Bei der Tagung des Kölner Diözesanpastoralrats ging um das verloren gegangene Vertrauen im Erzbistum
Bei der Tagung des Kölner Diözesanpastoralrats ging um das verloren gegangene Vertrauen im Erzbistum
Pfarrer Dr. Wolfgang Picken, Stadtdechant von Bonn
Pfarrer Dr. Wolfgang Picken, Stadtdechant von Bonn

20.06.2021

Bonner Stadtdechant analysiert die Krise im Erzbistum Köln Der weiße Elefant im Raum

Die Vertrauenskrise im Erzbistum Köln: Am Wochenende kamen Bistumsspitze und Gremien zusammen. Der Bonner Stadtdechant Wolfgang Picken war dabei und erlebte einen Eklat und einen weißen Elefanten. 

DOMRADIO.DE: Am Freitag und Samstag hat in Bensberg das wichtigste und höchste Beratungsgremium für den Erzbischof, der Diözesanpastoralrat, getagt. Gerade in der aktuellen Krise war dies eine mit Spannung erwartete Zusammenkunft der 75 Delegierten. Wie haben Sie das Treffen des Diözesanpastoralrats erlebt? 

Wolfgang Picken (Bonner Stadtdechant): Es waren sehr heiße Tage. Die Mitglieder des Diözesanpastoralrats haben schon zu Beginn in sehr bewegenden Beiträgen ein erschreckendes Bild davon gezeichnet, wie überwältigend groß die Krise im Erzbistum Köln ist. Es war von Pfarrerkonferenzen die Rede, in denen mehrheitlich eine Zusammenarbeit mit dem Bischof in Frage gestellt wird. Pastoral- und Gemeindereferenten brachten vor, dass Kolleginnen und Kollegen über ein Ausscheiden aus dem Dienst nachdenken oder ihn schon vollzogen haben. Andere berichteten über Gremien in Gemeinden oder auf der Ebene von Dekanaten und Verbänden, die sich distanzieren und Konsequenzen verlangen. Immer wieder wurde auf die erschütternden Zahlen der Kirchenaustritte hingewiesen. Viele trugen vor, dass unter ihnen immer mehr sind, deren Namen man kennt und die sich bis vor kurzem noch in der Kirche engagiert haben.

Unter den Mitgliedern war also schon zu Beginn eine Einigkeit darüber zu spüren, dass es so wie bisher nicht weiter geht. Können Bistumsleitung und Diözese, das war die Frage, die im Raum stand, weiterhin die Zukunft miteinander gestalten? Und eindeutig war auch die Forderung nach Veränderung, nach mehr Vertrauen und Dialog, nach - ja, man könnte sagen - mehr Beteiligung und Transparenz. 

DOMRADIO.DE: Gehen wir direkt zu den Fakten. Es wurde nach der Sitzung eine Pressemitteilung des Erzbistums verschickt, sie ist hier neben diesem Interview zu finden. Diese deckt sich laut Angaben einiger Delegierter aber nicht ganz mit dem Entwurf, der eigens abgestimmt wurde. 

Picken: Ja, ich teile diese Überraschung. Es gibt viel Entsetzen unter Mitgliedern. Wir hatten zum Schluss, wie Sie gerade gesagt haben, in der Versammlung den Inhalt der Pressemitteilung abgestimmt und uns darauf verständigt, dass es jetzt wichtig sei, wenn Glaubwürdigkeit und Vertrauen im Erzbistum Köln neu entstehen sollen, dass der Verlauf der Beratungen nicht geschönt, sondern stattdessen wirklich ehrlich vermittelt wird. Nun steht in der Pressemitteilung, die Beratung sei zunehmend themenorientiert und zielorientiert verlaufen. Man muss also den Eindruck gewinnen, die Beratung habe sich irgendwie so im Verlauf entspannt. Das aber entspricht in keinem Fall der Wirklichkeit.

Es kam nämlich am Morgen des zweiten Sitzungstags zu einem Eklat. Als sich der Eindruck ergab, die Bistumsleitung übergehe die Ernsthaftigkeit der Gesamtlage, die die Mitglieder am Vorabend so ehrlich zusammengetragen hatte, platzte einer Reihe der Mitglieder der Kragen. Es kam dann wirklich zu einer Art explosiven Stimmung. Tim Kurzbach vom Diözesanrat machte dabei den Aufschlag und stellte unmissverständlich fest, dass der Diözesanpastoralrat auf eine tiefgehende Krise nicht mit einer Diskussion über Nebensächlichkeiten reagieren könne.

