Mobile Glockenbeier-Einrichtung in Bonn Beuel
Glockenstuhl fürs Beiern
Blick von unten in den Glockenstuhl
Blick von unten in den Glockenstuhl

01.10.2017

Beueler Pfarrei bekommt mobilen Glockenstuhl geschenkt Tradition des Beierns

"Beiern" ist eine uralte Glockentradition. Fast ausgestorben, erlebt sie zuletzt eine Renaissance. In Bonn-Beuel kann ab sofort sogar mobil gebeiert werden - dank eines besonderen Geschenks: Einem Glockenstuhl.

Ein altes italienisches Sprichwort sagt: "In den Niederlanden singt die Zeit." Soll heißen: Das Glockenspiel zur vollen Stunde ist dort völlig normal. Schon seit dem 13. Jahrhundert ist verbürgt, dass Seile an den Klöppeln befestigt wurden, damit der Glöckner nicht nur die Glocken zum Schwingen bringen, sondern auch manuell anschlagen kann. Schon mit dreien lässt sich so eine kleine Melodie intonieren.

Nicht die Niederlande aber, sondern das Rheinland ist die Heimat des Beierns. Fast ausgestorben, erlebt der Brauch dort seit einigen Jahren eine Renaissance. In mehreren Orten sind neue Initiativen entstanden, um die alte Tradition des Beierns zu beleben. Im rechtsrheinischen Bonn, in Beuel, bekommt das "Online-Läuten" nun einen neuen Schub - dank eines besonderen Geschenks.

Premiere beim ökumenischen Gemeindefest

Der Schiffer-Verein, ein Beueler Traditionsverein von 1862, hat für die Josefspfarrei einen mobilen Glockenstuhl anfertigen lassen. Damit soll man diese Form des Glockenspiels künftig auch erleben können, ohne über steile Treppen und Leitern in den Kirchturm steigen zu müssen. Zur Brauchtumspflege soll das ambulante Instrument künftig sogar verliehen werden können. Premiere hatte es an diesem Sonntag beim ökumenischen Gemeindefest in Beuel. Es steht unter dem Motto: "Gemeinsam unterwegs".

Zum 500. Jahrestag der Reformation hat der Bonner Kirchenmusiker Hubert Arnold ein Beier-Lied komponiert; den Text verfasste Beuels evangelische Pastorin Heike Lipski-Melchior. Die vier Bronzeglocken mit den Tönen G', H'', D''' und E''' wurden Ende Juni in der Innsbrucker Gießerei Grassmayr gefertigt. Sie wiegen zwischen 100 und 22 Kilo und sind den Patronen des Schiffervereins, der Pfarrei und der Stadt Bonn gewidmet: Nepomuk, Nikolaus, Josef und Adelheid.

Beiern als Vorläufer des Glockenspiels

Der Ursprung des Wortes "Beiern" liegt im altfranzösischen "baier", vom Verb "aboyer" ("bellen" oder "anschlagen"). Der Spieler heißt niederländisch "Beiaard", bei uns "Beiermann". Beier-Traditionen gibt es in Frankreich, Belgien und in den skandinavischen Ländern, sogar in Russland, Slowenien, Italien, Portugal und Spanien oder in Jerusalem und Bethlehem. Doch Zentrum des Beier-Konzerns bleibt das Rheinland.

Kulturgeschichtlich ist das Beiern Vorläufer des besonders im 17. Jahrhundert in den Niederlanden und im Norden Frankreichs hochentwickelten Glockenspiels (französisch Carillon) - auch ein wertvolles Carillon gibt es übrigens im Beueler Glockenturm. Beim Beiern werden, im Gegensatz zum Carillon, nur jene wenigen Glocken genutzt, die auch sonst an Sonn- und Feiertagen läuten, während ein Carillon über diverse Glocken und mehrere Oktaven verfügt.

Wie das Beiern funktioniert

Die Glocken werden rhythmisch gespielt, indem man sie manuell mit den Klöppeln anschlägt. Die Melodien variieren mit der Zahl der Glocken und deren Tonart. Der Klöppel wird kurz vor den Glockenrand gezogen und dort mit einem Draht- oder Seilzug fixiert. Dann zieht sie der Beiermann, der mit seinen Händen oder auch Füßen mit dem Klöppel verbunden ist, gegen die dickste Stelle der Glocke. Auch andere Schlaghilfen wie Holzhämmer können zum Einsatz kommen.

Beim Beiern wird auch schon mal kräftiger zugeschlagen - während beim normalen Läuten des Küsters die Glocken sanft und kontrolliert zum Schwingen gebracht werden. So klagt die Inschrift der Glocke aus Merten im rheinischen Vorgebirge: «Kaum war ich 1804 geboren, starb ich abermal 1808 durch Gewalt, bekam aber 1809 wiederum diese Form und Gestalt. Gott gebe mir längeres Leben. Jeder hüte sich, mich zu verderben, weil mein Tod viel Kosten macht; daher nehmet euch mit Läuten und Bamschlagen in Acht.»

Ein Beiermann kann je nach Technik bis zu sechs Glocken bedienen. Spielt man im Team, bedarf es vieler Übung und Gefühl, Kraft und Erfahrung, um Rhythmus und Intervalle zu halten. In England gibt es regelrechte Wettbewerbe im Change Ringing. Von Ort zu Ort gibt es je eigene Beiermelodien und Beierverse, die oft humorvoll oder selbstironisch sind oder den Nachbarort bespötteln. Nicht selten sind aber auch die Beiermänner selbst Ziel spöttischer Verse - ist doch beim Beiern nicht selten Alkohol im Spiel.

Alexander Brüggemann
(KNA)

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