Ein Portrait von Joachim Kardinal Meisner
Ein Portrait von Joachim Kardinal Meisner
Joachim Kardinal Meisner
Joachim Kardinal Meisner
Kardinal Joachim Meisner beim Gottesdienst im Kölner Dom, bei dem er am 12. Februar 1989 in sein Amt als Erzbischof von Köln eingeführt wird.
Kardinal Joachim Meisner beim Gottesdienst im Kölner Dom, bei dem er am 12. Februar 1989 in sein Amt als Erzbischof von Köln eingeführt wird.
Papst Johannes Paul II. und Kardinal Joachim Meisner am 2. Februar 1983.
Papst Johannes Paul II. und Kardinal Joachim Meisner am 2. Februar 1983.

29.06.2020

Überraschende Autobiografie aus Nachlass des Kölner Kardinals Meisner "reloaded"

Er berichtet über seinen Widerstand in DDR-Zeiten und seinen turbulenten Wechsel nach Köln. Einige Mitbrüder lobt er, anderen wirft Joachim Kardinal Meisner in seinen "Lebenserinnerungen" Verrat vor. Ein Blick in die Autobiografie.

Der frühere Kölner Erzbischof Joachim Meisner ist seit drei Jahren tot - und immer noch für Überraschungen gut. Nachdem sich im Nachlass des Kardinals fast 600 Kunstwerke fanden und für 1,2 Millionen Euro für einen guten Zweck versteigern ließen, sorgt seine Hinterlassenschaft erneut für Aufmerksamkeit: Im Freiburger Verlag Herder ist am Montag eine Autobiografie erschienen.

Die 272 Seiten "Lebenserinnerungen" diktierte Meisner einer Journalistin in den Monaten vor seinem Tod "in ihre formgebende Feder", so der Testamentsvollstrecker und Kölner Domkapitular Markus Bosbach. Die Erinnerungen umfassen zwar die komplette Lebensspanne des konservativen wie streitbaren Kardinals, behandeln aber näher seine Kindheit und seinen Werdegang als Priester in der DDR, Weihbischof in Erfurt und Bischof des geteilten Berlins. Seiner Zeit ab 1989 in Köln widmet Meisner relativ wenige Seiten.

"Wer sich anpasst, kann gleich einpacken"

Der Titel "Wer sich anpasst, kann gleich einpacken" bezieht sich denn auch nicht auf die kirchliche Reformdebatte, sondern auf die katholische Opposition hinter dem Eisernen Vorhang. Teils liest sich das Buch wie ein Krimi. Von Berlin aus pflegte Meisner intensive Kontakte zur unterdrückten tschechoslowakischen Kirche. Er beschreibt, wie er nach einem Treffen mit Kardinal Frantisek Tomasek ausgefragt wird und sich der Grenzer mit Wut erwehrt: "Wir haben jedenfalls nichts besprochen, was die Existenz Ihrer Republik infrage stellen könnte."

Der Kardinal leistete nicht nur praktische Hilfe für die Untergrundkirche, indem er etwa Kopiergeräte unauffällig organisierte. Als "höchst gefährlich" stuft er die rund 60 geheimen Priesterweihen ein. Immer an einem Samstagnachmittag hätten ihn die Kandidaten zu zweit aufgesucht, wo sie sich mit einem Erkennungszeichen, einer kleinen Nepomukfigur, ausweisen mussten.

"Die Weihe nahm ich dann in der Nacht in meiner winzigen Hauskapelle in Berlin vor."

Testamentsvollstrecker Bosbach rang mit sich, wann und wie er die Erinnerungen veröffentlichen sollte. Denn es waren auch Korrekturen nötig, die er nach Hinweisen von Experten und Weggefährten einfließen ließ. Aber auf Kommentare oder kirchen- und zeitgeschichtliche Einordnungen verzichtete er. Die müssten andere vornehmen, so der Domkapitular.

Das gilt besonders mit Blick auf zwei Kirchenmänner: den Sekretär der damaligen Berliner Bischofskonferenz, Prälat Paul Dissemond, und den Berliner "kirchenpolitischen" Prälaten Gerhard Lange. An ihnen lässt Meisner kein gutes Haar. Den Geistlichen, die bereits unter seinem Vorgänger Alfred Bengsch die Kontakte zwischen Staat und Kirche zu pflegen hatten, wirft er eine zu große Nähe zum DDR-Regime vor. Sogar von "Verrat" spricht er bei Lange, der 2018 starb und mit bischöflichem Segen beigesetzt wurde. Dass sie die Kirchenpolitik anders einschätzen als Meisner, war schon in den 80er Jahren kein Geheimnis. Warum der Kardinal trotzdem Lange bis zuletzt im Amt beließ, bleibt sein Geheimnis.

Kardinal Lehmann oder Papst Franziskus werden nicht erwähnt

Auffällig sind wie in allen Autobiografien die "Leerstellen": Während Meisner sich bemüht, sich als Wunsch-Nachfolger seiner Vorgänger in Berlin und in Köln zu präsentieren, findet er für seine eigenen Nachfolger dort kein anerkennendes Wort. Auch andere Namen fehlen, etwa der seines langjährigen Gegenpols in der Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, oder Papst Franziskus.

Meisner "reloaded" - so lesen sich die Passagen über den von ihm betriebenen Ausstieg der Kirche aus der Schwangerenkonfliktberatung oder seine Nähe zu Papst Johannes Paul II. Neu klingen indes seine O-Töne über die "Politiker des Westens": Kanzler Helmut Schmidt, der den Kardinal nach seinen Angaben zweimal im Jahr aufsuchte, hielt er - wohlwollend gemeint - für einen "Humanisten mit metaphysischem Hintergrund", bis der Politiker sich mal als Atheist geoutet habe.

Helmut Kohl sei zwar gläubig gewesen, aber auch "dialogunfähig". Und Angela Merkel? Für Meisner war sie als geschiedene Frau in Lebensgemeinschaft mit einem geschiedenen Mann ein rotes Tuch. Das ließ er sie ungeniert spüren. Bei einem Besuch in Köln begrüßte er sie so: "Na, Frau Landsmännin, Sie kommen wohl zu mir zum Brautunterricht."

Andreas Otto
(KNA)

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