Tarotkarten im Kerzenschein
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06.11.2018

Augsburger Sektenbeauftragte warnt vor rechter Esoterik Wie sich braunes Denken mit vermeintlichen Geheimlehren mischt

In esoterischen Kreisen macht sich nach Einschätzung des Bistums Augsburg braunes Gedankengut breit. Laut der Sektenbeauftragten hängt dies mit der Konjunktur "grüner" Themen zusammen. Über "Reichsflugscheiben" und Energieflüsse.

KNA: Was bitte sind "Reichsflugscheiben"?

Klaudia Hartmann (Leiterin des diözesanen Fachbereichs für Religions- und Weltanschauungsfragen): Eine Art Ufo, mit dem sich führende Nazis nach dem Krieg angeblich zum Nordpol oder sogar auf den Mond gerettet haben.

KNA: Die "Reichsflugscheibe" findet sich im Titel eines Studientags zum Thema rechte Tendenzen in der Esoterik, den Sie demnächst veranstalten. Wo ist der Zusammenhang?

Hartmann: Eines vorweg: Natürlich sind nur verhältnismäßig wenige von denen, die sich mit Esoterik befassen, Nazis. Aber in der Tat gab es NS-Größen wie Heinrich Himmler, die der Esoterik sehr zugewandt waren. Und andersherum taucht aktuell in der esoterischen Szene immer wieder braunes Gedankengut auf, etwa in Form von Antisemitismus und Rassenideologie.

Das mag auch damit zusammenhängen, dass in unseren Tagen "grüne" Ideen im Aufwind sind. Das Umweltbewusstsein ist bei uns stark wie nie zuvor. Aber leider besetzen dieses Feld auch Rechte - als "Heimatschutz" und "Bewahrung völkischen Bodens". Braune Ideen finden so leicht Anknüpfungspunkte in esoterischen Vorstellungen.

KNA: Inwiefern?

Hartmann: Beide Ansätze wollen die Welt verbessern. Esoterik verspricht grob gesagt den Zugang zu altem Geheimwissen, das letztlich immer der Lebenshilfe dienen soll, etwa bezüglich Heilung bei Krankheit. In der Ökologie gibt es ebenfalls oft eine Hinwendung zu einstigen Gegebenheiten: zur kleinteiligen Landwirtschaft und zur Selbstversorgung zum Beispiel. Beides wird als Gegenentwurf zum Mainstream verstanden, der mit globalen Monokulturen oder mächtigen Pharmaunternehmen nicht gut für die Erde und den Einzelnen ist.

KNA: Es gibt also Parallelen von Ökologie und Esoterik. Aber wo verflicht sich beides?

Hartmann: Wer sich etwa zu Gemüseanbau informieren will, landet rasch bei Mondkalendern. Von da aus ist es nicht weit zu der esoterischen Vorstellung, die Welt bestehe aus fein- und grobstofflicher Energie und sei daher bei entsprechender individueller Steuerung veränderbar.

Wenn ich in diesem Denken drin bin, sind meine Tomaten möglicherweise nicht deshalb nichts geworden, weil ich sie falsch gegossen habe, sondern, weil ich nicht genug Energie für sie aufgebracht habe. Ich muss meine feinstofflichen Kräfte einfach besser einsetzen. Ich gerate also quasi unter Leistungsdruck, außerdem verweigere ich mich einer seriösen Ursachenforschung und Problemlösung.

KNA: Das ist sicher nicht schön - aber in dem Fall wohl auch eher harmlos. Wie lässt sich der Bogen zur Nazi-Ideologie schlagen?

Hartmann: Geht jemand davon aus, er könne sich selbst in kosmische oder gar in göttliche Höhen weiterentwickeln, so passt das zum Überlegenheitsdenken gegenüber vermeintlich niederem Leben, das man auch von Nazis kennt. Und diese pflegen das eben auch auf einigen Selbstversorgerhöfen, wo es biodynamischen Anbau gibt - für gesunde Nahrung zur "Rassenwahrung".

Noch mal: In der Regel sind weder Esoteriker noch Ökos rechts, aber von Rechts wird über esoterische und ökologische Themen Anschlussfähigkeit an braune Denkmuster geboten, und das klappt umso besser, da Esoterik und Ökologie in sich Schnittmengen haben.

KNA: Ökologische Aktivitäten werden Sie nun nicht generell ablehnen. Aber Esoterik?

Hartmann: Ökologische Aktivitäten finde ich gut. Esoterik ist aus christlicher Sicht ein Gegensatz, da diese davon ausgeht, dass der Einzelne sein eigener Erlöser ist - und nicht Jesus. Davon abgesehen sind esoterische Motive längst allgegenwärtig, oft ohne dass man sich ihrer bewusst ist. Denken Sie an Traumfänger oder Edelsteinamulette.

Wenn Leute sich damit besser fühlen - mein Gott. Kritisch wird es, wenn jemand auch bei ernster Krankheit nur auf seinen Talisman vertraut und nicht zum Arzt geht. Wenn die Fußpflegerin plötzlich 30 Euro mehr verlangt als üblich - da sie doch diesmal Reiki-Energie in die Zehen gelenkt haben will ... Hat's alles schon gegeben.

KNA: Und dann?

Hartmann: Dann ist das zumindest nicht lebensgefährlich, aber man sollte klar widersprechen. Gleiches gilt natürlich für antisemitische Äußerungen. Ich habe von Esoterikern, die an Wiedergeburt glauben, schon gehört, die Juden könnten doch froh sein, vergast worden zu sein. Durch den Holocaust hätten sie einfach schlechtes Karma abgetragen.

Bei solchen Sätzen muss mir, auch wenn ich esoterisch empfänglich sein sollte, klar sein: Hier ist eine Grenze überschritten. Die "Reichsflugscheibe" klingt ja vielleicht aufs erste Hören noch kurios, aber spätestens an dieser Stelle ist man mitten drin in menschenverachtendem Nazi-Sprech.

Von Christopher Beschnitt

(KNA)

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