Symbolbild Demenz
Symbolbild Demenz
Brigitte Döpper
Brigitte Döpper

28.05.2018

Pastorales Projekt "Mensch.Demenz.Kirche" im Erzbistum Köln Die Sehnsucht nach Gott bleibt

Menschen mit Demenz kommen im kirchlichen Alltag so gut wie nicht vor. Was kann dazu beitragen, dass Gemeinden deren allmähliches "Verschwinden" gezielt in den Blick nehmen? Das Erzbistum Köln intensiviert dieses Thema.

DOMRADIO.DE: Dass in einer alternden Gesellschaft immer mehr Menschen an Demenz leiden, ist kein neues Phänomen. Wie kommt es, dass nun auch die Kirche diese Zielgruppe für sich entdeckt hat?

Brigitte Döpper (Projektleiterin von "Mensch.Demenz.Kirche" im Erzbistum Köln): In der Tat nimmt die Zahl derer, die vor allem im Alter an den unterschiedlichen Formen von Demenz erkranken, stetig zu. Das Augenmerk war bislang aber vorrangig auf den medizinischen und pflegerischen Aspekt gerichtet. Meistens stehen Fragen im Mittelpunkt, wie zum Beispiel: Was ist Demenz überhaupt? Wie äußert sie sich? Und wie ist diese Krankheit zu stoppen? Erst auf den zweiten Blick ging es dann um die Angehörigen von Demenz-Patienten, die oft mit der Situation überfordert sind. Es gründeten sich Selbsthilfegruppen, und mit der Anpassung der Pflegestufen bzw. -grade wurde für eine Entlastung der Angehörigen gesorgt.

Mittlerweile gibt es Demenz-Cafés und auch eine Tagesbetreuung. Der Kirche nun geht es darum, den Fokus noch einmal zu erweitern und über das Thema "Demenz" – in Ergänzung zu dem, was es bereits an Initiativen gibt – auch aus der Perspektive von Glaube und Spiritualität nachzudenken und darüber in einen Dialog zu kommen. Denn uns ist ja immer die ganzheitliche Wahrnehmung eines Menschen wichtig, und da gehört seine Religiosität unbedingt mit dazu.

DOMRADIO.DE: Was bedeutet das konkret?

Döpper: Im Erzbistum Köln haben wir zur letzten Domwallfahrt einen Pilgerweg im Rahmen des Projektes "Mensch.Demenz.Kirche" ins Leben gerufen und erstmalig Menschen mit Demenz über ein spezielles Angebot in diese traditionelle Bistumsveranstaltung eingebunden. Eine gleichnamige Ausstellung mit spirituellen Textimpulsen und Aufnahmen des Fotografen Michael Uhlmann "wandert" gerade durch die Diözese und kann für die Auseinandersetzung mit Demenz in den Gemeinden gebucht werden.

Ziel ist, für eine demenzsensible Haltung zu werben und eine solche den Betroffenen und ihren Familien gegenüber einzunehmen, damit es zu keiner Ausgrenzung kommt. Denn es ist schon auffällig: Spricht man über Menschen mit einer Demenz, werden sie oft als "Problem" oder "notwendige Aufgabe" betrachtet. Es geht dann meist um Betreuungsfragen, Kostenfaktoren und den Pflegenotstand. In der Pastoral dagegen nehmen wir den ganzen Menschen in den Blick und verstehen ihn auch mit einer Demenzerkrankung als lebendigen Bestandteil von Kirche. Denn wir handeln ja aus der Überzeugung: Nur gemeinsam mit allen Menschen sind Reichtum und lebendige Vielfalt möglich und erfahrbar.

DOMRADIO.DE: Was verstehen Sie unter einer "demenzsensiblen Haltung"?

Döpper: Wir vermeiden beispielsweise den Begriff "der Demente", was Ausdruck eines auf die Erkrankung reduzierten Menschenbildes ist. Außerdem muss immer auch zwischen den verschiedenen Erkrankungsstadien unterschieden werden. In der Regel werden Menschen mit Demenzerkrankung zuhause gepflegt, was das häusliche Umfeld stark belastet. Daher gibt es nun auch zunehmend Selbsthilfegruppen für Menschen mit Demenz, weil sie vieles, was sie bewegt, nicht mit den Angehörigen besprechen können oder wollen, aber im Austausch mit Gleichbetroffenen. Denn zu Beginn einer Diagnose können diese Menschen ja noch vieles selbst entscheiden.

Der Autonomiegedanke ist für die meisten sogar extrem wichtig. Sie machen sich viele Gedanken darüber, wie es weitergehen wird: welche Wohnform es beispielsweise beim Fortschreiten der Krankheit gibt, wie der Alltag dauerhaft bewältigt werden kann. Also auf den einzelnen Menschen zu schauen, ihn nicht einfach nur einer definierten Gruppe zuzuordnen, würde bedeuten, sensibel für seine sehr individuelle Situation zu sein. Schubladen-Denken ist hier fehl am Platz. Wir brauchen eine demenzsensible Seelsorge, in der wir Menschen in aller Unterschiedlichkeit achtsam wahrnehmen, Ressourcen nutzen und Kommunikation bewusst gestalten.

