Rabbiner und Imame radeln 2015 gemeinsam auf Tandems im Rahmen des Projektes "Meet2respect"
Rabbiner und Imame radeln 2015 gemeinsam auf Tandems im Rahmen des Projektes "Meet2respect"
Zwei junge Muslimas mit Kopftuch und ein junger jüdischer Mann mit Kippa unterhalten sich miteinander
Zwei junge Muslimas mit Kopftuch und ein junger jüdischer Mann mit Kippa unterhalten sich miteinander

16.05.2019

Interreligiöses Projekt will Schülern Toleranz nahe bringen "Ey, Du Jude! Ey, Du Muslim! Ey, Du Christ!"

Was ist halal? Dürfen Juden Alkohol trinken? Und wer war Abraham? "Meet2respect" heißt ein Berliner Projekt, bei dem verschiedene Religionsvertreter gemeinsam Schulen besuchen, um Vorurteile zu entkräften.

Zehra, ein Mädchen mit halblangen dunklen Haaren, sieht man den Ärger über dumme Sprüche an. "Wenn zum Beispiel jemand sagt: Alle Muslime sind Terroristen. Dabei passt beides überhaupt nicht zusammen – Islam und Terrorismus", sagt die 13-jährige türkischstämmige Schülerin des Goethe-Gymnasiums in Berlin-Wilmersdorf. Vorurteile, Ausgrenzung, Mobbing, weil man anders ist – etwa zum Beispiel kein Handy hat – darüber wissen die meisten der 32 Jungen und Mädchen der Klasse 7b etwas zu erzählen.

Genau hier setzt das Projekt "Meet2respect" des Vereins "Leadership Berlin – Netzwerk Verantwortung" an, das von der Bildungsverwaltung des Landes Berlin unterstützt wird. Jüdische und muslimische Religionsvertreter besuchen dafür gemeinsam Berliner Schulen, um die Kinder und Jugendlichen für Antisemitismus und Islamophobie zu sensibilisieren – und für Verständigung zu werben. Ein bundesweit einmaliges Projekt, wie der muslimische Jugendgefängnisseelsorger Ender Cetin betont, der sich für den Verein engagiert.

Viele Gemeinsamkeiten

Der gemeinsame Auftritt soll auch zeigen, wieviel Gemeinsamkeiten Muslime und Juden in ihrem Glauben haben. "Und dass diese eigentlich wichtiger sind, als die Unterschiede", sagt der 43-Jährige. "Ich als Muslim kann bei einem Juden etwa halal zu Abend essen, das ist kein Problem. Denn Juden und Muslime essen beide kein Schweinefleisch." Nur auf den Alkohol müsse er verzichten, erklärt er den Kindern mit einem Lächeln. Mit Diskriminierung und Hass auf Muslime kennt sich der ehemalige Vorsitzende der Sehitlik-Moschee aus: Er hat schon erlebt, dass ein abgeschnittener Schweinekopf vor der Moscheetür lag.

Ähnlich Joelle Spinner: Die 44-Jährige hat gemeinsam mit ihrem Mann, Rabbiner Joshua, die modern-jüdisch-orthodoxe Gemeinde Kahal Adass Jisroel (KAJ) in Berlin aufgebaut. Seit 19 Jahren lebt die gebürtige Schweizerin in Deutschland. Sie erzählt den 12- und 13-Jährigen von eigener Ausgrenzungserfahrung als Kind. Als Schweizer Schülerin wurde sie auf einer Klassenfahrt zusammen mit den weiteren sechs jüdischen Mitschülern von einem Lehrer aufgefordert, doch bitte im Nebenraum Platz zu nehmen, als sie ihr koscheres Essen auspackten.

Vielfalt gewohnt

"Wenn ihr euer eigenes Essen dabeihabt, dann könnt ihr auch in einem eigenen Zimmer sitzen", hatte der Lehrer damals gesagt. "Und wir haben brav gehorcht, sind in den Nebenraum gegangen. Und niemand der anderen Schüler oder Lehrer hat etwas dagegen gesagt", erzählt Spinner.

Die Kinder in dieser Klasse sind die Vielfalt gewohnt: Es gibt türkischstämmige, italienische, russische und arabische Kinder, Muslime, Juden, Christen und in der Mehrzahl Atheisten. Beim religiösen Quiz kennen sich die Schüler gut aus. Die 13-jährige Lina weiß sogar, dass nicht nur die jüdischen Männer beim Beten eine Kippa tragen, sondern auch "die verheirateten Frauen eine Perücke", wie das Mädchen, das russisch-orthodoxen Glaubens ist, richtig sagt.

Die Unwissenheit

Das ist auch bei Joelle Spinner der Fall, deren Gemeinde mittlerweile rund 300 Mitglieder umfasst. Sie erklärt den Kindern, dass sie als gläubige Jüdin an Sabbat keinen Lichtschalter betätigen und nicht Auto fahren oder kochen darf. Ihre Lösung: "Dafür habe ich einen Ofen mit Sabbatprogramm." Damit kann der Backofen schon vor dem Sabbatbeginn dauerhaft auf einer Temperatur gestartet werden.

Ender Cetin, der in Neukölln aufgewachsen ist und für "Meet2respect" bereits an die 100 Schulen besucht hat, sagt, dass es einen Unterschied macht, in welchem Bezirk er in den Unterricht geht. "An Schulen in einem Problembezirk wie Neukölln etwa ist es anders als hier am Goethe-Gymnasium: Die Unwissenheit bei den Kindern ist einfach größer", so Cetin. Und auch die Beteiligung sei zögerlicher.

Vorurteile – die gibt es indes auch in Wilmersdorf: "Du Scheiß-Jude" – das habe sie schon auf dem eigenen Schulhof gehört, sagt Zehra beschämt und traut sich kaum es auszusprechen. Ein Mitschüler mit arabischen Wurzeln erzählt: "Vor mir und meinem Vater hat mal eine alte Frau auf den Boden gespuckt, als sie hörte, dass wir uns auf Arabisch unterhielten." Und Ender Cetin ergänzt: "Ich habe tatsächlich auch schon mal 'Ey, Du Christ!'" gehört.

Nina Schmedding
(KNA)

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