Aufräumen nach dem Tsunami
Aufräumen nach dem Tsunami
Caritas-Präsident Peter Neher
Caritas-Präsident Peter Neher

16.12.2014

Caritaspräsident Neher zu zehn Jahren Tsunami-Hilfe "Neue Lebensperspektiven eröffnet"

Der zweite Weihnachtfeiertag brachte die Katastrophe. 230.000 Menschen starben beim Tsunami in Südostasien. Es folgte aber auch eine beispiellose weltweite Hilfsaktion. Der Präsident des Deutschen Caritasverbandes, Peter Neher, im Interview der KNA.

KNA: Herr Neher, nach dem verheerenden Tsunami 2004 startete die deutsche Caritas die größte Hilfsaktion ihrer Geschichte. 230.000 Menschen starben durch die Flutwellen. Hunderttausende verloren ihre Wohnungen und Lebensgrundlage. Wie sieht Ihre Gesamtbilanz der humanitären und Wiederaufbauhilfen heute aus?

Neher: Zwei Faktoren waren für einen gelingenden, nachhaltigen Wiederaufbau von entscheidender Bedeutung: die Hilfe mit den Menschen vor Ort gemeinsam zu planen und die Selbsthilfekräfte der Überlebenden zu stärken. Die Lage ist in den betroffenen Regionen und Staaten natürlich verschieden, aber es ist uns vielerorts gelungen, den Menschen nach der Katastrophe neue Lebensmöglichkeiten zu eröffnen. Wir haben neuen Wohnraum schaffen oder junge Menschen beim beruflichen Neuanfang begleiten können. Vielleicht konnten wir mancherorts sogar zu einer gewissen gesellschaftlichen Entwicklung beitragen. Etwa, wenn es gelungen ist, die soziale Ausgrenzung der Gruppe der Dalits in den vom Tsunami betroffenen Regionen Indiens wenigstens in kleinen Ansätzen zu überwinden.

KNA: Entstanden aber nicht auch Probleme, wenn plötzlich gewaltige Spendenmillionen in ärmste Gesellschaften investiert wurden?

Neher: Da gab es sehr viele Fallstricke. Unser Prinzip war deshalb von Anfang an, den Wiederaufbau langfristig zu organisieren. Etwa wenn es darum ging, Häuser nicht mehr direkt am Meer, sondern geschützt vor möglichen weiteren Fluten ein Stück landeinwärts zu errichten. Da müssen Sie beispielsweise erst mal mit den Behörden über Grundstücke verhandeln. Es reicht nicht, einzufliegen, ein schön angestrichenes Häuschen hinzustellen, ein neues Boot zu überreichen und dann wieder zu verschwinden. Wenn Sie die Akzeptanz und die Würde der Betroffenen ernst nehmen, dann müssen sie mit den Leuten planen. Das braucht Zeit.

KNA: Dennoch gibt es Berichte - zum Beispiel aus Indien - dass plötzlich jeder Überlebende eines Dorfes ein neues Fischerboot erhielt und damit ganze Gemeinschaften aus dem Gleichgewicht gerieten. Oder es wurden an falscher Stelle Häuser gebaut, mit Toiletten, die niemand wollte.

Neher: Es wäre vermessen zu behaupten, dass wir in einer Katastrophe von bis dahin nicht gekanntem Ausmaß keine Fehler gemacht hätten. Aber ich kann für uns in Anspruch nehmen, dass uns solch grobe Fehlplanungen nicht unterlaufen sind. So haben wir zum Beispiel versucht, nicht jedem sofort ein neues Boot zu finanzieren, sondern genossenschaftliche Modelle zu unterstützen, wo sich mehrere Familien ein Boot teilen. Auch weil vor allem durch die großen Fischtrawler der Großkonzerne vielerorts die Fischbestände ohnehin schon stark dezimiert sind. Oder wir haben versucht, jungen Leuten andere Berufsperspektiven zu eröffnen, indem wir neue Ausbildungsmöglichkeiten etwa als Schreiner oder Elektriker mitorganisiert haben.

