Christen in Nahost verschwinden auf Raten

Die vierte Welle

Fünf Jahre nach Beginn des "Arabischen Frühlings" haben die Christen im Nahen Osten düstere Aussichten. Spätherbst statt Frühling. Dabei stand hier die Wiege des Christentums - was in Europa heute fast vergessen scheint.

Autor/in:
Alexander Brüggemann
Ostern in Syrien / © Karin Leukefeld (KNA)
Ostern in Syrien / © Karin Leukefeld ( KNA )

Ein schöner Name war schnell gefunden. Er stand für eine fatale Illusion des Westens: "Arabischer Frühling". Man erwartete nicht weniger als ein neues 1989 - eine komplette Fehleinschätzung.

Am 17. Dezember 2010 verbrannte sich im tunesischen Sidi Bouzid der Gemüsehändler Mohammed Bouazizi aus Protest gegen Behördenwillkür öffentlich selbst. Er löste damit eine Revolution aus, die den langjährigen Despoten Zine el-Abidine Ben Ali forttrug und viele andere in der Region: Libyens Muammar al-Gaddafi oder Ägyptens Hosni Mubarak. Der "Arabische Frühling" wurde zum Flächenbrand. Die Regime fielen wie Dominosteine.

Christen verloren ihren Schutz

Die kleingehaltenen Christen im Nahen Osten erlangten damit allerdings nicht wirklich Freiheit. Im Gegenteil: Sie und andere Minderheiten verloren mit den Diktatoren auch ihre Schutzmacht gegen den radikalen Islam. In den Nachfolgekriegen erstarkten in vielen Regionen die Islamisten; die Christen werden bis heute zwischen den Fronten zerrieben. Es ist, historisch gesehen, ein vierter massiver Aderlass für das Christentum, dessen Wiege in Bethlehem steht - und das sich, lange bevor es auch nach Europa kam, von Jerusalem aus nach Kleinasien, Mesopotamien und Nordafrika ausbreitete.

Dass es gerade im Nahen Osten eine verwirrende Vielfalt christlicher Kirchen und Denominationen gibt, liegt - wie später auch im Islam - an den streitvollen Findungsprozessen der eigenen Lehr- und Glaubenssätze. Im Zuge der spätantiken ökumenischen Konzilien entstanden vier Kirchenfamilien mit je eigenen Liturgieformen: die sogenannten Kirchen des Ostens; die frühen orthodoxen Kirchen der Syrer, Kopten, Äthiopier und Armenier; die spätere, griechische und die georgische, Orthodoxie; und zuletzt die diversen mit Rom verbundenen katholischen Kirchen, darunter die Maroniten im Libanon, die Chaldäer im Irak, die Melkiten oder die "Lateiner", wie die römischen Katholiken im Heiligen Land bezeichnet werden.

Der Bischof von Rom, "Papst" genannt, war in diesem Konzert nur einer von fünf Patriarchen (griechisch "Pentarchen"). Wegen seiner Verbindung mit dem Apostel Petrus war er maximal "Erster unter Gleichen". Die anderen vier saßen in Kleinasien, im Heiligen Land und in Nordafrika: in Konstantinopel, Antiochien, Alexandria und Jerusalem.

Islamische Expansion im 7. Jahrhundert

Dieses "ökumenische" (weltumfassende) Christentum bekam einen ersten historischen Rückschlag mit der islamischen Expansion des 7. Jahrhunderts. Ganz Nordafrika und die Arabische Halbinsel gingen im Handstreich und dauerhaft für das Christentum verloren. Der Islam drang westlich bis weit ins heutige Spanien vor - und wurde erst 732 bei Tours und Poitiers unter Karl Martell ("dem Hammer") zurückgedrängt.

Im Osten ging die Ausdehnung des Islam weiter - wenn auch durch Bruderkämpfe um einige Jahrhunderte verzögert. Der Fall des "Heiligen Landes" an die Muslime läutete im 11. Jahrhundert das Zeitalter der Kreuzzüge ein. Auch durch die Schuld des Westens ging nicht nur die Levante mit Jerusalem verloren. Auch das christliche Byzanz, Sitz des oströmischen Kaisers und des Patriarchen von Konstantinopel, fiel 1453 - nachdem die "Lateiner" ihre ostkirchlichen Glaubensbrüder im Vierten Kreuzzug blutig erobert und dauerhaft geschwächt hatten. Das "Osmanische Reich" herrschte später bis hinauf nach Bosnien und billigte den Christen allenfalls eine Rolle als gegen Steuerpflicht geduldete Minderheit zu.

Über all diese Jahrhunderte jedoch blieben die Christen in vielen Regionen eine namhafte Minderheit, teils sogar die zahlenmäßige Mehrheit. Noch Anfang des 20. Jahrhunderts machten sie in Istanbul, im Irak oder in Syrien 30 oder mehr Prozent der Bevölkerung aus; die Region um Bethlehem blieb christlich geprägt. Der Zerfall des Osmanischen Reiches brachte jedoch eine Pogromstimmung islamischer Neo-Nationalisten mit sich.

"Dritte Welle" vor und im Zuge des Ersten Weltkriegs

Diese "dritte Welle" vor und im Zuge des Ersten Weltkriegs führte zum Völkermord an den Armeniern und an der "Kirche des Ostens", den Aramäern im Gebiet der heutigen Türkei, Syriens und des Irak.

Hunderttausende, womöglich über eine Million Christen wurden umgebracht. Im Zuge des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustauschs durch den Vertrag von Lausanne 1923 verlor Kleinasien zudem rund 1,5 Millionen griechisch-orthodoxe Christen, deren Vorfahren dort teils seit der Antike lebten.

Im 21. Jahrhundert sind von der einst christlichen Prägung Syriens, des Irak, der Türkei und des Libanon teils nur noch verschwindende Minderheiten übrig; über die historische Mitverantwortung daran wird der Westen noch lange nachzudenken haben. Der Druck Israels auf die Palästinenser an der Wiege Jesu sind stets zu Weihnachten Gegenstand westlicher Nachrichten.

Sunnitische Terroristen des "Islamischen Staates" reiten derzeit die vierte - und vielleicht tödliche - Attacke gegen die Christen des Nahen Ostens. Saudi-Arabien, einer der Hauptsponsoren des Islamismus, leitet seit Dienstag gar eine internationale muslimische Allianz gegen den IS. Der Bock als Gärtner - in historischer Perspektive eine interessante Variante des Vierten Kreuzzugs.


Quelle:
KNA