Ein ehemaliges Stasi-Gelände wird die Heimat der Mönche
Ein ehemaliges Stasi-Gelände wird die Heimat der Mönche
Ehemaliges Stasi-Gebäude
Ehemaliges Stasi-Gebäude
Die Mönche von Neuzelle
Die Mönche von Neuzelle

05.12.2020

Neuzeller Mönche ziehen auf ehemaliges Stasi-Gelände "Der liebe Gott hat manchmal Humor"

Nicht ohne Konflikte läuft die Ansiedelung von Zisterziensermönchen im Brandenburgischen Neuzelle. Nachdem man sich nicht auf die Nutzung bestehender Gebäude einigen konnte, wird nun ein altes Stasi-Geläde bezogen.

"Auch wenn die Menschen hier sehr hilfsbereit und nett sind, mir fehlt das Kloster in Heiligenkreuz sehr. Wir sind zur Prüfung in Neuzelle, mit der Hoffnung, dass es wieder ein lebendiges Kloster wird. Sollte es aber am Ende nichts werden, ich pack den kleinen braunen Koffer und fahre gern wieder heim. Das hören sicher nicht alle gern - doch so ist es …" mit diesen Worten endete das Kapitel über Frater Aloysius Maria im Buch "Die Mönche kommen …Neuzelle - Wiederbesiedlung eines Klosters"(Benno Verlag 2018). Mitte Oktober dieses Jahrs kehrte der Mönch tatsächlich "heim" in sein Mutterkloster in den Wienerwald.

Im Priorat Kloster Neuzelle in Brandenburg war er fast drei Jahre lang als Hausmann sowie Organisator für Küche, Herd, Wäsche und Einkauf verantwortlich. Im Kapitel "Mein Ordensleben habe ich dem Rosenkranz und der Muttergottes zu verdanken", machte der damals mit gerade einmal 27 Jahren jüngste der vier "Wiederbesiedler-Mönche" in Neuzelle keinen Hehl aus seiner Meinung und sprach offen und ehrlich über seine Befindlichkeiten. Irgendwie war es also abzusehen, dass der 1989 in Marktoberdorf im Allgäu als Florian Zierl geborene junge Mann keine Bestimmung auf Ewigkeit im Osten Brandenburgs finden sollte.

Zurück nach Österreich

Schon Monate vor ihm ging der Lehrer an der katholischen Grundschule Neuzelle - Pater Philemon Ingo Dollinger – ins Mutterkloster nach Österreich zurück. Auch in dem Kapitel über den aus Baden-Württemberg stammenden Ordensmann unter dem Titel: "Vergiss bitte da Herrgott net!" waren ihm in seinem Alltag zwischen Schule und Stundengebet berechtigte Zweifel an der Übergangslösung im katholischen Pfarrhaus aufgekommen. Er sprach von "suboptimalen Bedingungen" unter denen er und seine Mitbrüder ihrer Mission von "Ora et Labora" ("Bete und Arbeite") Folge leisten.

Die vier ersten Neuzeller Mönche - nach der Zwangssäkularisierung des Klosters vor über 200 Jahren - wussten, dass sie nicht auf Dauer in einem Pfarrhaus wohnen können. "Es darf uns auf gar keinen Fall passieren, dass wir zu einer Männer-WG werden. Wenn ich auf die Mitbrüder schaue, haben fast alle während des Studiums in WGs gelebt. Das hatte in dieser Zeit seine Berechtigung. Aber für ein Klosterleben ist das nicht geeignet. Wir brauchen gewisse Räumlichkeiten, die auch die Statuten der Zisterzienserkongregation für eine Neugründung vorsehen. Das Pfarrhaus ist für uns ein Provisorium, eine Übergangslösung. Aber es müssen sich Perspektiven auftuen“, erklärte damals Pater Philemon.

Große Umstellung

Von Heiligenkreuz her sind es die Ordensmänner gewohnt, in einer großflächigen Anlage zu leben. Dort gibt es Regularräume, einen Kreuzgang, einen Klostergarten und Räume, zu denen außer den Mönchen niemand Zutritt hat. Diese Klausur fehlt ihnen schmerzlich in Neuzelle. Die Mönche brauchen zudem einen Weg in das Haus Gottes, der sie innerlich auf das Gebet vorbereitet. Zum Chorgebet muss man in Heiligenkreuz nicht auf einem öffentlichen durch Wind und Wetter ungeschützten, schlecht ausgeleuchteten Weg laufen, wie das in Neuzelle vom Pfarrhaus zur St. Marienkirche der Fall ist.