KNA: Das klingt nach aufwendiger und damit auch teurer Koordinierung.

Neher: Viele Spender in Deutschland glauben, je weniger Verwaltungskosten eine Hilfsorganisation hat, desto besser würden die Mittel ankommen. Aber das ist so nicht richtig. Wenn Sie Hilfe qualifiziert und verantwortungsvoll einsetzen wollen, dann haben Sie auch einen gewissen Verwaltungsaufwand. Wir halten unseren Verwaltungs- und Projektkostenanteil unter zehn Prozent, aber diesen Anteil braucht man auch, um effektiv zu arbeiten und nicht bloß von Krisengebiet zu Krisengebiet zu fliegen und schnelle "Wohltaten" zu verteilen.

KNA: Was aber ist mit den Katastrophen und Krisengebieten, die es nicht in die Tagesschau schaffen? Bräuchten Sie hier nicht mehr Gelder?

Neher: Ich verstehe jeden Spender, der von einer Katastrophe erfährt und den leidenden Menschen genau hier helfen will. Die andere Seite aber ist, dass der Tsunami vor zehn Jahren auch das Spendenwesen radikal verändert hat. Die Aufmerksamkeitsschwelle ist seitdem extrem gestiegen, so dass es heute selbst große Katastrophen nicht immer in die Medien schaffen. Und dann fehlen uns manchmal die Mittel. Ich nenne als aktuelle Beispiele etwa den Südsudan oder Kongo. Daher ist es schon ein wichtiges Anliegen, dass Spender uns auch Gelder ohne engen Spendenzweck zukommen lassen, um auch Menschen in "vergessenen Katastrophen" helfen zu können.

(KNA)

Die neue App von DOMRADIO.DE

Im Video: Täglicher Gottesdienst

Sehen Sie hier den täglichen Gottesdienst aus dem Kölner Dom. An Werktagen ab 9 Uhr, an Sonn- und Feiertagen ab 12 Uhr in der Mediathek.

Tageskalender

Radioprogramm

 02.03.2021
06:30 - 10:00 Uhr

DOMRADIO - Der Morgen

10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Seelsorger kümmern sich um Gemeinden, in denen Fälle sexualisierter Gewalt bekannt werden
  • Wie steht es um den Gesundheitsschutz in Kindertagesstätten?
  • So kämpft sich die Kirchenmusik durch die Krise
10:00 - 15:00 Uhr

DOMRADIO Der Tag

  • Seelsorger kümmern sich um Gemeinden, in denen Fälle sexualisierter Gewalt bekannt werden
  • Wie steht es um den Gesundheitsschutz in Kindertagesstätten?
  • So kämpft sich die Kirchenmusik durch die Krise
15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Nachmittag

  • Kuba - Impfparadies und Medizinhölle zugleich
16:00 - 16:10 Uhr

Durchatmen

15:00 - 19:00 Uhr

DOMRADIO Der Nachmittag

  • Kuba - Impfparadies und Medizinhölle zugleich
18:30 - 20:00 Uhr

Gottesdienst

19:00 - 22:00 Uhr

DOMRADIO Der Abend

22:00 - 22:30 Uhr

DOMRADIO Nachtgebet

Heutiges Evangelium:
In dieser Woche zu Gast:
In dieser Woche zu Gast:

Himmelklar Podcast

Weihbischof Puff: täglicher Impuls und Fürbitten

Wort des Bischofs

Der geistliche Impuls von Kardinal Woelki. Jeden Sonntag neu.

Wochenkommentar

Der DOMRADIO.DE Chefredakteur blickt auf die Woche.

Kostenlose Radio-App für iPhone und Android

Nehmen Sie Ihr DOMRADIO.DE mit wohin Sie wollen und wann immer Sie Lust haben. Funktionen: Nachrichten, Podcasts, Mediathek, Wecker, Sleep-Timer, Bluetooth, Chromecast, AirPlay, CarPlay, Android Wear…

Die ganze Bibel im Ohr! Jetzt spenden!