Auftakt der Weltsynode im Erzbistum Köln
Auftakt der Weltsynode im Erzbistum Köln

25.10.2021

Weltsynode auf Diözesanebene in Altenberg eröffnet Ungewohnt selbstkritische Töne

Die aktuelle Situation der Kirche einmal nicht schönreden, sondern den Finger in die Wunde legen und die eigene Enttäuschung formulieren: Dafür war unerwartet Raum beim Auftakt der Weltsynode im Erzbistum Köln mit Rolf Steinhäuser.

"Wann wird in der Kirche nicht mehr verurteilt, wer wen liebt? Wann werden hier Macht und Autorität umverteilt, vielleicht sogar geteilt? Wann wird eine echte Fehlerkultur etabliert? Wann ist mein Geschlecht bei der Berufswahl nicht mehr wichtig, sondern wer ich bin und was ich kann? Wann wird unsere Kirche Heimat für alle, die sonst keine Heimat mehr haben? Wann wird ‚Das haben wir immer so gemacht’ abgelöst von ‚Lasst uns das doch mal ausprobieren’?" Anna Kozikowski beweist Mut, als sie gleich zu Beginn des feierlichen Gottesdienstes im Altenberger Dom zum Kern des Problems kommt und offen benennt, was sie momentan an "ihrer" Kirche stört und wo sie erheblichen Verbesserungsbedarf sieht.

Doch bevor die 28-jährige Lehramtsreferendarin einige der kritischen Punkte anspricht, die derzeit viele Menschen zum Anlass nehmen, der Kirche den Rücken zu kehren, spricht sie vor allem über das, was sie ihrer katholischen Sozialisation an guten Erfahrungen verdankt: "ein großes Gemeinschaftsgefühl, Trost beim Trauern, einen Ort zum Ankommen und Durchatmen, ein erhebendes Gefühl von Festlichkeit in Gottesdiensten". In dem Statement der jungen Frau kommt die ganze Ambivalenz ihrer Haltung gegenüber Kirche zum Ausdruck, ihr ungeschminkter Blick auf die Institution, aber auch die Leidenschaft, mit der sie sich trotz unverhohlener Kritik in ihrer Kölner Kirchengemeinde St. Severin engagiert – und das sogar im Pfarrgemeinderat. Trotzdem – das gibt sie unumwunden zu – sei sie "oft orientierungslos und irritiert von den Wegen, die unsere Kirche einschlägt", schalte in Diskussionen aber immer wieder den Kirchenverteidigungsmodus ein, "bereit den Beziehungsstatus ‚Es ist kompliziert’ zwischen mir und unserer Kirche hinzunehmen".

Wunsch nach Leichtigkeit und Aufbruchstimmung

Ihre Reflektion zu "Soll und Haben" auf ihrem persönlichen Konto der Wertschätzung von Kirche hängt Kozikowski an den Textbausteinen des Liedes "Da berühren sich Himmel und Erde" auf, das als Überschrift über dem Gottesdienst steht, mit dem Weihbischof Rolf Steinhäuser als Apostolischer Administrator und Interimsleiter des Erzbistums Köln die von Papst Franziskus ausgerufene Weltsynode auf Diözesanebene eröffnet. Als Mitglied im Vorbereitungsteam zu dieser Eucharistiefeier unter Federführung von Vera Krause, der Leiterin der Diözesanstelle "Pastoraler Zukunftsweg", ist Kozikowski maßgeblich an dessen Gestaltung beteiligt. Sie wünscht sich absehbar wieder, wie sie weiter formuliert, dieses "Hochgefühl aus Zufriedenheit, Leichtigkeit und Aufbruchstimmung". Neubeginnen, ganz neu, wie es in einer der Liedzeilen heißt, würde sie gerne mit so vielen anderen, die an diesem späten Nachmittag in dem alt-ehrwürdigen Zisterzienserdom ebenfalls mit ihren Empfindungen beim Thema Kirche hadern, ihre Erwartungen und Hoffnungen ins Wort bringen. Sie will "die geteerten Straßen der Kirche aufbrechen, uns durch die Brüche im Asphalt bis zu den katholischen Wurzeln graben": zu einem "Katholisch, das tatsächlich allumfassend bedeutet", wie sie betont.

