Kardinal Woelki beim Podiumsgespräch
Kardinal Woelki beim Podiumsgespräch
Pfarrer Franz Meurer
Pfarrer Franz Meurer

22.04.2015

Kardinal Woelki und Pfarrer Meurer reden über ihre Kölner Jugend Reiches Leben in armer Flüchtlingssiedlung

Über ein reiches Leben in armen Verhältnissen plauderten Rainer Maria Kardinal Woelki und Sozialpfarrer Meurer am Dienstag in der Karl-Rahner-Akademie. Dabei sparte Pfarrer Meurer auch nicht mit Lob für seinen Kardinal.

Die Kirchenglocke von Hand läuten? Franz Meurer hat es als Messdiener noch so erlebt in der Kölner Bruder-Klaus-Siedlung - auf der "schäl Sick", also der rechten und damit aus Domsicht "falschen" Seite des Rheins. Der heutige Sozialpfarrer in den Stadtteilen Höhenberg und Vingst erinnerte sich am Dienstagabend bei einem Podium in Köln gemeinsam mit Kardinal Rainer Maria Woelki an bewegte Jugendtage in dem katholisch geprägten Viertel. Denn auch der Erzbischof wuchs dort auf.

Erinnerungen an die Jugendzeit

Meurer ist mit seinen 63 Jahren fünf Jahre älter als Woelki, in Jugendzeiten eine Ewigkeit. Und so hat der Jüngere nach der Elektrifizierung den Glocken-Handbetrieb nicht mehr erlebt. Trotz dieses Unterschieds verbinden die Geistlichen ganz ähnliche Erfahrungen im selben Sozialmilieu. Ein wenig nostalgisch ging es am Dienstagabend beim Thema "En Kölle jebore", also "In Köln geboren" im Saal der Kölner Karl-Rahner-Akademie zu, als die beiden Männer über vergangene Zeiten in den 60er Jahren plauderten. Aber nicht nur. Es wurde deutlich, wie sehr gerade dieser Lebensabschnitt die beiden noch heute prägt.

Katholische Jugend übte starken Einfluss aus

Die nach dem Schutzpatron der Schweiz benannte Bruder-Klaus-Siedlung in Köln-Mülheim wurde vom damaligen Pfarrer Karl Müller initiiert: Für Ausgebombte, Kriegsrückkehrer- und -flüchtlinge. Woelki, dessen Eltern aus Ostpreußen stammen, berichtete, wie hier vor allem kinderreiche Familien einen Lebensort fanden und engagierte Kapläne den Alltag bestimmten. "Wer Fußball oder Tischtennis spielen wollte, musste zur katholischen Jugend gehen." Andere Anbieter gab es dort nicht. Ein starkes katholisches wie kleinbürgerliches Milieu also, in dem aber jeder - und darauf legen Woelki wie Meurer großen Wert - seinen Platz bekommen habe. Gerade mit Blick auf die heutigen Flüchtlinge betonten sie diesen Aspekt. Starken Einfluss übte damals ein junger Geistlicher aus, der die Kinder und Jugendlichen am Sonntagmittag für die "Christenlehre" gewann. Und zwar freiwillig. Allerdings kam der Kaplan nicht mit trockenen Lehrsätzen daher, sondern gab die Geschichte eines in Bedrängnis lebenden Missionars in Mexiko zum Besten. "Das war superspannend", so Meurer zu den Fortsetzungsgeschichten. Lebendige Bilder statt Dogmen. "Heute funktioniert Gemeinschaft nach den gleichen Bedingungen", gab er den klerikalen Kollegen mit auf den Weg.

Heutzutage zuviel Bürokratie

Woelki und Meurer ließen durchblicken, dass sie beide in materiell wenig rosigen Zeiten groß geworden sind - aber in einer doch erfahrungsreichen Zeit mit Ferienlager und VW-Bus-Tour. Meurer wusste noch genau, wie die Jugend eine Lumpensammlung organisierte, um mit dem Erlös an ein Zelt heranzukommen. Not sehen und sofort handeln - diese Unkompliziertheit vermisst Woelki heute, gerade auch mit Blick auf die Flüchtlinge. "Heute machen wir erstmal ein Komitee." Und dies sei "alles so deutsch gedacht". Was hindere beispielsweise pensionierte Pädagogen, ganz spontan in Pfarrheimen Sprachkurse anzubieten? "Wir nehmen die Leute wahr und helfen und fertig", so Woelki weiter.

Kardinal Woelki bevorzugt "partizipativen Lebensstil"

Meurer pflichtete seinem Erzbischof bei: "Rainer, ich bin froh dass Du ein Kardinal bist, der sagt: Nun lass doch mal was passieren." Überhaupt ließ der Pfarrer das eine oder andere Kompliment für seinen Chef einfließen. Mit Blick auf die Berufung einer Theologin zur Hauptabteilungsleiterin: "Du gibst Frauen Macht." Oder: "Du bist auch entscheidungsfähig." Dem so Gelobten war das wenig genehm. Mit Vokabeln wie "Beliebtheit" oder "Macht" habe er so seine Schwierigkeiten. Natürlich habe er Entscheidungskompetenz und müsse die gerade auch in Kernbereichen geltend machen, räumte Woelki ein und verwieß auf Gegenwind, den er bereits mit einigen Beschlüssen ausgelöst habe. Generell bekennt er sich aber zu einem "partizipativen Leitungsstil", um möglichst viele Leute mitzunehmen. "Ich habe bisher keine Entscheidung treffen müssen, die nicht von der Mehrheit der Beratungsgremien mitgetragen wurde." Das Publikum hörte es gern. Die Zukunft wird zeigen, ob dies so bleibt.

Andreas Otto
(KNA, dr)

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