"Wir empfinden hier manches Mal eine architektonische Enge, die wir von unserer Abtei in Heiligenkreuz nicht gewohnt sind", erklärte schon vor drei Jahren Pater Philemon, "unsere Gründungsväter wussten schon, warum sie diese Einteilung so wählten." Der Kreuzgang in Neuzelle ist Teil des Museums der Stiftung Neuzelle und wird von Touristen genutzt. Traditionellerweise verbindet der Kreuzgang Schlaf- und Wohnräume der Mönche mit der Kirche. Diese geistliche und liturgische Einbindung ist für ein Klosterleben existenziell. 

"Der katholischen Kirche gehört hier nichts mehr"

Heute sind die historische Klosteranlage sowie die Ländereien mit etwa 11.300 Hektar Grundbesitz Eigentum der staatlichen "Stiftung Stift Neuzelle". Dem Zisterzienserorden oder der katholischen Kirche gehört davon nichts mehr. Um mit der für sie ungewohnten Situation zurecht zu kommen, entschieden sich die Mönche, die ersten Monate erst einmal alles so zu lassen, wie sie es vorfanden. Aber da sie mit der Stiftung "Stift Neuzelle" zu keiner für sie annehmbaren Einigung kamen, verkündeten sie schon am Vorabend der offiziellen Prioratsgründung im September 2018: Es wird auf Dauer keine Wiederbesiedlung mit Zisterziensern auf dem Gelände des 1268 durch Markgraf Heinrich den Erlauchten gestifteten Klosteranlage in Neuzelle geben, sondern nur ein Neubau kommt für die Mönche in Frage - wenn sie hierbleiben. 

Die meisten Gebäude des früheren Zisterzienserklosters Neuzelle hat die Stiftung Stift Neuzelle an andere Nutzer vermietet. Im ehemaligen Wohn- und Arbeitsbereich der Mönche (Klausur) ist ein Gymnasium untergebracht. Im Kreuzgang gibt es ein Museum und die anliegenden Räume sind Orte für kulturelle Veranstaltungen jeglicher Couleur, wo dann auch einmal Gregor Gysi von der Partei "Die Linke" auftreten darf. In den früheren Räumen des Abtes befindet sich die Stiftungsverwaltung und im Kanzleigebäude eine Musikschule sowie die Forstverwaltung.

Unverständnis bei vielen Christen

Mit der Entscheidung der Mönche erfüllten sich auch die Wünsche des Ideengebers und neuen Stifters Bischof Wolfgang Ipolt aus Görlitz nur bedingt, der vom "Leuchtturm Neuzelle" sprach und hoffte, dass durch die Präsenz von Mönchen die "alten Gebäude wieder neue Strahlkraft erlangen". Die abrupte Wendung der Mönche, das vorhandene 750-Jahre alte Kloster mit dem Titel "Barockwunder Brandenburgs" ungenutzt zu lassen, können bis heute viele Menschen nicht verstehen. "Es ließ auch viele Katholiken und evangelische Christen in den neuen Bundesländern ratlos zurück", bestätigte eine Einwohnerin, die bis zuletzt auf einen Kompromiss auf dem Klosterareal hoffte. 

Die Umsetzung des Klosterneubaus auf einem etwa zehn Kilometer vom jetzigen Kloster entfernten Gelände in Treppeln - auf dem zu DDR-Zeiten die Staatssicherheit einen geheimen Außenposten unterhielt - verantworten Prior Pater Simeon Wester und sein Subprior Pater Kilian Müller, der dazu sagt: "Diese Immobilie liegt auf den historischen Stiftungsgründen des Klosters Neuzelle. Gerade da wo eine Verletzung vorhanden ist, ist Heilung immer nötig und hilfreich. Der liebe Gott hat halt manchmal Humor. Ich glaube, eine klösterliche Nachnutzung für ein ehemaliges Stasi-Gelände, das gab es bisher noch nie auf deutschen Boden". Nun kann der Neubau verwirklicht werden.

