Bischof Franz Jung
Bischof Franz Jung
Auf dem Bischofsstuhl
Franz Jung auf dem Bischofsstuhl
Ludwig Schick salbt Franz Jung
Ludwig Schick salbt Franz Jung
Bischofsweihe von Franz Jung
Bischofsweihe von Franz Jung
Nikola Eterovic, Apostolischer Nuntius in Deutschland
Nikola Eterovic, Apostolischer Nuntius in Deutschland, bei der Bischofsweihe von Franz Jung

06.06.2019

Würzburger Bischof Franz Jung ein Jahr im Amt "Wenn jemand ein Problem hat, müssen wir darüber reden"

Missbrauchsstudie, XXL-Pfarreien, Maria 2.0: In seinen ersten zwölf Amtsmonaten hat sich Würzburgs neuer Bischof Franz Jung schon mit vielen Reizthemen befassen müssen. Wie erlebt man als junger Bischof eine Kirche in Zeiten des Umbruchs?

DOMRADIO.DE: Mit 53 Jahren gehören Sie zu den jüngsten Bischöfen in Deutschland. Was war die Weihe am 10. Juni 2018 im Würzburger Kiliansdom für ein Moment für Sie?

Bischof Franz Jung (Bischof von Würzburg): Ich wollte in diesem Moment einfach ganz "da" sein, in der Verfügbarkeit für dieses Amt. Da weiß man ja heute überhaupt nicht, was auf einen in den nächsten Jahrzehnten zukommt. Worauf lasse ich mich da ein? Eigentlich ist das Amt per se ja schon eine Überforderung, aber so geht es mit allen öffentlichen Ämtern heute, es gibt viele Ansprüche und Erwartungen. Aber im Moment der Weihe wollte ich ganz "da" sein. Ich habe mich auch in Exerzitien darauf vorbereitet. Das war für mich wunderbar, mich dann auch in diese Liturgie fallen lassen zu können. Unbeschreiblich war für mich die Freude der Menschen im Dom, die mich mit ihrem Gebet, ihrer Gegenwart, ihrer Freude dann getragen haben. Unbeschreiblich, ein beeindruckendes Erlebnis.

DOMRADIO.DE: Nun sind Sie für über 700.000 Katholiken verantwortlich. Zu Ihrer Weihe haben Sie gesagt: “Gott ruft uns in eine ungewisse Zukunft“. Wie ist das erste Jahr dieser Zukunft gelaufen?

Jung: Zum Einstieg gab es natürlich einen Blick auf die Finanzen. Die Situation unseres Bistums präsentiert sich keineswegs so rosig, wie man das aus den Pressemeldungen hätte meinen können. Da habe ich sofort gesagt, dass wir gegensteuern müssen. Das war sicher für viele Menschen im Bistum eine Überraschung. Wir sind im Moment mit Hochdruck dran, die Steuerungsinstrumente zu erarbeiten, die man braucht, um einen Bistumshaushalt zu konsolidieren. Das wird die große Aufgabe, vor der wir in den nächsten Jahren stehen. Das war zu Beginn des ersten Jahres definitiv ein Paukenschlag. Aber ich merke, die Menschen sind bereit, diesen Weg mitzugehen.

Natürlich gehört zu diesem ersten Jahr auch dazu, das Bistum überhaupt erst mal kennenzulernen. Ich versuche im Moment, alle unsere 20 Dekanate zu besuchen. Nachmittags sprechen wir mit den Hauptamtlichen, abends mit den Ehrenamtlichen. Im Prinzip bekomme ich im Moment einen “Crashkurs Bistum Würzburg“. Das ist sehr intensiv. Wir sind auf einem guten gemeinsamem Weg. Aber ich merke auch die große Ungeduld der Menschen, dass nach der Zeit der Sedisvakanz im Bistum etwas passiert. Diese Ungeduld ist gut, weil dadurch Veränderungen initiiert werden können.

DOMRADIO.DE: Direkt am Anfang Ihrer Amtszeit wurde die MHG-Studie über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche veröffentlicht. Für das Bistum Würzburg haben Sie gesagt: "Wir gehen in die Aufklärung und beauftragen eine unabhängige Kanzlei damit". Damit gehen Sie weiter als manch andere Bistümer. Warum dieser Schritt?

Jung: Um bewusst von Anfang an klar zu machen, wir vertuschen nichts, wir verheimlichen nichts, sondern wir lassen jemanden von außen in unsere Akten gucken. Wir gehen sogar noch weiter. In der MHG-Studie ging es um die Zeit von 2000 bis 2015. Wir haben unsere Akten von 1946 an geöffnet. Andere Bistümer sind diesen Schritt der "großen Auswertung" aber auch gegangen.  

DOMRADIO.DE: Welche Konsequenzen wird diese Untersuchung haben?

Jung: Wir sind in der Phase der Aufklärung. Deshalb müssen wir uns erst mal einen Überblick verschaffen. Was ist passiert? Zeitgleich habe ich aber auch schon versucht Zeichen zu setzen, die in Richtung Aufarbeitung gehen. Das ist auch die große Frage, die wir derzeit auf Deutschland-Ebene diskutieren. Das eine ist die Aufklärung, das andere sind die Konsequenzen. Ich habe vor Weihnachten erst auf einer Podiumsdiskussion auch mit einem Betroffenen gesprochen, ebenfalls mit einem Vertreter des Forschungs-Konsortiums der MHG-Studie. Ich habe mich auch diese Woche erst mit Betroffenen zusammengesetzt und mir deren Geschichten angehört. Was ist ihnen widerfahren? Wie haben sie Kirche erlebt? Und wie wünschen sie sich, dass die Kirche mit ihnen umgeht?

