Blick auf den Kölner Dom
Blick auf den Kölner Dom
Tim Kurzbach
Tim Kurzbach

29.01.2021

Kölner Diözesanrat beklagt tiefen Vertrauensbruch mit Bistumsleitung "Die Wahrheit muss auf den Tisch“

Als "größte Kirchenkrise, die wir alle erlebt haben" bezeichnet das höchste Laiengremium im Erzbistum Köln den Streit um die Aufklärung von Fällen sexualisierter Gewalt. Nun will man die Mitarbeit am "Pastoralen Zukunfsweg" aussetzen. 

DOMRADIO.DE: Sie haben sich am Donnerstagabend mit Ihren Mitgliedern zur außerordentlichen digitalen Versammlung getroffen. Mit dabei war auch Weihbischof Ansgar Puff als Vertreter des Bistums. Das war wahrscheinlich keine all zu entspannte Stimmung?

Tim Kurzbach (Vorsitzender des Diözesanrates der Katholiken im Erzbistum Köln): Es war eine sehr intensive, sehr dichte Stimmung. Es sind auch alle Argumente genannt worden. Auch der Generalvikar war dabei und jeder durfte seine Argumente und Sichtweisen vortragen. Aber was wirklich für alle spürbar unter die Haut ging und bis aufs Skelett, das ist dieser tiefe Vertrauensbruch hier im Erzbistum Köln. Wir hatten im Vorfeld annähernd drei Dutzend verschiedene Stellungnahmen aus fast allen Stadt- und Kreisdekanaten, aus fast allen Verbänden, aus so vielen Pfarrgemeinden und von so vielen Gläubigen, die über ihre Bestürzung, über die Vorgänge der vergangenen Wochen, geschrieben haben. Das hat niemanden kalt gelassen. Weil wir uns so sehr auch mit Kirche verbunden fühlen, geht das unter die Haut tut sehr weh.

DOMRADIO.DE: Sie haben den Verantwortlichen einen sogenannten "Beichtspiegel" vorgelegt. Verschiedene Fragen, die sich jeder Verantwortliche im Bistum stellen soll. Was hat es damit auf sich?

Kurzbach: Der Duktus "Beichtspiegel" kommt nicht von uns. Wir haben in einem Papier niedergeschrieben, dass es jetzt nicht mehr um juristische Scharmützel gehen kann: Wer kann wann wie was juristisch argumentieren, um was irgendwann mal auch dann vorzulegen. Wir wissen doch, wer in unserem Bistum Verantwortung getragen hat und trägt. Und wir wissen, dass es zu einer der fürchterlichsten menschlichen Straftaten gekommen ist, die man sich überhaupt nur vorstellen kann, dem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen. Und wir fordern auf, sich nicht weiter dahinter zu verstecken, was in Aktenlagen ist, was irgendwann irgendwie in Rom entschieden wird. Das ist nicht verkehrt und das soll auch geschehen. Aber wir erwarten gerade, dass Menschen, die aus dem Glauben heraus handeln, nach einer intensiven Gewissensprüfung vor die Gläubigen treten und sagen können: Ich habe das und das getan. Ich habe auch das und das falsch getan und dann daraus die Konsequenzen zu ziehen.

DOMRADIO.DE: Zudem setzen Sie Ihre Mitarbeit beim "Pastoralen Zukunftsweg" aus. Der ist ja im Moment eh auf Eis gelegt. Ist das nicht ein überflüssiger Schritt?

Kurzbach: Ich glaube nicht, dass er auf Eis gelegt ist. Es ist eine Sitzung abgesagt worden. Auch das haben wir schon kritisiert, weil es gut gewesen wäre, so wie uns immer gesagt worden ist, das höchste, den Bischof beratende Gremium, den Diözesan-Pastoralrat einzuberufen. Ich glaube, es wäre gut gewesen, wir hätten zusammen getagt und hätten über diese Dinge auch alle sprechen können. Der "Pastorale Zukunftsweg" hat ja auch wieder Arbeitsgruppen, die weiter beraten sollen, die weiter arbeiten sollen. Für uns ist die Grundlage im Moment nicht gegeben. Wir brauchen Vertrauen, wir brauchen Aufklärung. Wir brauchen Erklärung. Es muss jetzt endlich gesprochen werden. Es müssen jetzt die Fakten auf den Tisch und wir müssen die Basis für Vertrauen und Glaubwürdigkeit überhaupt erst wieder herstellen, bevor wir an einem so wichtigen Prozess wie dem "Pastoralen Zukunftsweg" weiterarbeiten können.

DOMRADIO.DE: Wünschen Sie sich ein konkretes Gespräch mit der Bistumsleitung?

