Familienministerin Schwesig fordert gebührenfreie Kitas für alle Kinder
Kinder im Regen stehen gelassen. Kitas in Deutschland platzen aus den Nähten.

18.05.2017

Katholische Kitas müssen Eltern teils absagen Von der Unter-Dreijährigen-Betreuungs-Welle überrollt

In Deutschland fehlen laut dem Institut der deutschen Wirtschaft in Köln 293.486 Betreuungsplätze für Kinder bis drei Jahren. Wie das im Erzbistum Köln aussieht, erklärt Msgr. Markus Bosbach im domradio.de-Interview.

domradio.de: Übersetzen wir mal die 77.000 fehlenden Plätze in NRW. In Prozent ausgedrückt heißt dass, dass Mütter und Väter von gut 16 Prozent aller Kinder in diesem Alter, für die ein Bedarf besteht, keinen Platz finden. Wie ist das im Erzbistum Köln, müssen Ihre Einrichtungen auch viele Eltern von Unter-Drei-Jährigen vertrösten?

Msgr. Markus Bosbach (Hauptabteilung Seelsorgebereiche im Erzbistum Köln und verantwortlich für katholische Kitas): Wir spüren auch bei den katholischen Einrichtungen einen hohen Druck auf jeden freien Platz. Wir müssen leider auch immer wieder Eltern sagen, dass sie keinen Platz bekommen können.

Wir haben damals, als diese U3-Welle in den Kindergärten losging, gesagt: "Wir wollen die Eltern auch ermutigen, ihre Kinder möglichst lange selbst zu Hause zu betreuen." Umso schmerzlicher ist es heute, dass durch die Einrichtung der Plätze für Unter-Drei-Jährige oft auch für ältere Kinder keine Möglichkeit mehr besteht, überhaupt in die Einrichtung zu kommen.

domradio.de: Es hieß nach einer groß angelegten Sparmaßnahme vor 13 Jahren im Erzbistum Köln mit dem Namen "Zukunft heute": Wir müssen zwar Kitas aus wirtschaftlichen Gründen schließen oder Kitas werden städtisch. Aber: Für jedes katholische Kind gibt es einen Kita-Platz. Ist das leistbar?

Bosbach: Das können wir heute für die U3-Kinder nicht mehr leisten. Es war damals noch nicht bekannt, dass es die Entwicklung geben würde, dass so viele Eltern ihre Kinder unter drei Jahren betreuen lassen. Damals ging man noch davon aus, dass man die Dreijährigen bis Sechsjährigen unterbringen muss. Jetzt sind wir in einer anderen Situation. Wir versuchen als Kirche auch zu helfen, aber wir sind nicht die, die den Rechtsanspruch, den der Staat den Eltern gewährleistet, einlösen können.

domradio.de: Der Bundestag hat vor kurzem ein zusätzliches Investitionsprogramm für 100.000 neue Plätze für Kinder unter und über drei Jahren in Deutschland gebilligt. Der Familienbund der Katholiken begrüßt die Milliardeninvestition und lobt die Pläne für einen Ausbau von Kitas. Schließen Sie sich da an?

Bosbach: Also, ich glaube jeder Euro, der in die Kita investiert wird, ist gut investiert. Weil er in die Zukunft der Gesellschaft investiert wird, in eine gute Betreuung und Begleitung der Kinder. Wir haben als Erzbistum Köln über 200 Millionen Euro in Baumaßnahmen der Einrichtungen für die Betreuung von U3-Jährigen gesteckt. Für die Betreuung braucht es ja ganz andere Räumlichkeiten, wie etwa Schlafräume.

Aber Investitionen sind nicht das Einzige. Wir haben auch ein riesiges Problem, Personal zu finden. Der Markt ist quasi leer. Das macht vielen Trägern große Sorgen. Die Betreuer arbeiten bereits jetzt bis an ihre Grenzen. Wenn etwa ein Kollege oder eine Kollegin krank wird. Dann ist dort Land unter.

domradio.de: Mit Betreuungsplätzen allein ist es ja wahrscheinlich nicht getan. Vermutlich geht es gerade in katholischen Kitas auch um einen gewissen Qualitätsanspruch. Wo katholisch drauf steht, sollte auch katholisch drin sein, sage ich mir zum Beispiel als Elternteil.

Bosbach: Das ist richtig, das ist auch eine der großen Herausforderungen. Wir wollen pädagogisch eine gute Qualität liefern und wir wollen mit unserem Anspruch als Kirche auch an einer christlichen Bildung arbeiten. Das stellt natürlich noch zusätzliche Qualitätsanforderungen. Denen begegnen wir mit dem Diözesan-Caritasverband Köln mit Weiterbildungsprogrammen, auch mit dem besonderen Qualitätssiegel der katholischen Familienzentren, die die Kindertageseinrichtung nochmal intensiver in das seelsorgliche Leben vor Ort vernetzen wollen.

Das Interview führte Tobias Fricke.

(DR)

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