Georg Ratzinger, Kardinal Joseph Ratzinger und ihre Schwester Maria (München 1983)
Georg Ratzinger, Kardinal Joseph Ratzinger und ihre Schwester Maria (München 1983)
Susanne Hornberger
Susanne Hornberger

04.07.2020

Wegbegleiterin würdigt Papstbruder Georg Ratzinger Bescheiden, bodenständig, witzig, offen und ehrlich

Nach dem Tod Georg Ratzingers trauert die Journalistin Susanne Hornberger um den Bruder des emeritierten Papstes, den sie als Freund schätzen gelernt hat. Im Interview mit DOMRADIO.DE würdigt sie ihn als äußerst liebenswerten Menschen, der nicht ohne Fehler war.

DOMRADIO.DE: Wie haben Sie reagiert, als Sie erfahren haben, dass Georg Ratzinger gestorben ist?

Susanne Hornberger (Chefredakteurin Münchner Kirchenzeitung, ehemals Vatikan-Korrespondentin): Ich war natürlich sehr traurig, ich bin es immer noch, weil ich eine wunderbare Art von Freundschaft aufbauen konnte mit dem Herrn Domkapellmeister, voller Vertrauen und gegenseitigem Respekt. Er war ein großartiger Mensch, und da darf durchaus trauern.

DOMRADIO.DE: Was für ein Bild haben Sie von der Persönlichkeit von Georg Ratzinger gewonnen?

Hornberger: Ich habe einen extrem aufgeschlossenen, offenen, ehrlichen Menschen kennenlernen dürfen. Offen und ehrlich deswegen: Ein paar Tage, bevor sein Bruder zum Papst gewählt worden ist, durfte ich ihn kennenlernen, 2005, und da hat er gesagt: "Um Gottes Willen, hoffentlich wird das nicht mein Bruder. Hoffentlich wird er nicht Papst, denn er ist alt, er ist krank. Es geht gar nicht!". Der Hintergrund war natürlich auch der, dass die beiden Brüder zusammen in Regensburg alt werden wollten.

DOMRADIO.DE: Das war ihr großer Traumß

Hornberger: Ja, das war eigentlich abgemachte Sache. Aber es kam dann halt die Papstwahl dazwischen. Und es hat den Domkapellmeister natürlich schon in den ersten Tagen aus der Bahn geworfen. Aber er hat ungeschminkt seine Frustration mitgeteilt. Ich habe ihn da live fürs ARD-Morgenmagazin interviewt, und das hat mich schon sehr berührt. Ihm war ja auch klar, dass das mit den Besuchen nicht so einfach werden wird. Glücklicherweise, das hat er mir ein paar Jahre später im Interview gesagt, hatte sich das wunderbar eingespielt. Georg Ratzinger hat seinen Bruder Joseph ja mindestens dreimal im Jahr im Vatikan besuchen können. Im Übrigen war er ausgesprochen witzig, er hat wahnsinnig gerne gelacht und Witze gemacht, aber nie auf Kosten anderer. Ein hatte einen unglaublich feinen bayerischer Humor und war ein extrem liebenswürdiger Mensch, der ja theologisch und natürlich musikalisch unglaublich fundiert war, aber genau mit diesem Wissen und Können nie geprahlt hat. Er hat nie angegeben, war sehr bescheiden und bodenständig und zurückhaltend, wie auch sein Bruder.

DOMRADIO.DE: Das wissen Sie, weil Sie ihn später auch oft privat gesehen haben. Was für ein Verhältnis zu Frauen hatte er?

Hornberger: Als Priester lebte er zölibatär. Aber er war ein Mann, der durch und durch charmant war, ein Gentleman der alten Schule, wie sie es heute ja leider kaum mehr gibt. Er war extrem höflich, sympathisch, immer empathisch, liebenswürdig, liebenswert und auch sehr aufgeschlossen. Das heißt, er hat mit vollem Respekt und auch einer gewissen Bewunderung für Frauen auf Frauen geschaut. Und er hatte Respekt vor ihrem Job und vor ihre Aufgabe. Und es war so, wenn wir uns getroffen haben, hat er mich immer gefragt, wie es mir wirklich geht und wie es aussieht mit den Herausforderungen, die mein Job so mit sich bringt. Es hat ihn wahnsinnig interessiert, auch die Probleme, die Sorgen, die Nöte einer modernen Frau. Er war auch ein wunderbarer Seelsorger, der wirklich zuhören können konnte, der auch up to date war, und der einen auch mal getröstet und aufgebaut hat. Das muss man auch sagen.

