Kirchenberichterstattung: Tendenziös?
Kirchenberichterstattung: Tendenziös?
Talk mit Dr. Markus Günther und Joachim Frank (links)
Talk mit Dr. Markus Günther und Joachim Frank (links)
Dr. Markus Günther kommt...
Kommunikationsdirektor Dr. Markus Günther
Joachim Frank
Joachim Frank

21.11.2019

Streitgespräch zwischen zwei engagierten Katholiken Wege zum Glauben in unterschiedlichen Rollen

Was sie eint, ist die Bindung zur Kirche. Aber der Blickwinkel ist anders. Während der eine die Kommunikation des Erzbistums Köln lenkt, berichtet der andere als Journalist über Kirchenthemen. Nun kam es zum Streitgespräch, beobachtet von Johannes Schröer.

"Der offene Konflikt hat etwas Befreiendes", sagt der Mediendirektor des Erzbistums Köln Dr. Markus Günther. Und er will auch nicht lange um den heißen Brei herumreden. Dass es zwischen dem Erzbistum Köln und dem Kölner Stadtanzeiger ein spannungsreiches Verhältnis gibt, ist jedem bewusst, der der Einladung des Kölner Presseclubs an diesem Abend gefolgt ist, um Dr. Markus Günther und den Chefkorrespondenten des Kölner Stadtanzeigers, Joachim Frank, auf der Bühne zu erleben – zwei engagierte Katholiken in ganz unterschiedlichen Rollen, der Journalist trifft auf den Sprecher des Erzbistums.

Der Streit kommt auf den Tisch

"Die katholischen Medien und die Kirche – ein spannungsreiches Verhältnis", so heißt der Abend, wobei die Überschrift globaler gemeint ist, als die spezielle Auseinandersetzung zwischen dem Stadtanzeiger und der Führung des Erzbistums, die hier zunächst ausgetragen wird.

Aber es ist, wie es ist – also muss zunächst dieser Streit auf den Tisch. Die katholische Kirche sei gespalten, erklärt Dr. Günther, da gebe es zwei unterschiedliche Richtungen, die ein ganz anderes Verständnis von der Modernisierung der Kirche haben. "Sie sind ein innerkirchlicher Aktivist, der nicht neutral berichtet, wo er als Journalist neutral berichten sollte", wirft Günther dem Stadtanzeigerkorrespondenten vor und meint damit, dass Frank mit zuviel Herzblut eine verborge Agenda verfolge, die einseitig für eine bestimmte Gruppe in der Kirche Werbung mache, zum Beispiel für Reformbewegungen wie Maria 2.0.

Joachim Frank weist das von sich und pocht auf seine Neutralität. Und dann streiten die beiden, indem sie sich an einem Beispiel verhaken, das man eben so oder so sehen kann. An dieser Stelle trägt die Diskussion nicht zum Erkenntnisgewinn der Zuhörer bei, weil – wie es so schön heißt – Aussage gegen Aussage steht und es immer besser ist, wenn jeder Einzelne sich ein Bild macht, indem er sich die Berichterstattung des Kölner Chefkorrespondenten anschaut und dann selbst urteilt.

Köln ist nicht die Welt

Halt, stopp – das sind vergleichsweise kleine Scharmützel und mikroskopische Schauplätze, die Köln betreffen, aber die Stadt Köln ist nicht die Welt, nicht einmal Deutschland, nicht einmal das ganze Erzbistum. Trotzdem steht diese Auseinandersetzung im weiteren Sinn auch für das Große Ganze, um das es gerade in der katholischen Kirche geht, denn die Skandale um sexualisierten Missbrauch haben die Kirche in eine schwere Krise gebracht, sagt Dr. Günther, die Kirche müsse sich unbedingt modernisieren.

Soweit stimmt Joachim Frank zu. Doch auf welche Art und Weise diese Modernisierung stattfinden soll, da sind sich die beiden Katholiken nicht einig, das bleibt die Hintergrundmusik und eigentliche Ursache ihres Streits.

Joachim Frank sagt, die Kirche sei zurzeit ein Ausfall, sie erfülle ihre eigenen moralischen Vorgaben nicht, Strukturreformen seien dringend nötig, um wieder an Glaubwürdigkeit zu gewinnen. Ja, gibt auch Günther zu, die Kirche habe eine Glaubwürdigkeitslücke und es sei schwer in dieser Ausgangslage etwas Vertrauensvolles und Hoffnung Bringendes anbieten zu wollen. Aber, und das ist das Credo des Mediendirektors: "Wir reden auch zu viel von der Kirche und zu wenig vom Glauben".

Das Wort Gottes kommt zu wenig vor

Aufklärung der Missbrauchsfälle sei dringend nötig, sich in innerkirchliche Sturkurdebatten zu verzetteln, jedoch nicht. Denn die Mehrheit der glaubensfernen Menschen in unserer säkularen Gesellschaft interessierten sich nicht für innerkirchliche Debatten im Angesicht ihrer existentiellen Fragen, auf die Christen mit ihrer Hoffnung eine Antwort hätten, sagt Dr. Günther und weiter: "Wir als Kirche sprechen viel zu viel von den Konflikten, oft kommt das Wort Gott in diesen Debatten stundenlang nicht mehr vor".

Modernisierung durch glaubwürdige Evangelisierung, mutig sein und über Gott und die christliche Hoffnung sprechen, das schlägt der Mediendirektor vor, und sich auch nicht hinter theologischen Abstraktionen zu verstecken. Diese Kritik richtet er an viele Vertreter seiner Kirche und dann nimmt er noch einmal die Medien aufs Korn. Er kritisiert, dass Journalisten, wenn von Kirche die Rede sei, sich nur für die Skandale interessierten oder in einem kleinen bunten Boulevard-Rest für die putzige Folklore der scheinbar altertümlichen Kirche.

Joachim Frank kann da nicht zustimmen. Wenn von Gleichberechtigung der Frauen in der Kirche die Rede sei, dann sei diese Forderung doch kein Skandal, sondern verständlich und nachvollziehbar und sei die Kirche nicht selber schuld, wenn sie eine Berichterstattung provoziere, die Günther als Skandalberichterstattung bezeichne?, fragt Frank.

Das Gespräch nicht verweigern

Wie modernisiert man die Kirche? Das bleibt ein Streitfall. Gut, dass er offen ausgetragen wird. "Wir wollen das Gespräch doch nicht verweigern", sagt Dr. Günther und betont, dass der Erzbischof von Köln, Rainer Maria Kardinal Woelki, auf jeden Menschen zugehe, der Fragen an die Kirche habe. "Unermüdlich", wie Günther das an jedem seiner Arbeitstage erlebe.

In der offenen Aussprache erhebt dann ein Mann fortgeschrittenen Alters seine Stimme und fragt kurz und knapp. "Wann werden sie denn den Gottesbeweis liefern". Und er meint diese Frage nicht ironisch, sondern ganz ernst. "Gott ist das Geheimnis meines Lebens, das mich anschaut", zitiert Dr. Günther Karl Rahner, den er sehr verehrt. "Gott ist Grund und Abgrund meiner Existenz". Wie wir Gottes Botschaft in die Welt tragen, darüber lohnt es sich zu streiten – immer wieder und mit viel Leidenschaft.

Johannes Schröer
(DR)

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