Kinderarmut
Armut: "Politik muss bestimmte Personengruppen besser in den Blick nehmen."
Der Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes: Georg Cremer
Der Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes: Georg Cremer
Weihbischof Anton Losinger
Weihbischof Anton Losinger
Professor Bernhard Emunds
Professor Bernhard Emunds

15.03.2017

Debatte über Ungleichheit in Deutschland "Armut bedeutet, man ist ausgeschlossen"

Die Ungleichheit in Deutschland wird eines der beherrschenden Themen im bevorstehenden Bundestagswahlkampf: Experten sehen im Gespräch mit domradio.de vor allem Probleme in den Bereichen Bildung und Einkommen.

International, nach dem absoluten Armutsbegriff bemessen, ist Deutschland nicht arm. Nach dem relativen Armutsbegriff gibt es - entsprechend des jüngsten Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung - 4,4 Prozent arme Menschen. Deswegen hält Prof. Bernhard Emunds, Leiter des Oswald von Nell-Breuning-Insituts für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen, die Armut in Deutschland für insgesamt nicht dramatisch. "Armut bedeutet, dass man ausgeschlossen ist von vielen gesellschaftlichen Möglichkeiten", so Emunds. Er sieht Handlungsbedarf, was wirtschaftlich abgehängte Regionen anbetrifft, wie etwa das Ruhrgebiet. Auch bestimmte Personengruppen, wie etwa Alleinerziehende, müssten stärker von der Politik ins Bild genommen werden, so Emunds.

Weihbischof Anton Losinger, Bischofsvikar für Bioethik und Sozialpolitik, sieht bestimmte Gruppen von Armut bedroht. Vor allem, dass die Entwicklungsmöglichkeit eines Kindes vom Bildungsstand der Eltern abhänge, sei bedenklich. In der heutigen Wissensgesellschaft bedürfe es einer "klaren, soliden Bildungspolitik". Qualifikation und Bildung brächten Menschen Chancen und Beteiligungsmöglichkeiten.

Der Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes, Prof. Georg Cremer, sieht ebenfalls eine Besserung in Deutschland und tritt dafür ein, in der Armutsdebatte zu differenzieren. "Wir müssen Nüchternheit, Faktentreue und Empathie in der Debatte zusammenbringen", so Cremer.

Angst vor dem Abrutschen wird von Populisten ausgenutzt

Prof. Emunds hält die Überlegungen zur Agenda 2010, wie sie derzeit in der SPD diskutiert werden, für "völlig richtig". Die Verkürzung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I, im Rahmen der Agenda 2010, habe eine enorme Unsicherheit geschaffen, so Emunds. Die Angst vor dem Abrutschen auf Sozialhilfeniveau sei in der Mitte der Gesellschaft allgegenwärtig. Diese Verunsicherung der Mittelschicht werde gerne von populistischen Parteien aufgegriffen, insofern seien die angedachten Reformen richtig.

"Die gute wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands hängt vor allem damit zusammen, dass man in den Euro eingebunden ist", betont Emunds. Die Agenda 2010 sei der guten wirtschaftlichen Entwicklung zwar zuträglich gewesen, aber nicht der entscheidende Faktor, so Emunds. Der Generalsekretär des Deutschen Caritasverbands, Georg Cremer, sieht ebenso einen Bedarf für Reformen. Eine Mitte, die Angst vor dem sozialen Abstieg habe, schotte sich nach unten ab. "Das ist schlecht für die Armen". Cremer spricht sich ebenso für neue Maßnahmen auf dem Arbeitsmarkt aus. Gerade für Menschen, die auf dem „ersten Arbeitsmarkt“ keine Chance hätten, brauche es neue Rezepte, wie etwa einen "sozialen Arbeitsmarkt".

Der Augsburger Weihbischof Anton Losinger hält eine völlige Abkehr von der Agenda 2010 für falsch. "Ich bin der Meinung, dass wir eine neue aktivierende Sozialpolitik brauchen", erklärt Losinger. Deutschland benötige innovative Formen, damit Menschen in die Lage versetzt würden, sich von Armutslagen befreien zu können.

Einkommensungleichheit hat zugenommen

Die Unterschiede zwischen den Einkommen hätten seit den 1980er Jahren zugenommen, betont Cremer. Diese Entwicklung stehe in Zusammenhang mit der Globalisierung. Dieses Problem sieht auch Prof. Emunds. Man habe eine Vermögenskonzentration, die im internationalen Vergleich hoch sei. Die abgeschaffte Vermögenssteuer sowie die Erbschaftssteuer, die "faktisch abgeschafft" wurde, seien ein Grund für die Anhäufung von Vermögen bei den Reichen.

(dr)

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