Kurzbach: Ich glaube, dass Gespräche, die "Face to Face" laufen und in Gruppen wichtig sind, alleine aber nicht ausreichen. Die Verunsicherung in unserem Bistum ist real. Es gibt ja fast keine Pfarrgemeinde, keine Gruppierung mehr, wo nicht darüber diskutiert wird. Und nochmal: Es trifft jetzt alle die, die sich seit Jahr und Tag in allen bisherigen Krisen schon immer zu dieser Kirche gestellt haben. Aber jetzt sind selbst die ins Tiefste verunsichert. Es ist der Missbrauch, wo wir immer noch fassungslos vor stehen, was da geschehen ist, was jetzt Stück für Stück bekannt wird und wo wir zumindest befürchten, dass da noch vieles mehr ans Tageslicht kommt, was wir uns noch nicht vorstellen können.

Es sind aber auch die kommunikativen Dinge der vergangenen Wochen. Das Abschalten der Homepage einer katholischen Hochschulgemeinde, das Abmahnen eines Pastors, nur weil er offen und ehrlich das ausspricht, was ihn im Innersten bewegt, ein verunglücktes Grußwort, wo auf einmal ganz fürchterliche Zitate erwähnt werden. Alles das trifft uns so sehr ins Mark. Wie gesagt, da muss jetzt dringend und öffentlich und klar und mit Haltung wieder eine Glaubwürdigkeit hergestellt werden.

DOMRADIO.DE: Was sind die Schritte, die dafür passieren müssen?

Kurzbach: Wir haben uns schon vor über zwei Jahren in einer Stellungnahme dazu geäußert. Wir haben seitdem mehrere Stellungnahmen formuliert. Wir sind ja jetzt auch leider am Ende einer Eskalation, wo wir immer wieder gemahnt und gedrungen haben und jetzt am Ende feststellen, wir können nicht anders, als zu sagen: Wenn nicht jetzt endlich die Tatsachen auf den Tisch kommen, können wir eben nicht mitarbeiten. Wir haben schon vor zwei Jahren gesagt, dass im Kölner Dom öffentlich der Bischof und alle Verantwortlichen - es ist nicht nur der Erzbischof allein, das sind viele andere, die in den vergangenen Jahren oder auch jetzt Mitverantwortung tragen - anfangen zu sprechen, zu erklären und uns deutlich zu machen: Wo haben Sie richtig gehandelt? Aber wo haben sie auch vertuscht und weggeguckt? Wo wussten Sie was? Das ist alles ein unglaublicher Vorgang. Und es geht uns um unsere Kinder und Jugendlichen, denen in der Vergangenheit so viel Schreckliches angetan worden ist. Was kann es Fürchterlicheres geben? Es geht uns aber auch um die Strukturen dahinter. Denn wir reden hier auch über Machtmissbrauch, über Klerikalismus, wie es der Heilige Vater sagt. Das hängt unmittelbar miteinander zusammen.

DOMRADIO.DE: Sie sind nun nicht das erste Gremium, das sich äußert. Vor kurzem erst hat der Katholikenausschuss ähnliches gefordert.  Sollte man nun nicht auch versuchen, aufeinander zuzugehen? Man muss ja, egal wie das Ganze ausgeht, in den nächsten Jahren und Jahrzehnten auch noch weiter miteinander zu tun haben.

Kurzbach: Selbstverständlich. Und dazu sind wir auch aufgerufen. Aber wissen Sie, wenn wir nicht seit Jahren in all den verschiedenen Gremien - und ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viele Stunden alleine ich in den verschiedensten Gremien immer wieder konstruktiv mitgewirkt habe - wir immer wieder dokumentiert deutlich gemacht haben: Kommt zum Kern des Ganzen, z.B. auf die Strukturen von Klerikalismus, breite Aufteilung, Kontrolle von Macht, Einbeziehung von Frauen. Das sind Themen, die wir doch seit Jahren anbringen, wo wir kein Stück weitergekommen sind. Und jetzt kommen wir eben zu diesem absolut schändlichsten Thema und erleben auch seit über zehn Jahren, wie es immer wieder vertagt, vertagt, vertagt wird. Nein, da ist jetzt Zeit zum Sprechen. Sprecht mit uns, sprecht es aus. Und dann müssen wir auf dieser Grundlage über die Zukunft von Kirche gemeinsam sprechen. Da bin ich völlig bei Ihnen.

DOMRADIO.DE: Was denken Sie, wie wird es jetzt weitergehen in den nächsten Wochen und Monaten?

Kurzbach: Ich hoffe sehr, dass dieses wirklich einhellige Votum - und nochmal: es ist in allen Pfarrgemeinden, es ist in allen Dekanaten, es ist in allen Verbänden, es ist überall spürbar - dass dieses einhellige Votum jetzt nochmal zu einem intensiven Nachdenken und Umsteuern führt. Wir müssen jetzt die Wahrheit auf den Tisch gelegt bekommen. Das sind wir den Betroffenen schuldig. Das sind wir aber auch unseren Kindern und Jugendlichen und der Zukunft unserer Kirche schuldig. Es geht uns um die Zukunft unserer Kirche. Aber das können wir nicht aufbauen auf einem solchen Morast von Vertuschen, Verleugnen und Nicht-Aussprechen, was gewesen ist.

(DR)

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