Vorwurf: Die Kirche ist uncool und nicht mehr zeitgemäß

Schonungslos offen sind im Verlauf dieses sehr bewegenden Pontifikalamtes noch weitere Stimmen zu hören, die aus ihrer Enttäuschung über die Haltung und Entscheidungen der Kirche und ihrer Repräsentanten keinen Hehl machen. "Die Unterschiede zwischen Reden und Handeln haben mich wütend gemacht", wird eine alleinerziehende Mutter Ende 40 aus dem Off zitiert. Oder: "Ich bin weg, weil ich die Kirche uncool und nicht mehr zeitgemäß finde." So lautet das Argument eines 18-Jährigen. "Als Homosexueller konnte ich mich mit den Werten der Kirche nicht mehr identifizieren", begründet ein langjähriger kirchlicher Mitarbeiter seinen Austritt. Ein 57-jähriges KV-Mitglied ist es leid, dass mühsam in der Gemeinde erarbeitete Konzepte dann doch wieder auf Zwischenruf der Bistumsleitung verworfen werden, ohne letztlich etwas von diesen Überlegungen umsetzen zu können. Und schließlich eine 71-Jährige, glücklich wiederverheiratet, wie sie über sich selbst sagt: "Ich konnte es irgendwann nicht mehr länger ertragen, dass es in der Kirche keinen Platz für das Scheitern in meinem Leben gibt und keinen Platz für die Liebe meines Lebens. Darum bin ich gegangen; Gott ist mir nahe geblieben."

Ruf nach einem gemeinschaftlichen Neubeginn

Es sind ungewohnte Töne, die da mit einem Mal Raum bekommen, ihre Wirkung in voller Wucht entfalten und sicher manch Anwesendem oder denen, die über DOMRADIO.DE den Gottesdienst live verfolgen können, aus der Seele sprechen. Trotzdem werden diese Beiträge mit einer größtmöglichen Sensibilität, berührenden Ernsthaftigkeit und echten Betroffenheit vorgetragen, die jeder Polemik entbehrt und im Kirchenraum stellenweise für gebannte Stille sorgen. Es geht nicht um Anklage, aber die Bewusstmachung von Versäumnissen und Fehlern, wobei immer wieder die Frage mitschwingt: Wie kann es auf Dauer mit dieser Kirche trotzdem weitergehen? Wie kann das vom Papst propagierte gemeinsame Unterwegssein im Glauben auf den unterschiedlichsten Ebenen gelingen und die Kirche am Ende zum Guten verändern? Wie bleibt sie überlebensfähig und gleichzeitig eine Quelle der geistlichen Stärkung? Schließlich ist die Kirche längst an einem Wendepunkt angekommen. Zu Recht fordern die hohen Kirchenaustrittszahlen ein Umdenken und verstärken den Ruf nach einem gemeinschaftlichen Neubeginn. Nicht umsonst verordnet Papst Franziskus der gesamten katholischen Kirche mit dieser Weltsynode vorrangig einen Prozess des genauen Hinhörens und des intensiven Austauschs.

Darauf geht auch Administrator Steinhäuser in seiner Predigt ein. Am Beispiel des blinden Bettlers Bartimäus, von dessen Heilung das Evangelium an diesem Sonntag berichtet, erläutert er, was das mit einem Menschen macht, der in seinem Leid gehört und beachtet wird, obwohl er sonst zu den Ausgegrenzten gehört, zu denen, um die sich niemand wirklich kümmern will. Doch Jesus lasse nach ihm rufen, sagt der Weihbischof. "Er schenkt ihm Ansehen und fragt nach dem, was ihn bewegt, was er ersehnt, was er hofft." Damit fange das Wunder der Heilung an. "Bartimäus wird vom Blinden zum Sehenden, von einem, der keine Lebensperspektive hatte, zu einem Menschen, der Jesus auf seinem Weg nachfolgt." Durch seine Heilung werde Bartimäus "zum Synodalen Jesu, der mit ihm auf dem Weg ist". Diese "verrückte" Formulierung sei ihm in den Sinn gekommen, als er die Predigt vorbereitet habe, räumt Steinhäuser schmunzelnd ein. Denn der Bartimäus des Jahres 2021, der irgendwann nicht mehr dazugehört habe, trage viele Namen und habe viele Lebensgeschichten.

