Tagebuch Kardinal von Faulhaber online
Tagebuch Kardinal von Faulhaber online
Kardinal Michael von Faulhaber
Kardinal Michael von Faulhaber
Hubert Wolf
Historiker Hubert Wolf

05.03.2019

Ein Gespräch mit den Faulhaber-Forschern Wirsching und Wolf "Befremdlich, wie er mit dem Thema Schuld umgeht"

Seit Oktober 2013 werden nach und nach alle 42 Jahrgänge der Besuchstagebücher des Münchner Kardinals Michael von Faulhaber online veröffentlicht. Eine seltene Fundgrube für Historiker.

KNA: Zwölf Jahre haben Sie Zeit für das Mammutprojekt, die Hälfte ist fast vorbei. Liegen Sie im Plan?

Andreas Wirsching (Projektleiter und Direktor des Instituts für Zeitgeschichte in München): Grundsätzlich sind wir optimistisch, in diesem Rahmen zu bleiben.

Hubert Wolf (Projektleiter und katholischer Kirchenhistoriker an der Universität Münster): Wir mussten ja erst Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schulen, um die nicht mehr gängige Gabelsberger-Kurzschrift entziffern zu können. Das hat uns etwas zurückgeworfen. Inzwischen geht die Transkription schneller. Wenn wir die jetzige Geschwindigkeit halten, werden wir es schaffen. Ein Unsicherheitsfaktor bleibt: Wir wissen, wie viele Beiblätter es geben muss, aber wir wissen nicht, wie viele wir davon finden.

KNA: Was hat es mit diesen geheimnisvollen Blättern auf sich?

Wolf: In den Tagebüchern finden sich etwa 350 Verweise auf solche Texte, in denen Faulhaber Begegnungen und Themen an anderer Stelle noch einmal ausführlicher reflektiert. Aber wir haben erst die Hälfte davon entdeckt.

KNA: Wo denn?

Wirsching: Die finden sich verstreut im sonstigen Faulhaber-Nachlass im Archiv der Münchner Erzbischöfe. Dank Sondermitteln von Kardinal Reinhard Marx werden dort jetzt noch einmal alle bisher nur grob verzeichneten Gabelsberger-Blätter angeschaut und identifiziert. So sind uns etwa drei Dutzend neuer Beiblätter in die Hände gefallen.

KNA: Die Tagebücher werden nicht chronologisch publiziert - warum?

Wirsching: Wir wollten schnell den ganzen Faulhaber ins Auge fassen, ein Gefühl für den Gesamtgegenstand bekommen. So haben wir schon anfangs beschlossen, Stollen in verschiedene Zeitschichten zu bohren.

Wolf: Uns ging es zentral um die Deutung von Umbrüchen - politisch wie theologisch. Jetzt sieht man schon: 1918/19 erlebt Faulhaber als absolute Katastrophe, er interpretiert sie als Anti-Schöpfung. 1933 ist für ihn keine große Sache, Hitler kommt an die Macht, fertig. 1945: Wir beten Rosenkranz am letzten April, Krieg ist vorbei, ein besonderes deo gratias. Kein Nachdenken darüber, wie es so weit kommen konnte, nichts. Wie er da mit dem Thema Schuld umgeht, über das er als Alttestamentler in Straßburg ganze Vorlesungen gehalten hat, das finde ich befremdlich.

Wirsching: Bei der Frage nach der Verantwortung für das, was 1933 und danach passiert ist, zieht er sich und die katholische Kirche schon stark raus. Da klingen Faulhabers Aufzeichnungen mitunter ganz schön selbstgerecht.

KNA: Wie lassen sich die neuen Erkenntnisse zusammenfassen?

Wirsching: Faulhaber versteht sich eigentlich als unpolitisch, aber das funktioniert in der Praxis nicht, und das reflektiert er auch in seinen Tagebüchern. Neu sind die tiefen Einblicke in seine Gefühlswelt, und wie er seine eigene Existenz biblisch-theologisch deutet.

