26.12.2015

Nahost-Christen verschwinden auf Raten - Mitschuld des Westens Die Erben des Stephanus

Am heutigen Stephanustag gedenkt die katholische Kirche der christlichen Märtyrer - mit erschreckendem Tagesbezug. Der erste von ihnen, Stephanus, wurde für sein Bekenntnis gesteinigt. Heute werden Christen technischer beseitigt.

Ein schöner Name war schnell gefunden. Er stand für eine fatale Illusion des Westens: "Arabischer Frühling". Man erwartete nicht weniger als ein neues 1989 - eine komplette Fehleinschätzung. Vor fünf Jahren, im Dezember 2010, verbrannte sich im tunesischen Sidi Bouzid der Gemüsehändler Mohammed Bouazizi aus Protest gegen Behördenwillkür öffentlich selbst. Er löste damit eine Revolution aus, die den langjährigen Despoten Zine el-Abidine Ben Ali forttrug und viele andere in der Region: Libyens Muammar al-Gaddafi oder Ägyptens Hosni Mubarak. Der "Arabische Frühling" wurde zum Flächenbrand. Die Regime fielen wie Dominosteine.

Die kleingehaltenen Christen im Nahen Osten erlangten damit allerdings nicht wirklich Freiheit. Im Gegenteil: Sie und andere Minderheiten verloren mit den Diktatoren auch ihre Schutzmacht gegen den radikalen Islam. In den Nachfolgekriegen erstarkten in vielen Regionen die Islamisten; die Christen werden bis heute zwischen den Fronten zerrieben. Es ist, historisch gesehen, ein vierter massiver Aderlass für das Christentum, dessen Wiege in Bethlehem steht - und das sich, lange bevor es auch nach Europa kam, von Jerusalem aus nach Kleinasien, Mesopotamien und Nordafrika ausbreitete.

Streitvolle Findungsprozesse

Dass es gerade im Nahen Osten eine verwirrende Vielfalt christlicher Kirchen und Denominationen gibt, liegt - wie später auch im Islam - an den streitvollen Findungsprozessen der eigenen Lehr- und Glaubenssätze. Im Zuge der spätantiken ökumenischen Konzilien entstanden vier Kirchenfamilien mit je eigenen Liturgieformen: die sogenannten Kirchen des Ostens; die frühen orthodoxen Kirchen der Syrer, Kopten, Äthiopier und Armenier; die spätere griechische und georgische Orthodoxie; und zuletzt die diversen mit Rom verbundenen katholischen Kirchen, darunter die Maroniten im Libanon, die Chaldäer im Irak, die Melkiten oder die "Lateiner", wie die römischen Katholiken im Heiligen Land bezeichnet werden.

Der Bischof von Rom, "Papst" genannt, war in diesem Konzert nur einer von fünf Patriarchen (griechisch "Pentarchen"). Wegen seiner Verbindung mit dem Apostel Petrus war er maximal "Erster unter Gleichen". Die anderen vier saßen im Osten: in Konstantinopel, Antiochien, Alexandria und Jerusalem.

Dieses "ökumenische" (weltumfassende) Christentum bekam einen ersten historischen Rückschlag mit der islamischen Expansion des 7. Jahrhunderts. Ganz Nordafrika und die Arabische Halbinsel gingen im Handstreich und dauerhaft für das Christentum verloren. Der Islam drang westlich bis weit ins heutige Spanien vor - und wurde erst 732 bei Tours und Poitiers unter Karl Martell ("dem Hammer") zurückgedrängt.

Im Osten ging die Ausdehnung des Islam weiter - wenn auch durch Bruderkämpfe um einige Jahrhunderte verzögert. Der Fall des "Heiligen Landes" an die Muslime läutete im 11. Jahrhundert das Zeitalter der Kreuzzüge ein. Auch durch die Schuld des Westens ging nicht nur die Levante mit Jerusalem verloren. Auch das christliche Byzanz, Sitz des oströmischen Kaisers und des Patriarchen von Konstantinopel, fiel 1453 - nachdem die "Lateiner" ihre ostkirchlichen Glaubensbrüder im Vierten Kreuzzug blutig erobert und dauerhaft geschwächt hatten. Das "Osmanische Reich" herrschte später bis hinauf nach Bosnien und billigte den Christen allenfalls eine Rolle als gegen Steuerpflicht geduldete Minderheit zu.

Christen als namhafte Minderheit

Über all diese Jahrhunderte jedoch blieben die Christen in vielen Regionen eine namhafte Minderheit, teils sogar die zahlenmäßige Mehrheit. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts machten sie in Istanbul, im Irak oder in Syrien 30 oder mehr Prozent der Bevölkerung aus; die Region um Bethlehem blieb christlich geprägt. Der Zerfall des Osmanischen Reiches brachte jedoch eine Pogromstimmung islamischer Neo-Nationalisten mit sich.

Diese "dritte Welle" vor und im Zuge des Ersten Weltkriegs führte zum Völkermord an den Armeniern und an der "Kirche des Ostens", den Aramäern im Gebiet der heutigen Türkei, Syriens und des Irak. Hunderttausende, womöglich über eine Million Christen wurden umgebracht. Mit dem im Vertrag von Lausanne 1923 vereinbarten griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch verlor Kleinasien zudem rund 1,5 Millionen griechisch-orthodoxe Christen, deren Vorfahren dort teils seit der Antike lebten.

Im 21. Jahrhundert sind von der einst christlichen Prägung Syriens, des Irak, der Türkei und des Libanon teils nur noch verschwindende Minderheiten übrig; über die historische Mitverantwortung daran wird der Westen noch lange nachzudenken haben. Der Druck Israels auf die Palästinenser an der Wiege Jesu ist stets zu Weihnachten Gegenstand westlicher Nachrichten.

Sunnitische Terroristen des "Islamischen Staates" reiten derzeit die vierte - und vielleicht tödliche - Attacke gegen die Christen des Nahen Ostens. Diese werden heute technischer beseitigt als zu Zeiten des heiligen Stephanus, des ersten christlichen Märtyrers. Doch vielleicht bringt das islamische Recht, die Scharia, bald auch den Tod durch Steinigung zurück.

Alexander Brüggemann
(KNA)

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