DOMRADIO.DE: Kritische Fragen haben sie ihm eher nicht gestellt. Warum nicht?

Hornberger: Als ich für die ARD Vatikan-Korrespondentin war, haben wir natürlich auch das Thema Missbrauch gehabt. Das war sehr präsent im Vatikan, darüber habe ich intensiv für die ARD und die dritten Programme berichtet. Es war eine extrem aufwühlende Zeit, aber es gab nicht nur den Missbrauch. Es gab Vatileaks, wenn Sie sich erinnern, damals wurden aus den päpstlichen Büros Benedikts päpstliche Dokumente gestohlen, und zwar von seinem Kammerdiener Paolo Gabriele. Dann gab es noch die Transparenzgesetze, die Benedikt erlassen hatte bezüglich der Vatikanbank IOR; da gab es ja auch Machenschaften. Und dann gab es noch Gerüchte um Seilschaften im Vatikan, die das Pontifikat von Benedikt bedroht und teils ja auch beschädigt hatten. Das sind Dinge gewesen, die standen erst einmal im Vordergrund. Darauf lag mein journalistischer Fokus. Und man muss dazusagen, Georg Ratzinger hat ja auch schon sehr früh in einem Interview gesagt: "Ich habe damals tatsächlich Domspatzen geohrfeigt. Ich hatte immer ein schlechtes Gewissen. Ich bin froh, dass 1980 diese Erziehungsmethoden auch gesetzlich verboten worden sind." Das muss man auch mal sehen, denn es gab auch andere, zum Beispiel den damaligen Augsburger Bischof Mixa, der immer gesagt hatte, er habe nichts gemacht.

DOMRADIO.DE: Wie ist denn mit den Einschränkungen umgegangen, die er ja als hochbetagter Mann aushalten musste?

Hornberger: Er hat ja offen gesagt, dass er immer schlechter gesehen hat. Er war am Schluss ja fast blind. Er ist damit offen umgegangen, er hat dieses Handicap mit Geduld und Demut ertragen. Demut ist für ihn ja auch ein sehr prägendes Element gewesen. Demut heißt einfach, ich nehme an, was mir Gott auferlegt hat, ohne Wenn und Aber. Und er hat dieses schlechte Sehen entsprechend so aufgenommen. Er hat sich nie beklagt. Man muss vielleicht dazu sagen, als Kirchenmusiker war ihm eigentlich auch das Gehör wichtiger als das Sehen.

DOMRADIO.DE: Wie würden Sie das Vermächtnis von Georg Ratzinger beschreiben? Was hat er uns hier auf Erden gelassen?

Hornberger: Das eine ist natürlich Musik, Kirchenmusik, er hat die Domspatzen wirklich zu Welterfolgen geführt. Und ich finde auch diese Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, diese urchristlichen Werte, die er tatsächlich gelebt hat, die die Eltern Ratzinger auch ihren Kindern mitgegeben haben. Und ein Punkt ist eben auch, etwas offen und ehrlich zugeben zu können. Und eben auch diese Watschen, diese Ohrfeigen, wo er auch gesagt hat, dass das war schlecht war, dass er ein schlechtes Gewissen hatte. Man muss aus heutiger Sicht dazu sagen, dass diese Gepflogenheiten, diese Erziehungsmethoden damals, in den 60er Jahren, gang und gäbe an den Schulen Deutschlands waren, an jeder Schule. Und das schien damals auch gesellschaftlich akzeptiert. Also man muss schon auch gucken, dass man nicht mit der Schablone heutiger Werte, die wir glücklicherweise haben, auf die Werte des Lebens, die Methoden von damals gucken.

Das Interview führte Katharina Geiger.

DOMRADIO.DE überträgt am Sonntag, 5.7.2020 die Totenvesper für Domkapellmeister Georg Ratzinger, eine interne Vesper mit den Domspatzen, um 15:00 Uhr.  Am Mittwoch, 8.7.2020 strahlt DOMRADIO.DE den Sammelrosenkranz um 9:25 Uhr aus, anschließend, um 10:00 Uhr das Requiem aus dem Regensburger Dom.
 

(DR)

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