Synodaler Prozess steht allen offen

Doch eine synodale Kirche, wie sie sich Papst Franziskus wünsche, habe einen Platz für Bartimäus, auch für den Zöllner Zachäus und für den Jesus-Verleugner Petrus. "Vielleicht muss sie sogar einen Judas ertragen", sagt er. "Eine synodale Kirche ist auch keine Kirche der Reinen. Allein schon deshalb nicht, weil auch wir zu ihr gehören. In einer synodalen Kirche geht es auch nicht nur um die Frage der neuen Machtverteilung, ob nur wenige Bischöfe oder große Gremien die Entscheider werden und jetzt alle Ämter und Aufgaben paritätisch besetzt werden." Vielmehr sei in einer synodalen Kirche auch Platz für die Störer und die Kritiker, "die es uns anderen so ungemütlich machen". Steinhäuser mahnt: "Wir dürfen uns die Gemeinschaft nicht aufkündigen, auch wenn das Miteinander-Leben so furchtbar anstrengend sein kann."

Um als synodale Kirche zu wachsen, seien drei Stichworte des Papstes wesentlich, betont er: Gemeinschaft vertiefen, zur Teilhabe einladen und die Entwicklung einer größeren Offenheit für unsere Sendung in der Welt. Persönlich fügt Steinhäuser hinzu, dass es nicht darum gehe, mehr Dokumente zu produzieren, "als vielmehr die eigene Rolle neu zu lernen und uns miteinander auf den Weg zu machen". Er unterstreicht: "Das gilt für alle: für den Bischof, für die Priester und Diakone, die ‚normalen’ Gläubigen, die Räte, die Ordenschristen und auch für das Generalvikariat." Da sei der Papst ganz klar: "Der synodale Prozess ist weit mehr als eine römische Bischofsversammlung oder eine diözesane Pfarrerkonferenz, das ist ein Weg, der allen Gläubigen offensteht." Wichtig sei auch ihm selbst, unterstreicht er am Ende noch einmal mit Nachdruck: "Alle dürfen sich einbringen. Kein muss!"

Geglückter Einstand als Vertreter von Woelki

In Altenberg, so scheint es, ist in dieser Nachmittagsstunde, was den Willen zur Veränderung und Aufbruch betrifft, ein erster Anfang gemacht – wenn auch noch mit eher leisen Tönen. Trotzdem geht es unüberhörbar um Selbstkritik seitens der Kirche und auch um Demut. Der gute Wille, die eine oder andere Haltung infrage zu stellen, Unfähigkeiten und Schuld einzugestehen, genau nachzufragen nach den Gründen für Enttäuschung und Ablehnung – wie Papst Franziskus, der auf dem Plakat zur Weltsynode die Hand an sein rechtes Ohr hält, als müsse er sich des Gehörten auch nochmals vergewissern, um wirklich richtig zu verstehen – ist spürbar.

Dem aktuellen Leiter des Erzbistums Köln, Weihbischof Steinhäuser – so viel steht jedenfalls fest – ist sein Einstand in der neuen Funktion des Apostolischen Administrators und als Vertreter Woelkis während dessen Auszeit mit diesem ersten offiziellen Auftritt geglückt. Und damit auch der Spagat zwischen seiner unstrittigen Loyalität gegenüber dem Kölner Erzbischof und eigenen Akzenten, die für die kommenden vier Monate vor allem den päpstlichen Auftrag zu Dialogbereitschaft, Verständigung und Versöhnung ins Zentrum stellen. Und dass es Steinhäuser damit ernst ist, er auf Begegnung setzt und um die Menschen in der Kölner Diözese neu werben will, zeigte er beim anschließenden Zusammentreffen mit den vielen Gläubigen in Haus Altenberg, wo bei einem Imbiss Gelegenheit für persönliche Gespräche bestand, die Steinhäuser seinerseits mit gewinnender Freundlichkeit und ausgiebig nutzte.

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Beatrice Tomasetti
(DR)

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