Auf gute Nachbarschaft
Tür an Tür und doch alleine?
Dr. Hedwig Lamberty
Dr. Hedwig Lamberty

09.03.2018

Erzbistum Köln bietet Seelsorge auch für Singles Solo, aber nicht ohne…!

Immer mehr Menschen in Deutschland leben alleine – viele von ihnen unfreiwillig. Nun nimmt auch die Kirche diese Gruppe gezielt in den Blick. So wie im Erzbistum Köln, wo es seit anderthalb Jahren eine Referentin für Single-Pastoral gibt.

DOMRADIO.DE: Wer ist ein Single und welches Bild haben Sie von Singles, sodass die Kirche gezielt Angebote an diese Gruppe richten sollte?

Dr. Hedwig Lamberty (Theologin und Referentin für Single-Pastoral im Erzbistum Köln): Singles sind Menschen, die nicht in einer festen Partnerschaft leben. Das sind neben den immer schon Alleinlebenden auch geschiedene, alleinerziehende und verwitwete Männer und Frauen. Manche entscheiden sich bewusst fürs Alleinleben, andere leiden unter diesem Zustand. Es gibt auch kein definiertes Alter, das repräsentativ für Singles wäre. Da es eine immens heterogene Gruppe ist, hat der Einzelne auch sehr individuelle Wünsche an die Kirche – wenn er welche hat. Und dass die Anzahl der Alleinlebenden immer noch wächst, ist ein gesellschaftliches Phänomen, das man nicht ignorieren sollte. Denn es wirkt sich natürlich auch auf das gesellschaftliche Zusammenleben aus und prägt es.

Ich mache die Erfahrung, dass die Bandbreite von Wünschen an die Kirche von Single-Cafés am Sonntagnachmittag in der eigenen Kirchengemeinde bis hin zu der Haltung reicht: Ich will von Kirche nichts wissen. Grundsätzlich ist es schwierig, von uns aus Singles mit pastoralen Themen überhaupt zu erreichen. Vielfach ist für Singles das Internet ihre Plattform der Begegnung und Kommunikation. Entsprechend werden wir auch die digitalen Medien verstärkt nutzen.

DOMRADIO.DE: Trotzdem konstatieren Sie einen Bedarf für pastorale Angebote…

Lamberty: Sogar einen recht großen. Doch wenn man den Begriff "Single" googelt, stößt man zunächst nur auf Portale für Partnersuche. Kirchliche Angebote gibt es da kaum. Mir ist wichtig, für diese Menschen, die ja viele Sehnsüchte haben, eine auf sie zugeschnittene Pastoral zu entwickeln und ihnen in dieser Lebensform, die von dem kirchlichen Ideal-Bild – nämlich als Paar oder Familie zu leben – ja abweicht, Antworten auf existenzielle Fragen anzubieten. Wir erreichen natürlich primär diejenigen, die eine Nähe zur Kirche haben und hier Offenheit zeigen.

Mehr als die Hälfte der Singles aber sind kirchenfern und Männer noch mehr als Frauen. Und: Die Mehrheit der Singles möchte kein Single sein. Die unfreiwillig Alleinlebenden haben einen großen Leidensdruck; sie fühlen sich defizitär. Wir wissen, dass sie Fragen nach der Versorgung im Alter oder bei Krankheit beschäftigen. Sie wünschen sich ganz grundsätzlich, Anteil an Gemeinschaft zu haben und auch einen Kommunikationsort. Darauf wollen wir reagieren.

DOMRADIO.DE: Welche Bedürfnisse beobachten Sie bei diesen Menschen denn als vorrangig?

Lamberty: Sie vermissen oftmals den Austausch und die konstruktive Auseinandersetzung, die Zweisamkeit, körperliche Nähe und auch Intimität. Sie sehnen sich nach jemandem, der sie in den Arm nimmt und tröstet, nach einer Schulter zum Anlehnen und gemeinsamen Unternehmungen. Sie wünschen sich einen Partner, der einfach da ist, ohne dass man einen Termin vereinbaren muss. Mit dem sich Freud und Leid teilen lässt.

DOMRADIO.DE: Aber viele Singles schätzen an ihrer Lebensform sicher auch die Vorteile…

Lamberty: Natürlich. Flexibilität und Unabhängigkeit, Entspannung, keinen Beziehungsstress, Freiheit, keinerlei Rechtfertigungszwang – das steht auf der Haben-Seite. Und da sie eben scheinbar auch mehr Zeit als andere haben, werden Singles fürs Ehrenamt in der Gemeinde oft angesprochen, fühlen sich da aber als Lückenbüßer, zumal sie oft genau dieser Argumentation begegnen, als "Ungebundene immer Zeit zu haben".

DOMRADIO.DE: Wie lässt sich für Sie diese Spannung auflösen?

