Eine Nonne verteilt Hilfsgüter an geflohene Christen aus Mossul
Eine Nonne verteilt Hilfsgüter an geflohene Christen aus Mossul
Vertrieben: Christin aus Mossul, Irak
Vertrieben: Christin aus Mossul, Irak
Kurdischer Soldat verteilt Lebensmittel an Christen
Kurdischer Soldat verteilt Lebensmittel an Christen

21.07.2014

Zur Situation der Christen unter dem Terror des "Islamischen Staates" "Im Irak muss jeder Christ um sein Leben fürchten"

Die Terrorgruppe "Islamischer Staat" verfolgt Christen rücksichtslos. Aus Mossul, einst christliche Hochburg, sind fast alle geflohen. Martin Lessenthin, Vorstandssprecher der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, im domradio.de-Interview.

domradio.de: Die Lage in Mossul ist brandgefährlich für Christen, die allermeisten haben die Stadt wohl verlassen - wie ist Ihr letzter Kenntnisstand?

Lessenthin: Dass das weitestgehend stimmt. Wir haben verschiedene Berichte von Geflohenen. Es gibt die offizielle Stellungnahme von Kirchenvertretern, Patriarch Sako zum Beispiel weist darauf hin, es gibt keine Christen mehr in Mossul.

domradio.de: Immer wieder gab es ja Berichte, Christen könnten gegen ein Kopfgeld doch in der Stadt bleiben. Dann wieder wurden sie mit dem Tod bedroht und mussten Hals über Kopf fliehen. Berechenbar ist im Moment für die Christen wohl nur die Unberechenbarkeit der Situation, oder?

Lessenthin: Es ist so, dass jeder, der sich zum Christentum bekennt, um sein Leben fürchten muss. Christen haben schlichtweg unter der IS, unter dem "Islamischen Staat", keinerlei Überlebensperspektive.

domradio.de: Wie muss man sich das denn jetzt vorstellen? Wenn die Christen dann geflohen sind - die allermeisten haben das getan - wie geht es dann mit ihnen weiter? Wo kommen sie dann unter?

Lessenthin: Sie wandern zunächst in die Staaten der Region, in die Nachbarstaaten. Sie versuchen, in Camps Unterschlupf zu finden. Das Ziel von Vielen ist das Kurdengebiet, ist die Region Kirkuk, wo es auch große Lager gibt. Einige retten sich auch nach Jordanien oder treten einen noch weiteren Weg an.

domradio.de: Mossul war ja über Jahrhunderte eine christliche Hochburg. 2003 lebten im Irak zwischen einer und anderthalb Millionen Christen, heute sind es wohl nur noch rund 300 000. Waren eigentlich die Christen unter Saddam Hussein, dem Diktator, besser dran, oder täuscht der Eindruck?  

Lessenthin: Sie wurden nicht verfolgt. Auch unter Assad wurden und werden Christen nicht verfolgt. In der jetzigen Situation des ständigen Krieges, des ständigen Terrors, sind Christen eine der ersten Opfergruppen. Deshalb sind sie ein Ärgernis aus Sicht der IS und anderer islamistischer Gruppen, weil ihnen nachgesagt wird, dass sie mit Kräften wie zum Beispiel Assad zusammengearbeitet hätten.

domradio.de: Wie steht denn eigentlich die Zivilbevölkerung zu den Christen? Das eine sind die Terroristen, der "Islamische Staat", aber die muslimische Bevölkerung in der betreffenden Region - haben die auch so ein schlechtes Verhältnis zu den Christen oder haben die einfach Angst, für ihre christlichen Nachbarn einzustehen?

Lessenthin: Die haben traditionell kein schlechtes Verhältnis zu den Christen. Sie haben aber heute Bündnisse geschlossen; in Syrien mit der IS und der Al-Nusra-Front und weiteren islamistischen Gruppen, im Irak vor allem mit der IS. Zu den Bündnispartnern gehören zum Beispiel Stammesmilizen, Stammeskämpfer aus dem sunnitischen Bereich, dazu gehören aber auch die Überbleibsel der Baath-Partei, die jetzt versuchen, in dieser Situation sich wieder stärker zu organisieren und Einfluss zurückzugewinnen.

domradio.de: Papst Franziskus hat gestern zum Gebet für die verfolgten Christen in Mossul und in anderen Orten des Nahen Ostens aufgerufen. Gibt es denn auch konkrete politische Maßnahmen, den Christen im Irak zu helfen oder kann Europa nur hilflos zusehen bis es im Irak einfach keine Christen mehr gibt?

Lessenthin: Es gibt mehrere politische Optionen, wie man die Christen unterstützen kann. Wichtig ist meiner Ansicht nach auch eine Rückschau in die Vergangenheit. Wir erleben im Moment einen Prozess, den man nur vergleichen kann mit dem Genozid der Christen in der Türkei 1915. Das Ganze wiederholt sich auf syrischem und irakischem Boden. Deswegen ist es wichtig, dass Europa und die westliche Welt wach sind und unterstützen. Dass sie zum Beispiel Staaten wie Jordanien unterstützen, in denen Christen eine Perspektive haben und dass sie natürlich auch ihre Unterstützung den Kurden im Kurdengebiet nicht  verweigern. Denn ohne die Camps und die Unterstützung oder das Auffangen von irakischen Christen im kurdischen Nordirak wird die Situation noch schlimmer.

Das Gespräch führte Mathias Peter.

(DR)

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