Ein kleines Mädchen nahe Aleppo
Ein kleines Mädchen nahe Aleppo
Zerstörtes Kloster in Syrien
Zerstörtes Kloster in Syrien

12.01.2018

Aus den Trümmern wächst Hoffnung Syriens Christen geben nicht auf

Zum Jahresbeginn wird in den östlichen Vororten von Damaskus wieder gekämpft. Die Ghouta, eines jener Gebiete, in denen 2017 Waffenstillstände vereinbart und Verhandlungen aufgenommen wurden, kommt nicht zur Ruhe.

Weihnachten wurden trotz der angespannten Lage 29 schwerkranke Menschen vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz und vom Syrischen Arabischen Roten Halbmond evakuiert und in Krankenhäuser nach Damaskus gebracht. Schon am nächsten Tag gingen die Kämpfe weiter.

Der Minister für nationale Versöhnung, Ali Haidar, bezeichnete die eingeleiteten Verhandlungen als ausgesetzt. Man werde die Tür für Gespräche nicht zuschlagen; doch es bestehe der Eindruck, dass die bewaffneten Gruppen nicht an einer Lösung interessiert seien.

Der Meinung sind auch viele Menschen in der Altstadt von Damaskus und in den östlichen Bezirken der Hauptstadt. In Wohnvierteln wie Tijara, Qassa, und den Altstadtquartieren Bab Touma (Thomas-Tor) und Bab Scharki (Osttor), wo viele Christen leben, schlagen immer wieder Raketen und Mörsergranaten ein, die aus den östlichen Vororten der Ghouta abgefeuert werden.

Bevölkerung in ständiger Gefahr

Für die Kämpfer in den Vororten und deren oppositionelle Unterstützer ist der Beschuss die Antwort auf die Angriffe der syrischen Streitkräfte. Für die Bevölkerung, die nur wenige Kilometer von der Kampfzone der östlichen Ghouta entfernt lebt, ist er eine ständige Gefahr.

Joseph B., der am Thomas-Tor einen Laden für Wasserpfeifen und Haushaltswaren führt und sein Schaufenster mit einem Weihnachtsbaum aus Haushaltswaren geschmückt hat, erlebte in der Silvesternacht gleich vier Einschläge in unmittelbarer Nähe. Wenige Tage später ging eine Rakete in seiner Nachbarschaft nieder, und am darauffolgenden Tag schlugen in wenigen Stunden zwölf Mörsergranaten zwischen dem Thomas-Tor und dem Osttor ein.

Drei Kirchen wurden beschädigt. Der verglaste Eingangsbereich zur Zeitoun-Kirche hielt den Druckwellen nicht stand. Zwei Menschen starben auf dem Innenhof; weitere wurden verletzt. Auf einem Parkplatz töteten Granaten zwei Menschen. Ein Mann starb vor einem Schuhmacherladen, der Schuster verlor durch die herumfliegenden Metallteile einen Arm.

"Regierung muss mit diesen Mördern endlich Schluss machen"

Die Angestellte Wafa Shahin wollte sich die Schäden an ihrem Auto ansehen, als direkt neben ihr eine weitere Granate einschlug. Ihre Beine wurden abgerissen; auf dem Weg ins Krankenhaus verblutete sie. Ihr Cousin Amar Salsale ist außer sich, als er am Abend von dem Schicksal der 50-Jährigen erzählt. "Seit Jahren bezahlen wir - die einfache Bevölkerung - den Preis für diesen Krieg. Es reicht", sagt er. "Die Regierung muss mit diesen Mördern endlich Schluss machen." In Aleppo im Norden des Landes hat derweil der Aufbau begonnen.

Straßen, Brücken, die öffentliche Infrastruktur wie Wasser- und Stromversorgung werden wiederhergestellt. Die Geschäftsleute richten ihre Geschäfte mit eigenen Mitteln her. Jedideh, das christlich-armenische Viertel in der Altstadt liegt fast völlig in Trümmern. Kirchen, Wohnhäuser, Hotels, Cafes, Restaurants - kaum etwas blieb verschont. Doch auch hier werden die Trümmer beseitigt, und die ersten Geschäftsleute bieten wieder ihre Waren an.

Der Fischverkäufer Mahmud erhält seine Fische vom Euphrat und hatte sein Geschäft während des Krieges in einen anderen Teil von Aleppo verlegt. Als er Anfang 2017 das erste Mal wieder nach Jedideh zurückkehrte, habe ihm angesichts der totalen Zerstörung der Atem gestockt. Tränen treten dem jungen Mann in die Augen. "Entschuldigen Sie, aber über meine Gefühle damals kann ich nicht sprechen."

Wenn es Essen gibt, "werden immer mehr Leute zurückkehren"

Nun aber kämen die Kunden wieder aus der ganzen Stadt zu ihm, weil seine Fische für ihre Frische berühmt seien. Nebenan werde wieder Lamm verkauft, gegenüber werde bald der Bäcker wieder Brot und Kuchen anbieten. "Es wird schon werden", sagt Mahmud zuversichtlich. "Wenn es Brot, Fisch und Fleisch gibt, werden immer mehr Leute zurückkehren."

Auch in den aramäisch-christlichen Ort Maalula rund 60 Kilometer nordöstlich von Damaskus kehrt Leben zurück. Hier sprechen die Menschen noch jene Mundart, in der einst Jesus predigte. 40 Prozent der früheren Einwohner lebten wieder in Maalula, berichtet Pater Tofiq, der die Gemeinde Sankt Georg leitet. Seine Sorge gelte den Familien und dem Zusammenhalt der Gläubigen. Das Leben sei nicht einfach, und alle Christen im Mittleren Osten seien über das Geschehen verunsichert.

"Unsere Existenz wird nie stabil, nie sicher sein im Mittleren Osten, das lehrt uns die Geschichte", sagt der Priester ruhig. Die einzige Grundlage für die Existenz der Christen in Syrien und der ganzen Region sei der feste Glauben an Jesus Christus. "Hier zu leben bedeutet, das Kreuz zu tragen. Wenn wir das akzeptieren, können wir die Herausforderung annehmen - sonst werden wir scheitern."

Karin Leukefeld
(KNA)

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