Lamberty: Mein pastoraler Ansatz ist, mit Menschen, für die ich zuständig bin, also den Singles, in Kontakt zu kommen. Ich will mehr von ihrer Lebenssituation erfahren und ihre Erwartungen und Wünsche an Kirche kennenlernen. Es geht nicht darum, ihnen ein Konzept überzustülpen, sondern gemeinsam Angebote zu entwickeln, die für sie sinnerfüllend sind. An Angeboten interessiert sind vom Alter her die über 40-Jährigen. Die Jüngeren suchen – auch wenn sie Singles sind – eher nach thematischen Veranstaltungen mit Gleichaltrigen, die nicht zwingend ebenfalls Singles sein müssen.

DOMRADIO.DE: Was könnte das sein?

Lamberty: In vielen Gesprächen mit Singles versuche ich herauszuhören, welche pastoralen Angebote hilfreich sind. Aber gerade weil das Thema für viele auch mit Scham besetzt ist, wollen kirchengebundene Singles lieber aus dem ihnen vertrauten Dunstkreis heraus. Dafür braucht es zentrale Angebote an ganz neuen Orten, wo sie auf unbekannte Teilnehmer treffen, mit denen ein Austausch "leichter" ist.

Freizeitangebote, wie gemeinsames Wandern, haben sich da schon sehr bewährt. Ein Wochenende zum Thema "Solo, aber nicht ohne…!" hatte eine so überraschend große Resonanz, dass sich zeigt, über Aktivitäten, gemeinsames Unterwegssein, lassen sich kircheninteressierte Singles ansprechen. Es wurde deutlich, dass Singles bei Kirche etwas suchen – und wenn es der Austausch mit Gleichgesinnten ist. Die Auslastung dieses Wochenendes war Beleg dafür, dass es für Single-Pastoral einen großen Bedarf gibt. Gerade Samstag und Sonntag, wenn andere mit der Familie etwas unternehmen, fühlen sich Singles überflüssig – übrigens mehrheitlich Frauen. Dass manch einer dabei im Hinterkopf hat, eine solche Veranstaltung als "Partnerbörse" zu nutzen, weil man die gleiche kirchliche Sozialisation hat und dieselben Werte, ist sicher ein – wenn auch unbeabsichtigter – attraktiver Nebeneffekt. Bei einem kirchlichen Angebot treffen sie jemanden, der grundsätzlich zu ihnen passt, weil beiden der Glaube wichtig ist.

DOMRADIO.DE: Auf Ihrer Homepage steht, die Single-Pastoral sei noch im Aufbau…

Lamberty: Ja, noch befinden wir uns in der Phase des Sondierens. Dabei müssen wir den gesellschaftlichen Trend zur Individualisierung, wachsenden Mobilität und hohen Erwartungen an eine Partnerschaft, die oft nicht erfüllt werden können, berücksichtigen. Und auch das Selbstbild vieler Singles: Ich bin nicht vollständig, weil in der Kirche die Familie mit dazu gehört. Diese Menschen sagen mir: Wir kommen doch in der Kirche auch gar nicht vor. Nicht einmal eine Fürbitte – wie für die Alten, Kranken und Einsamen – wird für uns gelesen. Daher ist es enorm wichtig, diese Lebensform aufzuwerten und zu vermitteln: Du bist genauso Gottes geliebtes Kind. Ich würde sogar so weit gehen und sagen: Es kann auch eine "Berufung" zum Single-Sein geben, auch wenn das sicher nur eine Minderheit betrifft.

DOMRADIO.DE: Was sind die nächsten Schritte?

Lamberty: Ich will Singles einen Resonanzraum für ihre speziellen Bedürfnisse bieten – vor allem auch für das nach Spiritualität, damit sie für sich erleben: Mein Leben wird reicher, sinnvoller. Ganz nach dem Johanneswort: Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben. Diese Menschen sind ja nicht weniger wert. Und ganz wichtig ist, dass die Seelsorgerinnen und Seelsorger in den Gemeinden auf das Thema aufmerksam werden. Im Kontext des Pastoralen Zukunftsweges können auch die Getauften und Gefirmten am jeweiligen Kirchenort, wie es sich Kardinal Woelki vorstellt, Themen der Single-Pastoral aufgreifen und zu ihrem Anliegen machen. Gerade in den Städten unseres Bistums ist das ein bedeutsames Thema, weil hier mehr Singles als im ländlichen Bereich leben.

DOMRADIO.DE: Sie wollen vermitteln, auch solo kann ein Leben wertvoll und glücklich sein…

Lamberty: Ja unbedingt. Ein Impulstag unter dem Motto "Solo… Mein Leben im Blick" mit der Bundesreferentin für das Netzwerk Solo & Co, Astrid Eichler, der am 10. März im Düsseldorfer Maxhaus Lebensperspektiven für Singles aufzeigen will, setzt genau da an. Auch hier geht es wieder um Fragen, Herausforderungen und Erfahrungen von Singles, die oft ganz im Reinen mit sich sind oder aber auch noch dahin kommen wollen, ihre Situation anzunehmen. Da geht es dann mit viel Austausch untereinander, aber auch einem Blick in die Bibel um Wachstum – wie übrigens für Menschen in festen Partnerschaften und Familien grundsätzlich auch.

Das Interview führte Beatrice Tomasetti.

(DR)

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