"Mönche in Neuzelle sind wahres Gottesgeschenk"

Brandenburgs Kultusministerin Manja Schüle (SPD) bezeichnete vorige Woche in Potsdam die Anwesenheit von Mönchen in Neuzelle und ihren Plan des Klosterneubaus als "wahres Gottesgeschenk".  Ministerin Schüle schenkte Pater Kilian bei einer Pressekonferenz ein historisches Bild des Klosters Neuzelle sowie geweihtes Wasser aus Lourdes und sagte: "ich kann verstehen, dass ein neuer Standort gewählt wurde. Der geplante Klosterbau wird die erste Klosterneugründung der Zisterzienser in Brandenburg seit dem Mittelalter sein." Aus ihrer Sicht ist die ehemalige Immobilie der Staatssicherheit "eine gelungene Nachnutzung".

Das nun verkündete notarielle Kaufangebot soll am 25. November 2020 unterzeichnet werden. Der Vertrag gilt vorerst für fünf Jahre. Erst dann müssen die 219.200 Euro für das 75 Hektar große Waldstück vom Priorat bezahlt werden. "Es handelt sich um ein verwundetes Grundstück – die Liegenschaft sieht fürchterlich aus", ergänzte Norbert Kannowsky, Geschäftsführer der Stiftung Stift Neuzelle, der aktuelle Eigentümer.

Gebraucht werden: Segen und Spenden 

Damit der kühne Plan im märkischen Wald Realität wird, haben die Mönche eine Botschaft: "Bitte beten Sie, oder begleiten Sie uns mit ihrem Segen, Ihren guten Gedanken, dass unser Vorhaben gelingt und die Herzen und Türen sich öffnen!" Dafür haben sie mit den "Josefsfreunden" eine eigene Gebetsgemeinschaft unter dem Patronat des heiligen Josef gegründet. Natürlich kann der klösterliche Neubeginn in dieser weitgehend entchristlichten Gegend nur verwirklicht werden, wenn die Zisterzienser neben Gebeten auch Spenden und materielle Zuwendungen erhalten "dass wir unserem gemeinsamen Ziel näher kommen: Den Menschen, die kommen wollen, eine geistliche Heimat anzubieten, Gäste innerhalb und außerhalb der Klausur aufzunehmen und die Freude und Schönheit des Glaubens authentisch vorzuleben", betonen sie auf ihrer Internetseite.

Wie teuer der Abriss der verwahrlosten DDR-Gebäude sowie der Neubau sein wird, darüber schweigt der Orden. Mit Sicherheit werden diese Kosten die Investitionen um Landerwerb um ein Vielfaches übersteigen und in die Millionen gehen.

Zuversicht für die Zukunft

Trotz des Weggangs der ersten Gründermönche, sind Pater Simeon und sein Ökonom Pater Kilian nicht alleine in Neuzelle geblieben. Hinzu kamen der gerade zum Diakon geweihte Frater Alberich Maria Fritzsche, der einzige Ostdeutsche übrigens sowie die Patres Konrad und Issak. Doch dabei soll es nicht bleiben. "Unsere junge Gemeinschaft muss wachsen können, und das geht im Pfarrhaus leider nicht", betont Pater Kilian, "Ein richtiges Zisterzienserkloster besteht normalerweise aus mindestens zwölf Mönchen. Das Stift Heiligenkreuz, aus dem wir kommen, hat derzeit sogar knapp 100 Mönche".

Neben der fehlenden Klausur spielt ein weiterer wichtiger Punkt für die Mönche beim Neubau eine Rolle: die Aufnahme von Gästen. Pater Kilian: "Das ist seit Jahrhunderten eine wichtige seelsorgliche Aufgabe von Klöstern. In der Benediktsregel heißt es, die Mönche sollen die Gäste aufnehmen, als wäre es Christus selbst, der da an die Tür klopft. Dafür braucht es aber Gästezimmer, und die gibt es hier nicht".

Pater Kilian, Sprecher des Priorates Neuzelle stellte klar. "Unser neues Kloster wird ein nachhaltiges, grünes Kloster für etwa 20 Personen werden - zehn Mönche und zehn Gäste. Unser Angebot richtet sich an alle Menschen – ob Christen oder nicht, und gleicht einer Tankstelle für die Seele".

Rocco Thiede

Zur Info: Die Geschichte der Mönche von Neuzelle erzählt Rocco Thiede ausführlich im Buch "Die Mönche kommen".

(DR)

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