Ich erinnere mich, dass ein Krankenhaus-Seelsorger sehr unverblümt benannte, dass allenthalben Rücktrittsforderungen im Raum stünden, über die man ja sprechen muss. Ähnlich positionierte sich der Sprecher der Diakone und die Sprecherin des Berufsverbandes der Pastoral- und Gemeindereferenten. Ich selbst habe gefordert, dass das Gremium sich vor allem zuerst zwei Fragen ehrlich stellen muss, nämlich erstens: Vertrauen wir darauf, dass es mit dem Bischof und der Diözese im Miteinander gelingen kann, die Krise zu bewältigen? Und zweitens: Sind wir bereit, das auch miteinander zu tun?

Die Sitzung musste dann nach diesem Eklat unterbrochen werden. Anschließend wurde die Tagesordnung ausgesetzt und man verständigte sich mehrheitlich darauf, die nächste Sitzung im September als Krisensitzung unter externer Moderation zu gestalten, um dann tabulos über die Lage im Bistum und notwendige Konsequenzen zu sprechen. Alles das findet sich - und das sagen manche mit Recht - jetzt so in der Pressemitteilung nicht wieder und lässt sich auch nicht erahnen, wenn man sie liest. 

DOMRADIO.DE: Wenn die also vom vereinbarten Text abweicht, vielleicht sogar geschönt wurde, wie Sie sagen, dann stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit der Kommunikation. Der Kölner Erzbischof muss doch ein großes Interesse haben, verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen, oder? 

Picken: Es war für Kardinal Woelki, das muss man einfach sagen, sicherlich nicht einfach, diese vielen Statements zu hören. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass er sich einer kritischen Debatte auch über seine Person durchaus stellen möchte. Schließlich reicht es ja zur Bewältigung unserer Krise nicht aus, wenn der Bischof einfach nur feststellt "Ich mache weiter".

Auch wurde ja im Gremium festgehalten: Es braucht jetzt Ehrlichkeit, wenn neues Vertrauen wachsen soll. Mir ist es deshalb total unverständlich, wieso man diese Pressemitteilung herausgeben konnte. Damit hat man eine wichtige Chance vertan und dem Anliegen des Kardinals für einen Neuanfang der kleinen Schritte eigentlich keinen Gefallen getan. So gewinnt man kein Vertrauen und darum muss es ja am Ende gehen. Man kann nur dann die Möglichkeit erwarten, auf einer gravierenden Krise herauszufinden, wenn man ehrlich nach den Ursachen fragt und dann auch schonungslos darüber sprechen. 

DOMRADIO.DE: Liegt man falsch, wenn man sagt, die Vertrauensfrage, also das Vertrauen in den Erzbischof von Köln und die Bistumsspitze, überlagerte eigentlich die Beratung? Abgestimmt wurde darüber ja nicht. Aber wie war denn das Stimmungsbild aus Ihrer Sicht? 

Picken: Ja, der Vertrauensfrage wurde schon am ersten Abend ein Spitzname gegeben, nämlich "der weiße Elefant". Und dieser "weiße Elefant" lief schon beginnend mit dem ersten Gebetsimpuls durchgängig und bis zum Schluss durch den Tagungsraum. Es wäre nach meinem Empfinden deshalb klug gewesen, wenn die Verantwortlichen das wahrgenommen und ausgesprochen hätten.

Aber ich finde es in jedem Fall ein gutes Zeichen, dass die Mitglieder dann den Mut aufgebracht haben, das scheinbar Unaussprechliche auch einmal auszusprechen. Auch war zu spüren als verbindendes Element, wie groß das Interesse aller daran ist, die Kirche von Köln aus dieser gravierenden Krise herauszuführen. 

DOMRADIO.DE: Wie wird es denn jetzt weitergehen? Es ist für das nächste Treffen im September eine externe Moderation vereinbart worden, haben Sie gerade erzählt. Vermutlich ja auch deshalb, damit grundsätzlich und offen gesprochen wird. Wie schätzen Sie das insgesamt alles ein? 

Picken: Zunächst warten wir alle ja mal gespannt darauf, wie der Heilige Vater nach der Apostolischen Visitation die Lage bewertet und wenn es dann zur Sitzung im September kommt, soll in der Tat ein externer Moderator eine tabulose Analyse ermöglichen. Wenn die Verantwortlichen da mitgehen und zu deutlichen Veränderungen bereit sind, könnte das wirklich ein Weg der kleinen Schritte sein, von dem der Kardinal spricht. Sicher ist aber das nicht.

Es ist ja leider, das muss man sagen, ein Ausdruck unserer Krise, dass wir in ihr feststecken und keiner wirklich weiß, wo ein Ausweg ist. Also bleibt in gewisser Hinsicht - das gehört ja zur Kirche und zum Glauben dazu - nur hoffen und beten. 

Das Gespräch führte Katharina Geiger. 

(DR)

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