DOMRADIO.DE: Wie könnte die denn – über bereits bestehende Unterstützungsangebote hinaus –  aussehen?

Döpper: Es gibt in der Tat schon hilfreiche Projekte wie "dabei und mittendrin. Gaben und Aufgaben demenzsensibler Kirchengemeinden" des katholischen Stadtdekanates Köln und der Alexianer GmbH, bei dem Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen zur aktiven Teilhabe am Gemeindeleben ermutigt und Kirchengemeinden in der Öffnung ihrer Angebote für Menschen mit und ohne Demenz unterstützt werden sollen. Denn alte Menschen sind ein wachsender und wichtiger Teil unserer Pfarreien. Doch mit einer beginnenden Demenzerkrankung ziehen sie sich häufig mehr und mehr aus dem kirchlichen Leben zurück. Damit gehen für viele Betroffene religiöse Kraftquellen und die Zugehörigkeit zu einer wohltuenden Gemeinschaft verloren.

Und die Gemeinden verpassen die Chance eines spürbar solidarischen Miteinanders vor Ort. Dabei kann ein Gottesdienst auch so gestaltet werden, dass Menschen mit Demenz daran teilnehmen können. Uns war klar, dass wir – über das Medizinisch-Pflegerische hinaus – bei der Haltung ansetzen wollen. Denn unsere Beobachtung ist, dass solche Gemeindemitglieder eines Tages einfach nicht mehr da sind, unmerklich verschwinden – oft aus dem Gefühl heraus, nicht mehr willkommen zu sein. Dabei waren sie doch jahrzehntelang im Kirchenchor oder kamen bis vor kurzem noch zum Seniorennachmittag. Wir wollen das, was ohnehin schon Haupt- und Ehrenamtliche vor Ort tun, um den Aspekt der Spiritualität ergänzen. Dazu schauen wir auf die pastoralen Dienste und die Multiplikatoren in den Gemeinden und fragen: Was braucht Ihr?

DOMRADIO.DE: Glauben Sie, dass auch Menschen mit Demenz ein Bedürfnis nach spirituellen Ausdrucksformen verspüren?

Döpper: Wer ein Leben lang ein spiritueller Mensch war, der verliert ja trotz Erkrankung nicht plötzlich diese Sehnsucht nach Gott. Oder: Wenn ich an Demenz erkranke, verliere ich ja nicht meine Freude an Musik. Wer immer gerne Mozart gehört hat, tut das auch in seiner Demenz. Wer die Jahresfeste und Gottesdienste gefeiert hat, will das auch weiterhin tun. Wer aus der Sonntagsmesse bisher Kraft geschöpft hat, wird auch das dauerhaft erleben wollen. Es ist an uns, Demenzkranken die nötige Energie dafür zu geben, heilsame Begegnungen zu ermöglichen und sie nicht von Gewohntem abzuschneiden.

Natürlich ist es ratsam, für Gottesdienste mit ihnen bekannte Lieder und Rituale zu wählen, die fest zu ihrer Lebenswirklichkeit gehören, oder eine Predigt zu halten, die mit einfachen Sätzen an Bekanntes anschließt. Das gibt ihnen das gute Gefühl, mit Gott verbunden zu bleiben. Es ist ja so, dass auch in der Demenz das Eigentliche, das Erfüllt-Sein bleibt. So wie auch die Themen bleiben, die immer schon präsent waren – erst recht wenn diese emotional verankert sind.

DOMRADIO.DE: Was ist das Anliegen Ihres Projektes?

Döpper: Wenn "Haltung" das Dach ist, unter dem wir alle mit unseren sich ergänzenden Angeboten stehen, dann geht es darum, dass wir den Menschen trotz seiner Einschränkung vor aller Leistung sehen – auch noch mit allen Potenzialen, die er hat. Denn die sind ja nicht unbedingt weg, sondern haben sich vielleicht nur verändert. Und daher braucht eine Gemeinde den Menschen mit Demenz genauso wie den ohne Demenz. Mit der Diagnose Demenz beginnt ein Prozess, der sich gestalten lässt und an dem wir als Kirche beteiligt sein wollen.

DOMRADIO.DE: Oft heißt es von Menschen mit Demenz, sie lebten in ihrer eigenen Welt…

Döpper: Falsch ist jedenfalls das Klischee: Die können ja nichts mehr. Gerade in der Mitte der Krankheit geht vieles über eine ausgeprägte Emotionalität. Da kann es noch sehr bereichernde Momente geben. Ich will diese Erkrankung keineswegs relativieren, aber wir können noch so manches von Menschen mit Demenz lernen: zum Beispiel dass sie im Hier und Jetzt leben oder auf manches einen anderen Blick haben. Wie oft täte das auch uns gut!

Das Interview führte Beatrice Tomasetti.

(DR)

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