Wohnungsbesichtigung
Wohnungsbesichtigung
Peter Neher
Peter Neher

10.01.2018

Caritas startet Jahres-Kampagne zur Wohnungsnot "Jeder Mensch braucht ein Zuhause"

In Großstädten und Ballungsgebieten werden viele Menschen zunehmend aus Stadtvierteln verdrängt, beklagte Caritas-Präsident Peter Neher. Wohnungsnot sei zu einer sozialen Wirklichkeit geworden und in der "Mittelschicht angekommen". 

DOMRADIO.DE: Warum machen Sie das Thema "Wohnraum" in diesem Jahr zum Mittelpunkt Ihrer Kampagne?

Peter Neher (Präsident des Deutschen Caritasverbandes): Wir haben das deswegen gemacht, weil tatsächlich mittlerweile die Wohnungsnot und die teuren Mieten in der breiten Mittelschicht angekommen sind. Es ist nicht mehr so, dass es ausschließlich Menschen betrifft, die ohnehin im geringeren Einkommensbereich sind. Es betrifft nun auch Menschen, die in der Mittelschicht sind, wie Polizisten, Lehrer, Krankenschwestern oder Erzieherinnen, die sich sehr schwer tun, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Das Thema ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

DOMRADIO.DE: Jetzt ist es nachvollziehbar, dass viele Menschen in die Städte drängen, dort gibt es Arbeit und eine gute Infrastruktur. Wenn immer mehr Menschen da wohnen wollen, wird Wohnraum knapp und die Mieten steigen. Das sind normale Marktmechanismen. Kann man jemandem eine Schuld für diese Entwicklung geben? Der Politik? 

Neher: Die Frage der Schuld ist schwierig. Aber verantwortlich ist es natürlich, dass wir seit Jahren den sozialen Wohnungsbau von der Politik vernachlässigt sehen. Seid vielen Jahren wurde in den sozialen Wohnungsbau kaum noch was investiert. In der Vergangenheit haben zahlreiche Kommunen ihre eigenen Wohnungsbauunternehmen privatisiert, um mit den Erlösen auch ihre eigenen Finanzprobleme zu lösen. Wir haben allein seit den 1990er Jahren mehr als zwei Millionen Wohnungen aus kommunalem Eigentum, die verkauft worden sind, Betriebswohnungen, Landesimmobilien. Diese Kombination, zusätzlich zu geringem Bauland, Baustandart und erhöhtem Wohnungsbedarf, das alles hat zu dieser Situation geführt. 

DOMRADIO.DE: Jetzt gibt es auch immer mehr Single-Haushalte, die mehr Wohnraum nutzen. Ist knapper Wohnraum nicht auch eine Folge unserer steigenden Ansprüche und einer sich ändernden Gesellschaft?

Neher: Die Gründe sind sicher vielfältig. Und da kommt schon auch dazu, wie Sie es auch benennen, dass wir früher in vielen Haushalten drei und mehr Personen hatten. Mittlerweile ist aber die Zahl der ein und zwei Personenhaushalte deutlich gestiegen. Auch die Bevölkerungsentwicklung hat sich nochmal anders gegeben. Während die Politik über viele Jahre von einem Rückgang ausgegangen ist, ist durch die Zuwanderung, gerade auch von EU-Ausländern und Flüchtlingen, der Bedarf eher gewachsen. Diese Kombination, eine Zunahme der Wohnbevölkerung aus den genannten Gründen und eine veränderte Lebenssituation, beides zusammen hat den Gesamtzusammenhang nochmal beschleunigt. 

DOMRADIO.DE: Der Bedarf an Wohnraum ist auf alle Fälle da und der Appell der Caritas ist, jeder Mensch hat das Recht auf bezahlbaren Wohnraum. Wie soll das denn in der Praxis funktionieren? 

Neher: Ich denke, dass zum einen die Kommunen eine ganz wichtige Aufgabe haben. Denn die Kommunen haben das entsprechende Recht, indem sie mit dem Bauplanungsrecht maßgeblich entscheiden, wo, wie und was gebaut wird. Das heißt, die Kommunen haben auch die Aufgabe, den Blick nicht nur auf ihren eigenen Finanzbedarf zu richten, sondern zu schauen, wie sie die Verantwortung für Menschen mit geringerem Einkommen tragen.

Und das Zweite ist, dass der soziale Wohnungsbau gegenwärtig noch in Verantwortung der Bundesebene ist, aber ab 2020 die gesetzliche Verantwortung für die Förderung des sozialen Wohnungsbaus bei den Bundesländern liegt. Auch hier sind deutliche Maßnahmen zu ergreifen, um den Wohnungsbau, der tatsächlich für Menschen mit geringerem Einkommen notwendig ist, zu forcieren und voranzubringen.

Ein Letztes ist, dass aber auch einzelne Bürgerinnen und Bürger möglicherweise Eigeninteressen mal zurückstellen sollen, wenn in ihrer eigenen Umgebung ein Wohnprojekt geplant ist und schauen, dass Privatinteressen nicht über Gemeinschaftsinteressen dominieren. Da ist tatsächlich nicht nur die Politik gefragt, sondern die ganze Gesellschaft und auch jene, die jetzt schon den Vorteil haben, in einer guten Wohngegend zu wohnen. 

DOMRADIO.DE:  Die Kirche ist in vielen Regionen selbst Eigentümer von Immobilien und Grundstücken. Tut die Kirche denn selbst genug für sozialen Wohnungsbau oder geht Ihr Appell auch an die eigenen Reihen?

Neher: Der Appell geht immer auch an die eigenen Reihen. Aber es ist tatsächlich so, dass auch zahlreiche Bistümer – es ist ja nicht so, dass alle Bistümer gleich gut mit Immobilien ausgestattet sind – ein deutliches Bewusstsein dafür haben und auch bei den eigenen Investitionen geschaut wird, dass nicht nur auf die Rendite geachtet wird, sondern auch auf die soziale Verantwortung.

Und ich erinnere in diesem Zusammenhang gerne an den ehemaligen Bischof von Würzburg und den späteren Konzils-Kardinal Julius Döpfner. Er sagte: Wohnungsbau ist Dombau. Er wollte damit deutlich machen, dass hier tatsächlich der Bedarf an Wohnungen für Menschen ein Gebot der Stunde ist, ein Auftrag des Evangeliums, das auch Menschen mit geringerem Einkommen zu einer adäquaten Wohnung kommen. Ich glaube, da geht der Appell genauso an die eigene Kirche, als auch an die Caritas-Organisationen, sofern sie denn Immobilienbesitz haben. Aber da gibt es eine Reihe von sehr eindrucksvollen Projekten und Beispielen, die hier durchaus Schule machen können.

Das Interview führte Heike Sicconi. 

(DR)

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