verliert. Denn die Religion kann auch in der heutigen Welt einen Beitrag leisten. Die Moderne ist mehr durch die Entdeckung des Primats des Politischen als durch einen reinen Säkularisierungsprozess gekennzeichnet. Gegenüber einem Allmachtsanspruch der Politik kann die Religion uns aufmerksam machen auf die Vielfältigkeit und den Reichtum eines humanen Zusammenlebens. So kontrastiert sie den Allmachtanspruch der Politik, und gleichzeitig liefert sie Ansätze für eine bessere Politik.

KNA: Wie klappt die Zusammenarbeit mit Ihren Kollegen in der evangelischen Fakultät?

Perone: Sie haben mich sehr freundlich aufgenommen. Es ist eine schöne ökumenische Gelegenheit, mit protestantischen Theologen zusammenzuarbeiten. Auch die ebenfalls zumeist evangelischen Studierenden sind offen für andere Perspektiven.

KNA: Der Berliner Kardinal Woelki tritt für eine stärkere Präsenz der Theologie in der Stadt ein. Wie stehen Sie zu dieser Forderung?

Perone: Für das akademische Leben ist die Theologie von großer Bedeutung. Heute kommen die Geisteswissenschaften aber zu kurz und unter ihnen die Theologie vielleicht am meisten. Deshalb plädiere auch ich für eine Verstärkung. Sie müsste jedoch mit dem interreligiösen Dialog verbunden werden, vor allem mit Blick auf die jüdische und islamische Tradition, und im Rahmen der Universität erfolgen. So wäre sicherzustellen, dass sich die Dialogpartner nicht in erster Linie als Vertreter ihrer Religionen verstehen, sondern sich im Rahmen der Wissenschaft begegnen.

KNA: Sie sind mit der italienischen und der deutschen Kultur vertraut. Wie entwickelt sich deren Verhältnis angesichts der Eurokrise?

Perone: Trotz der Krise ist die italienische Gesellschaft derzeit überhaupt nicht gegen Deutschland. Im Unterschied zu den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es ein sehr positives Bild von der Bundesrepublik. Allerdings würde es zu einem Problem für Deutschland selbst, wenn es ein zu einfaches Bild von Italien etwa nur als Spaßgesellschaft zeichnen würde. Wenn Deutschland eine führende ökonomische und politische Rolle in Europa einnehmen will, muss es zeigen, dass es das Gute anerkennt und auch unterstützt, egal ob in Griechenland, Portugal oder Spanien. Wenn Deutschland diese Länder nicht ernst nimmt, wird es eine Katastrophe für Europa und für Deutschland selbst.

Das Gespräch führte Gregor Krumpholz.

(KNA)

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