04.10.2017

Bedingungsloses Kinder- und Jugendeinkommen gegen Armut? "Wir brauchen eine Haltungsänderung"

Geld kassieren ohne etwas dafür tun zu müssen? Das bedingungslose Grundeinkommen wird in der Politik für Erwachsene diskutiert. Christliche Jugendverbände bringen ein solches Einkommen für Kinder und Jugendliche auf den Tisch. Warum?

domradio.de: Sie fordern einen politischen Perspektivenwechsel in der Armutsbekämpfung – wie genau soll der aussehen?

Bernd Wildermuth (Pfarrer und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Evangelische Jugend in Deutschland):  Es geht vor allem darum, die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen einzunehmen.

Ist es allen Kindern und Jugendlichen möglich, am gesellschaftlichen Leben so teilzunehmen, dass sie nicht ausgegrenzt sind? Nein. Das sollte aber das Ziel sein. Dass in Deutschland niemand hungern muss, das ist eine Selbstverständlichkeit. Aber dass sie auch teilhaben können, dafür braucht es noch mal andere Instrumente und Möglichkeiten.

domradio.de: Was für Möglichkeiten?

Wildermuth: Geben wir jedem Kind und Jugendlichen die gleiche Ressourcen, egal aus welchem Elternhaus sie kommen. Das elternunabhängige Grundeinkommen für Kinder und Jugendliche ist eine solche Möglichkeit an dieser Stelle weiterzukommen.

domradio.de: In Dänemark gibt es ein ähnliches Konzept: Dort bekommt jeder dänische Student, der nicht bei den Eltern lebt, bis zu 809 Euro monatlich. Stellen Sie sich auch so etwas für Deutschland vor?

Wildermuth: Das ist ein sehr gutes Beispiel. Vor allem dadurch, dass es entbürokratisiert wird. Das BAföG, das wir kennen, ist sehr bürokratisch. Ich habe das selber ja auch in meiner Jugend gemacht, Bafög-Anträge gestellt.

domradio.de: Was ist das Problem an der Bürokratie an dieser Stelle?

Wildermuth: Solange man das bürokratisiert, stigmatisiert man die Jugendlichen und Kinder auch und stellt die Menschen in eine Ecke und sagt: "Ihr seid arm." Ein bedingungsloses Grundeinkommen spricht jedem Kind und Jugendlichen erst mal eine Würde zu und sagt: "Gut, dass Du da bist, Du sollst Dich hier entfalten, und deshalb stellen wir Dir dieses Geld zur Verfügung."

Wenn wir mal vergleichen. Als die Finanzwelt 2008 ins Rutschen geriet, hat die Bundesregierung den Banken ohne großes Augenzwinkern Geld zur Verfügung gestellt und gebürgt. Wenn man ansatzweise die Gelder umschichten würde, um Menschen zu helfen, dann ist viel gewonnen.

domradio.de: Das Gegenargument ist ja: Eine starke Wirtschaft stärkt auch die Gesellschaft...

Wildermuth: Mir geht es darum: Wir brauchen eine grundlegende Haltungsänderung, die dahin geht: Der Mensch ist nicht für die Wirtschaft da, sondern die Wirtschaft für den Menschen. Es geht darum, dass das Prinzip der Solidarität, das auch im christlichen Glauben tief verwurzelt ist, dass das wieder Geltung erlangt.

domradio.de: Sie meinen mit dem bedingungslosen Grundeinkommen auch Kinder von Millionären?

Wildermuth: Das impliziert das. Man könnte sagen, diese Kinder brauchen das jetzt nicht. Aber wenn wir da wieder abgrenzen, dann kommt wieder ein Bürokratiekreislauf ins Rollen, sie brauchen Regeln. Und so viele Millionärskinder gibt es nun auch wieder nicht, dass es relevant wäre. Die zentrale Botschaft muss sein, dass Kinder und Jugendliche, die unsere Zukunft und Gesellschaft bauen werden, uns so viel wert sind, dass wir ihnen das Einkommen zugestehen.

domradio.de: Im Wahlkampf wurde diskutiert, ob das Kindergeld demnächst nur noch an deutsche Familien gezahlt werden sollte. Was halten Sie davon?

Wildermuth: Gar nichts. Es geht um die Menschen, die in der Bundesrepublik Deutschland leben und in diesem Land mitwirken und mitarbeiten. Alle haben die gleichen Rechte. Da darf man nicht differenzieren und spalten. Es geht darum, alle Kinder, die hier sind und die hier leben, in gleicher Art und Weise zu fördern.

domradio.de: Eine letzte, aber wichtige Frage: Mehr Geld für Kinder – klingt toll. Aber wie soll das alles finanziert werden?

Wildermuth: Der Staat schichtet immer Geld um. Es ist die Frage, in welche Richtung es geht. Nehmen wir zum Beispiel die Infrastrukturprojekte, die privatisiert werden sollen. Und der Staat soll sie dann wieder zurück kaufen – mit entsprechenden Renditen, damit Lebensversicherungen und andere Investoren auch weiterhin genug Geld verdienen. Ich glaube nicht, dass nicht fehlendes Geld das Problem ist. Die Frage ist, ob es einen politischen Willen gibt, Kinder unabhängig vom Familieneinkommen zu unterstützen.

Das Interview führte Tobias Fricke.

(DR)

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