Kardinal Woelki umarmt Gottfried Böhm am Vorabend dessen 100. Geburtstags
Kardinal Woelki umarmt Gottfried Böhm am Vorabend dessen 100. Geburtstags
Kardinal Woelki mit Architekt Gottfried Böhm
Kardinal Woelki mit Architekt Gottfried Böhm
Das Bensberger Rathaus, im Volksmund auch "Affenfelsen" genannt.
Das Bensberger Rathaus, im Volksmund auch "Affenfelsen" genannt.
Innenansicht von Christi Auferstehung.
Innenansicht von Christi Auferstehung.
Zur Verabschiedung von Josef Rüenauver 2001 kamen Paul und Gottfried Böhm sowie sein Nachfolger Martin Struck.
Zur Verabschiedung von Josef Rüenauver 2001 kamen Paul und Gottfried Böhm sowie sein Nachfolger Martin Struck.
Kirche Sankt Gertrud in Köln
Kirche Sankt Gertrud in Köln

23.01.2020

Interview mit Architekt Gottfried Böhm zu seinem 100. Geburtstag "Mir geht es um Wärme"

Der renommierte Architekt Gottfried Böhm begeht an diesem Donnerstag seinen 100. Geburtstag. Am Vorabend wurde er bereits von Kardinal Woelki gefeiert. Böhm berichtet im Interview darüber, wie es ihm geht und was er über seine Kritiker denkt.

Katholische Nachrichtenagentur (KNA): Herr Böhm, Sie werden heute, am 23. Januar, 100 Jahre alt. Wie fühlen Sie sich?

Gottfried Böhm (Architekt und Bildhauer): Sehr, sehr alt. Wie ich mich bewege und wie ich wackele. Ich kann mir noch nicht mal mehr einen Kaffee kochen. Aber ich habe eine liebe Pflegerin, die mir hilft.

KNA: Freuen Sie sich am Leben trotz der Beschwernisse?

Böhm: Es macht mir schon noch ein bisschen Spaß. Wenn ich so von Ihnen gefragt werde und man sich für mich interessiert - das finde ich schon nett. Aber leider wird alles so schwierig, auch das Denken. Manchmal brauche ich eine Ewigkeit, bis mir eine Name einfällt.

KNA: Wie feiern Sie denn Ihren runden Geburtstag?

Böhm: Mit meinen Söhnen. Und der Kölner Diözesanbaumeister Martin Struck organisierte eine Messfeier in Kolumba. Ich finde das ein bisschen komisch, schließlich bin ich kein Heiliger. Trotzdem ist es irgendwie toll, dass sie das machen wollen.

KNA: Der Jubiläums-Gottesdienst in dem vor zwölf Jahren eröffneten Kunstmuseum Kolumba hat ja seinen Grund. In dem Komplex integriert ist die Kapelle "Madonna in den Trümmern", die Sie nach dem Krieg in den Ruinen der Kölner Pfarrkirche Sankt Kolumba errichtet hatten ...

Böhm: ... das ist das erste, was ich gemacht habe. Und es bedeutet mir sehr viel. Das Projekt hat mich damals sehr beeindruckt.

KNA: Finden Sie es gelungen, wie die Kapelle in den Museumsbau einbezogen wurde?

Böhm: Das finde ich gar nicht gut. Es ist schade, dass die Kapelle völlig eingebaut und aus dem Stadtbild herausgenommen ist. Und die von Ludwig Gies entworfenen Chorfenster sind ganz ins Abseits geraten; in sie fällt gar kein richtiges Licht mehr hinein.

KNA: Als zentrales Werk von Ihnen gilt der Mariendom in Neviges. Manche fremdeln mit dem wuchtigen Betonbau und sprechen von einer brutalistischen Architektur. Wie denken Sie darüber?

Böhm: Ich lese gerade das Buch "Sakralbauten der Architektenfamilie Böhm". Da ist auch von dem Brutalismus die Rede. Das beschäftigt mich im Moment leider ziemlich stark. Ich möchte doch nicht als brutaler Mensch gelten, einer der brutalistisch baut. Nur weil ich Beton verwende? Sind Kirchen in Granit dann auch brutalistisch? Mir geht es um Wärme. Das möchte ich haben: Dass meine Bauten innen drin und auch außen Wärme ausstrahlen.

KNA: Ihr Vater war Architekt, Ihre verstorbene Frau war Architektin, drei Söhne sind Architekten. Wie kriegt man da Familie und Beruf harmonisch zusammen?

Böhm: Das ist mitunter sehr lebendig und spannend. Natürlich sind wir nicht immer einer Meinung. Aber die Unterschiede sind nicht so gewaltig, dass wir da nicht wieder zusammenkommen. Oft ist ja auch was dran an dem, was sich der andere gedacht hat. Manchmal wundere ich mich, dass das Gespräch so gut läuft.

KNA: Sie haben viel mit Beton gearbeitet. Was ist der Baustoff der Zukunft?

Böhm: Ich glaube, das ist auch Beton. Betonartige Gebäude gab es übrigens schon in frühchristlicher Zeit. Jetzt wird ja auch viel Holz verwendet. Das ist auch ein schönes Material. Mir kam es aber früher immer ein bisschen altmodisch vor. Auch ist Holz ziemlich feuergefährlich und droht, relativ schnell zu verderben. In München habe ich ein Haus aus Holz gebaut, das nach 50 Jahren abgerissen wurde.

KNA: Sie haben besonders in der Nachkriegszeit sehr viele Kirchen gebaut ...

Böhm: ... das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Ich habe ja noch erlebt, dass Kirchen immer zu klein waren und die Gemeinden mehr Platz haben wollten. Das hat sich in den vergangenen Jahrzehnten komplett verändert. Wenn ich sonntags in die Kirche gehe, sehe ich dort meistens nur ältere Leute.

KNA: Nicht mehr benötigte Kirchen werden anders genutzt oder abgerissen. Ist das hart für Sie?

Böhm: Ein Abriss schon. Aber von meinen Kirchen ist noch keine abgerissen worden. Sankt Ursula in Hürth-Kalscheuren wird ja als Galerie für moderne Kunst genutzt. Damit kann ich leben.

KNA: Können Sie der Kirche einen Tipp geben, wie sie wieder mehr junge Menschen anziehen kann?

Böhm: Das ist schwierig. Vielleicht muss sie ihre Sprache ändern und sich der Zeit mehr anpassen. Eine Frau als Priester oder eine Päpstin - das muss kommen.

Andreas Otto
(KNA)

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