Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig
Bundesfamilienministerin Schwesig will mehr Gleichberechtigung in der Familienpolitik

15.09.2016

Schwesig lässt beim Modell Familienarbeitszeit nicht locker "Vollzeitnah" mit Kind und Job

"Über den Tag hinaus denken" - das möchte Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) mit dem Modell einer Familienarbeitszeit. Viel Kritik musste sie dafür einstecken. Nun weiß sie Teile der Wirtschaft auf ihrer Seite.

Wenn Paare Eltern werden, sei es doch so, dass viele sich dafür entschieden, dass die Frau zu Hause bleibt. "Einfach, weil der Mann in der Regel das größere Gehalt hat", sinniert Familienministerin Manuela Schwesig (SPD), selbst Mutter zweier Kinder. Dabei hätten vorher die meisten andere Pläne gehabt und hätten sich beide gleichermaßen um Kind und Beruf kümmern wollen.

Schwesig möchte diese Paare in ihren Wünschen bestärken. Seit Beginn ihrer Amtszeit vor drei Jahren hat sie deshalb das Modell einer Familienarbeitszeit ins Gespräch gebracht. Nach zunächst harscher Kritik vom Koalitionspartner befassen sich nun Politiker - ein Jahr vor der nächsten Bundestagswahl - alle Bundestagsfraktionen damit.

Mehrheit der Eltern für Unterstützung

Durch die Ergebnisse einer Studie, die sie selbst in Auftrag gab und am Donnerstag in Berlin vorstellte, sieht sie sich nun bestätigt. Die Ergebnisse des "Zukunftsreports 2030" dürften kaum jemanden verwundern: Danach ist die Mehrheit der Deutschen für die Einführung des Modells und glaubt, damit besser Familie und Beruf vereinbaren zu können.

Das Konzept, als dessen "Erfinderin" die Berliner Soziologin Jutta Allmendinger gilt, besticht durch seine Einfachheit: Eltern von kleinen Kindern sollen über eine Zeitspanne von bis zu zwei Jahren nur "vollzeitnah" arbeiten müssen. Im Gespräch sind 28 bis 36 Wochenarbeitsstunden.

Für den Gehaltsverlust sollen sie einen Ausgleich erhalten, den Schwesig im vergangenen Juli näher erläuterte: jedes Elternteil soll 150 Euro als Fixbetrag und ohne weitere Abzüge pro Kind bekommen. Alleinerziehende sollen ebenfalls den vollen Betrag von 300 Euro erhalten. Eltern können sich die genaue Zeitspanne aussuchen, allerdings nur bis zum achten Lebensjahr des Kindes.

Studie prognostiziert deutliche Verbesserungen

Laut der nun vorgestellten Studie wünschen sich viele Paare eine solche Unterstützung. Und die Freiburger Prognos AG, die sie zusammen mit dem Institut für Demoskopie Allensbach durchgeführt hat, kommt zu dem Fazit, derartige Familienleistungen auch aus wirtschaftlichen Gründen weiterzuentwickeln.

Danach kann die Einführung zugleich dazu führen, das Armutsrisiko von Familien zu senken und das gesamtwirtschaftliche Wachstum zu steigern. Die Erwerbstätigenquote von Müttern könne so bis 2030 um 11,6 Prozentpunkte auf 78,2 Prozent steigen und die Wochenarbeitszeit um 5,2 Stunden auf 31,1 Stunden. Die Väter könnten ihre Arbeitszeit von 41,5 auf 38,9 Stunden reduzieren. Die Zahl der Zweiverdienerhaushalte stiege damit um 11,7 Prozentpunkte auf 75,6 Prozent, das durchschnittliche Haushaltseinkommen um 1.400 Euro auf 46.400 Euro im Jahr.

Existenzsicherheit für beide Elternteile

Es sei wichtig, die ehe- und familienbezogenen Leistungen so auszugestalten, dass beide Partner in existenzsicherndem Ausmaß erwerbstätig sein könnten, heißt es in dem Report. Explizit nennt das Gutachten den weiteren Ausbau der Betreuungsinfrastruktur und den Abbau von "Erwerbshemmnissen im Steuersystem". So gehe etwa vom Ehegattensplitting ein falscher Anreiz aus, der dazu führe, dass viele junge Mütter ihre Erwerbsarbeit erst spät wieder aufnähmen.

Familienleistungen wie die Familienarbeitszeit könnten dagegen den Effekt haben, dass beide Elternteile nach der Geburt sehr früh wieder in ihren Beruf einsteigen. Insgesamt könne das Arbeitsvolumen um 3,3 Prozentpunkte und das Bruttoinlandsprodukt um 69 Milliarden Euro gesteigert werden, so die Studie.

Familienbund der Katholiken: "Interessanter Vorschlag"

Auch das Armutsrisiko sinke: Können sich derzeit erst 42,2 Prozent aller Mütter mit minderjährigen Kindern von ihrem Gehalt selbst ernähren, ließe sich dieser Anteil bis 2030 im günstigsten Fall um 13 Prozentpunkte steigern. Der Anteil der Hartz-IV-Familien kann demnach um 2,4 Prozentpunkte sinken.

Während Teile der Wirtschaft jubeln, ist die Reaktion von Familienverbänden deutlich verhaltener: Der Familienbund der Katholiken spricht von einem "interessanten Vorschlag", favorisiert aber ein Familiengeld von 300 Euro monatlich, "unabhängig von der Erwerbsarbeit beider Eltern und der Betreuungsform der Kinder". Der Deutsche Familienverband sieht in Schwesigs Ansatz eine einseitige Unterstützung von Doppelverdienern.

Birgit Wilke
(KNA)

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