Wolf: Zum Beispiel geht er 1945 am Karfreitag in den zerbombten Dom. Im Brevier dieses Tages kommt der Psalm: "Feuer hast du gelegt an mein Heiligtum." Den Vers bezieht er auf die Gegenwart und sagt, das passiert jetzt mit meinem Dom. Und er fügt die Frage hinzu: Wird der Dom eine Auferstehung erleben und wir mit ihm? Dann der nächste Satz: Die meisten Säulen sind gebrochen, aber sie stehen noch. Das überträgt er dann auf den Zustand der Kirche nach dem Krieg.

KNA: Wie steht es um Kenntnisse zu seinem Netzwerk?

Wolf: Da gibt es beeindruckende vorläufige Zahlen: In den bisher veröffentlichten Jahrgängen tauchen 8.380 Personen in seinen Tagebüchern auf, 5.480 werden nur einmal genannt. Mit welchen Themen wird Faulhaber behelligt? Mit tausend Sachen, wie er schreibt. Da geht es um ein neues Dach für die Kirche, dort funktioniert der Religionsunterricht nicht, da leiden Leute Hunger, wie also lassen sich Bauern bewegen, Kartoffeln nach München zu liefern? Und häufig kriegt man mit, wie es ihm selber geht. Daraus würde ich gern mal die Alltagsgeschichte eines Bischofs schreiben. Was der tagaus, tagein macht - außer predigen und Pontifikalämter halten.

Wirsching: Die Besucher kommen oft mit seelsorglichen Anliegen, wie geht er darauf ein? Wen weist er ab? Sein ungeheures Arbeitspensum finde ich beeindruckend. Die bisherige Forschung hat sich zu sehr festgefahren in der Frage, wie seine Rolle im Nationalsozialismus zu beurteilen ist. Die Tagebücher liefern da auch keine endgültigen Antworten. Die Ambivalenzen in seinem Verhalten in dieser Zeit werden durch die Notizen nicht aufgelöst, sondern nur bestätigt.

KNA: Was sind noch spannende Forschungsthemen?

Wolf: Nehmen Sie Faulhabers Beziehung zu den USA. Wir dachten immer, naja, die Amis wenden sich nach dem Krieg an ihn, weil er unbelastet ist. Aber er war schon in den 1920er Jahren zweimal in den Staaten, um sich dafür zu bedanken, dass die Amerikaner den Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg geholfen haben, und um Kontakte zu knüpfen. Er lernt Leute aus dem Umfeld des Vaters von John F. Kennedy kennen. Noch wichtiger: Er bereitet die USA-Reise von Eugenio Pacelli vor, die in den 1930er Jahren stattfindet. Ohne diese Vorarbeit wäre der Kardinalstaatssekretär nie in die USA gefahren. Und nie hätte die CIA im Pontifikat von Pius XII. diese Rolle gespielt.

KNA: Dank Ihres Projekts kann jetzt alle Welt lesen, was der Autor nie zur Veröffentlichung bestimmt hat. Hatten Sie gar keine Skrupel?

Wirsching: Faulhaber ist eine Person der Zeitgeschichte, da steht das allgemeine Interesse höher als die retrospektive Anwendung eines Daten- oder Persönlichkeitsschutzes. Skrupel habe ich da überhaupt keine.

Wolf: Angesichts von Missbrauch, Vertuschung und Systemkrise sollte es in der katholischen Kirche endgültig damit vorbei sein, etwas unter den Teppich zu kehren. Als Theologen haben wir erst einmal dafür gekämpft, dass die Tagebücher überhaupt für die Forschung zugänglich werden. Benedikt XVI. fragte bei Kardinal Marx nach, ob es nicht im Testament Faulhabers dazu Verfügungen gibt. Aber die gab es nicht.

Wirsching: Wer sich nicht transparent macht, stellt sich unter die Herrschaft des Verdachts. Nur mit Offenheit kann man auch Eiferern, die gern den Staatsanwalt geben und dabei unsauber mit Quellen umgehen, das Wasser abgraben.

Das Interview führte Christoph Renzikowski.

(KNA)

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