DOMRADIO.DE: Erst in den vergangenen Wochen hat die Kirche der Frauenstreik “Maria 2.0“ bewegt. Sie sind als Bischof bewusst zur Mahnwache der Protestierenden gegangen und haben mit ihnen gesprochen. Warum haben Sie sich dazu entschieden?

Jung: Das ist ganz einfach. In Zeiten des Umbruchs und der Krise gibt es drei Dinge: Kommunikation, Kommunikation und Kommunikation. Wenn jemand ein Problem hat, müssen wir darüber reden. Deswegen war es mir wichtig, zu den Frauen hin zu gehen und zu sagen: Ich nehme euer Anliegen ernst. Wir wollen miteinander im Gespräch bleiben. Wer Fragen stellt, steht nicht sofort außerhalb der katholischen Kirche. Auch in der Kirche darf man Fragen stellen. Auch wenn klar ist, dass diese Frage auf Deutschlandebene nicht gelöst werden kann, sondern einer gesamtkirchlichen Lösung bedarf.

DOMRADIO.DE: Wird Sie das Thema in Würzburg noch weiter begleiten?

Jung: Das haben die deutschen Bischöfe ja beschlossen. Das Thema ist Teil des “synodalen Weges“. Wir werden sehen, wie sich die Beratungen in der nächsten Zeit gestalten. Die Begegnung selbst war jedenfalls sehr freundlich. Ich glaube, die Frauen haben sich gefreut, dass der Bischof selbst kam, um das Gespräch mit ihnen vor Ort zu suchen.

DOMRADIO.DE: Sie haben die ungewisse Zukunft angesprochen. Prognostiziert wird, dass die Zahl der Gläubigen zurückgeht, die der Kirchensteuermittel ebenso. Gleichzeitig sind sie kein Freund von “XXL-Pfarreien“. Was ist die Alternative für Sie?

Jung: Ich komme aus einer Gegend, die nicht so strukturiert ist wie Unterfranken. Es war für mich eine neue Erfahrung, ein großes, ländlich geprägtes Bistum kennenzulernen. Wir haben im Grunde mit Würzburg, Aschaffenburg und Schweinfurt nur drei größere Städte. Alles andere ist ländlicher Raum, zum Teil mit Kleinst-Pfarreien. Die kleinste Pfarrei des Bistums hat nur 37 Katholiken. Das habe ich zuvor gar nicht gekannt.

Meine große Frage ist: Wie kann man die große Identifikation der Menschen mit ihrer Kirche am Ort halten, auch in dem Wissen, dass Veränderung kommt, dass sich auch die kleinen Gemeinden verändern werden? Das wissen die Menschen auch. Wie kann man diese Identifikation in neuen Zeiten bewahren?

DOMRADIO.DE: Haben Sie darauf schon eine Antwort?

Jung: Die ersten konkreten Schritte geben wir bis Ende 2020 bekannt. Wir sind im Moment dabei, größere Kooperationsverbände zu identifizieren. Im Moment zeichnen sich da circa 40 größere Räume im Bistum ab. Ich bin auch vor Ort und frage in allen Dekanaten nach: Wie ist denn der Stand eurer Beratungen? In welche Richtung könnte es gehen? Da zeichnet sich im Moment ein ziemlich großer Konsens ab. Das stimmt mich zuversichtlich, dass wir bis Ende 2020 tatsächlich einen Plan beschließen können.

Danach stellt sich dann die Frage: Wie werden wir diese größeren Räume ausgestalten? Da werden wir auf jeden Fall verbindliche Formen der Kooperation finden müssen, wie auch immer die aussieht. Größere Pfarreien, Pfarreiengemeinschaften mit einem höheren Grad der Zusammenarbeit, das wird sich in der Diskussion zeigen müssen.   

DOMRADIO.DE: Nun sind sie einer der jüngsten Bischöfe Deutschlands. Die Altersgrenze von 75 werden Sie im Jahr 2041 erreichen. Was denken Sie, wie werden Kirche und Gesellschaft aussehen, wenn Sie den Hirtenstab an Ihren Nachfolger übergeben?

Jung: Ehrlich gesagt ist das ein so großer Zeitraum, da will ich gar keine Prognose abgeben. Ich schaue erst mal auf die nächsten zehn Jahre, was man noch so einigermaßen überschauen kann. Die Prognosen und Zahlen für die Zukunft sind ja klar. Wir werden viel weniger hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben. Gerade im ländlichen Raum zeichnen sich große Veränderungen ab, die jetzt schon im Gange sind. Überalterung der Gemeinden, Abwanderung in die Zentren.

Wir werden eine Kirche sein, die wesentlich durch das Engagement der Gläubigen vor Ort getragen ist. Da wird es nicht mehr wie bisher möglich sein, dass von Bistumsebene vieles unterstützt wird, das vor Ort nicht mehr läuft. Das wird es so nicht mehr gehen. Es wird also mehr davon abhängen, wie die Getauften vor Ort ihren Glauben tragen und leben. Wir müssen uns jetzt schon darauf einstimmen, die Menschen dazu zu bewegen, das auch zu tun.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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