Symbolbild Priesteranwärter in einer Vorlesung
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Symbolbild: Studierende in einer Vorlesung
Studierende in einer Vorlesung

24.06.2020

Katholische Fakultäten gegen Reformpläne bei Priesterausbildung "Hochgradig naiv und unbedarft"

Die Deutsche Bischofskonferenz denkt über eine grundlegende Änderung der Priesterausbildung nach. Im Interview äußert die Vorsitzende des Katholisch-Theologischen Fakultätentages, Professorin Johanna Rahner, heftige Kritik an den Überlegungen.

KNA: Nach Plänen einer Arbeitsgruppe der Deutschen Bischofskonferenz ist eine Konzentration der Priesterausbildung auf bundesweit wenige Standorte vorgesehen. Wie bewerten Sie die Pläne zur Umstrukturierung?

Prof. Johanna Rahner (Professorin in Tübingen und Vorsitzende des Katholisch-Theologischen Fakultätentages/KThF): Alles wirkt sehr unüberlegt und ist jenseits der Bedürfnisse, die tatsächlich bei der Ausbildung der Priester von morgen bestehen. Wissenschaftsstrategisch betrachtet sind diese Ideen von einer hochgradigen Naivität und politischen Unbedarftheit geprägt.

KNA: Was steckt hinter diesen Vorschlägen?

Rahner: Das Ideal einer Priesterausbildung, wie es Mitte des 16. Jahrhunderts auf dem Konzil von Trient formuliert wurde. Junge Männer werden kaserniert, um sie getrennt von den anderen Studierenden vermeintlich geschützt, behütet und exklusiv als Priesterkaste auf ihren Einsatz vorzubereiten. Die Überlegungen mögen für das 16. und 17. Jahrhundert angemessen gewesen sein, aber bereits im 18. und 19. Jahrhundert gab es Ideen, die Priesterausbildung anders zu gestalten.

Heute ist das mit Blick auf den Einsatz in einer pluralen Gesellschaft völlig unangemessen. Diese Einschätzung teilen ganz viele, die jahrzehntelange Erfahrung in der Priesterausbildung haben.

Das vorgeschlagene Modell wird auch nicht den Biografien der Einzelnen gerecht, die sich heute auf diesen Dienst vorbereiten. Die Stichworte Klerikalismus und Missbrauch nötigen doch dazu, dass hier nicht Fehler der Vergangenheit erneut begangen werden.

KNA: Wo vermuten Sie die Motive?

Rahner: In der mangelnden Bereitschaft, sich aus alten Denkstrukturen zu lösen und Alternativen zu entwickeln. Dahinter steht derselbe Geist wie beim Trend zu immer größeren Pfarreien. Das ist alles andere als zukunftsfähig, sofern es nicht darum geht, einen heiligen Rest konservieren zu wollen.

KNA: Welche Konsequenzen sehen Sie für die Katholisch-Theologischen Fakultäten?

Rahner: Wir sind aktuell im Universitätsbetrieb ein geschätzter Gesprächspartner. Wir arbeiten vernetzt, interdisziplinär und international. Der Wissenschaftsrat hat 2010 formuliert, Theologie sei wichtig für das Selbstaufklärungspotenzial der Religionen, kümmere sich mit um die Lösung der Zukunftsfragen der Gesellschaft und spiele mit im Konzert der anderen Fakultäten beim Streben nach Wissen.

Die aktuelle Diskussion kann unsere Rolle aber beschädigen und Debatten über Standortreduzierungen befeuern. Es scheint, als würden ohne Not Positionen geräumt, die von staatlicher Seite zurzeit niemand anrühren will.

KNA: Das Papier soll nur eine Gesprächsgrundlage sein.

Rahner: Einerseits ja. Aber andererseits: Wenn es nur um das Gespräch der Bischöfe untereinander ginge, warum wurde dann eine Pressemitteilung veröffentlicht? Und warum wurde nicht vorab mit den Fakultäten gesprochen? Uns wurde gesagt, es ginge um einen geistlichen Prozess. Tatsächlich wird jetzt aber entscheidungsförmig kommuniziert, Ross und Reiter werden genannt.

KNA: Wäre es möglich, dass im Falle einer Umsetzung Fakultäten erster und zweiter Klasse entstehen, weil nur noch einige für die Priesterausbildung zuständig sind?

Rahner: Im schlimmsten Fall ja. Aber das wollen die Fakultäten auf keinen Fall. Dabei haben wir nichts gegen Spezialisierung und wissenschaftliche Schwerpunkte. Ein Beispiel: Theologiestudenten, die sich besonders für den interreligiösen Dialog interessieren, können sich bewusst für Münster oder Tübingen entscheiden. Was wir aber nicht wollen, dass sind ideologische Differenzierungen. Denn angehende Priester und andere angehende Seelsorger müssen gemeinsam ausgebildet werden, weil sie ja auch später gemeinsam arbeiten sollen.

Insgesamt: Wir beschäftigen uns mal wieder mit uns selbst, obwohl wir zu aktuellen Gesellschafts- und Zukunftsfragen genug zu sagen haben. Gerade in Zeiten der Pandemie. Diese Debatte entsteht komplett zur Unzeit.

Das Interview führte Michael Jacquemain.

(KNA)

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