Georg Cremer
Georg Cremer

05.11.2017

Ex-Caritas-Vorstand Cremer sieht falsche Armutsdebatte "Lösungsorientiert angehen"

Der ehemalige Caritas-Chef Georg Cremer findet, dass falsch über Armut diskutiert wird und widerspricht der Behauptung, dass die soziale Lage in Deutschland immer schlimmer würde. Falsche Interpretationen hätten dem­ent­spre­chend ihre Folgen.

domradio.de: Sie warnen regelmäßig vor schrillen Tönen in der deutschen Armutsdebatte - nach dem Motto "die Armut in unserem Land wird immer schlimmer - skandalös, skandalös". Warum meinen Sie, dass die Armutsdebatte, so wie sie aktuell geführt wird, den Armen selbst nichts nützt? 

Georg Cremer (Armuts-Experte und ehemaliger Generalsekretär des Deutschen Caritsaverbandes): Also wir müssen natürlich engagiert über Armut in Deutschland reden. Aber wir müssen es lösungsorientiert tun. Richtig ist, dass wir handeln müssen gegen Armut. Falsch ist so zu tun, als würde die soziale Lage in Deutschland immer schlimmer. Mit der Verbesserung der Arbeitsmarktsituation hat sich die Einkommensverteilung zumindest stabilisiert. Es ist falsch zu sagen, wir würden immer weiter nach unten abrutschen. Das fördert die Panik in der Mitte der Gesellschaft und fördert nicht Solidarität. So einen Satz: "Noch nie war die Armut in Deutschland so schlimm wie heute." Der ist einfach falsch. Aber natürlich müssen wir handeln.

domradio.de:  Wenn wir über Armut sprechen, ist das immer auch eine Definitionsfrage. In Deutschland gilt als armutsgefährdet, wer nicht einmal 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat - aktuell 16 Prozent. Können Sie mit dieser Definition etwas anfangen?

Cremer: Sie ist sinnvoll, wenn sie richtig interpretiert wird. 60 Prozent des mittleren Einkommens bedeutet für einen alleinstehenden ungefähr 1.000 Euro. Damit sind auch viele Studierende und Auszubildende in der statistisch erfassten Armutspopulation. Wer aber dauerhaft von einem Betrag um diesen Wert lebt oder deutlich darunter - etwa als "Mini-Rentner" oder als Grundsicherungsempfänger - ist von vielem ausgeschlossen, was diese Gesellschaft prägt. Insofern ist es völlig richtig, diese Gruppe zu messen und sich um sieht sie Sorgen zu machen.

domradio.de:  Was ist in Ihren Augen die am stärksten von Armut bedrohte Gruppe in Deutschland?

Cremer: Ganz eindeutig sind es Menschen, die keinen ausreichenden Zugang zu produktiver Arbeit haben - also Langzeitarbeitslose oder Leute, die nur in Teilzeit arbeiten können, viele Alleinerziehende, weil sie eben Teilzeit arbeiten. Zur gesamten Wahrheit gehört: Es sind viele Migranten, also die Menschen mit Migrationshintergrund, die haben eine Armutsrisikoquote von 28 Prozent; die Menschen ohne Migrationshintergrund konstant seit Jahren um die 12 Prozent.

Mit der Aufnahme vieler Flüchtlinge wird auch die Armutsquote insgesamt in Deutschland etwas zunehmen, weil wir jetzt einfach mehr Menschen haben, bei denen es Zeit braucht, bis sie in Bildung und Arbeit integriert sind. Das sind die wichtigsten Gruppen. Dazu müssen wir uns Sorgen machen vor einer wieder steigenden Altersarmut. Auch dagegen müssen wir handeln.

domradio.de: Fakten und Taten statt ritualisierter Empörung - das fordern Sie. Was wären in Ihren Augen die wichtigsten Schritte in Sachen Armustbekämpfung, die etwa die künftige Bundesregierung angehen sollte?

Cremer: Also ich hoffe, dass man weiterhin etwas für den sozialen Wohnungsbau und überhaupt für die Wohnraum-Politik tut. Denn die steigenden Mieten in Ballungszentren sind ein Armut-Treiber.

Ich hoffe, dass man etwas macht für arme Alte. Derzeit ist es so, dass derjenige der Grundsicherung im Alter benötigt, dabei alle seine Rentenansprüche verliert - also auch nach einem langen Arbeitsleben im Niedriglohnbereich nicht über die Grundsicherung hinaus kommt.  Und die Hartz IV Sätze sind weiterhin sehr knapp bemessen. Da könnte man großzügiger sein. Allerdings hätten wir dann auch deutlich mehr Hartz IV-Empfänger, weil mehr Menschen ergänzende Hilfe bekämen, mehr "Mini-Rentner" etwas dazu bekommen. Dann darf man nicht wieder Skandal rufen.

Und dauerhaft würde ich mir wünschen, dass wir Kinder - gerade Kinder von niedrig Einkommensbezieher und die häufig heute ergänzendes Arbeitslosengeld II kriegen - dauerhaft verlässlich durch ein einkommensabhängiges Kindergeld absichern.

Das Interview führte Hilde Regeniter.

(DR)

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