Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main
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Ansgar Wucherpfennig
Ansgar Wucherpfennig
Theologisch-Philosophische Hochschule St. Georgen in Frankfurt/Main
Theologisch-Philosophische Hochschule St. Georgen in Frankfurt/Main

08.10.2018

Kirchenrechtler kritisiert Vatikan-Beschluss gegen Hochschulrektor "Pater Wucherpfennig ist das Bauernopfer"

Der Vatikan hat gegen eine weitere Amtszeit von Pater Ansgar Wucherpfennig an der theologischen Hochschule Sankt Georgen gestimmt, da dieser sich positiv gegenüber Homosexualität geäußert hat. Für Kirchenrechtler Schüller ist der Fall skandalös.

DOMRADIO.DE: "Nihil obstat" - Es steht nichts entgegen. Damit ist eine Erklärung gemeint, durch die der Vatikan sein Einverständnis anzeigt, wenn zum Beispiel ein Theologieprofessor ernannt wird. Wozu braucht man dieses "Nihil obstat", wenn es normalerweise nur eine Formalie aus Rom ist?

Prof. Dr. Thomas Schüller (Direktor beim Institut für Kanonisches Recht an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Münster): Es ist ein Verwaltungsakt. Ein Routinevorgang in prominenten Ämtern an kirchlichen Hochschulen und katholisch-theologischen Fakultäten, beim dem man darauf schaut, ob der Betreffende in der Lehre und dem Lebenswandel den katholischen Parametern entspricht. Normalerweise ist das ein unkomplizierter Vorgang.

Im aktuellen Fall haben wir es mit einem Professor zu tun, der schon das römische "Nihil obstat"  für seine Professur als Neutestamentler bekommen hat. Dem also testiert wurde, er sei orthodox, was seinen Lebenswandel und was seine Lehre angeht. Umso verwunderlicher ist es, dass dieses "Nihil obstat" nun bei der Bestätigung der Wahl zum Rektor, verweigert wird.

DOMRADIO.DE: Sie haben in der "Frankfurter Rundschau" erwähnt, dass Papst Franziskus die Befugnisse des Vatikans bei der Ernennung von Leitungspositionen an Hochschulen zusätzlich erweitert habe. Wie passt das zur sonst vom Papst vorangetriebenen Dezentralisierung der Kirche?

Schüller: Der Papst ist ein Meister in der Sendung von paradoxen Botschaften, und das ist so eine paradoxe Botschaft. In dem alten Recht "Sapientia Christiana" - noch von Johannes Paul II. - hieß es, dass nur die gewählten Direktoren und Rektoren kirchlicher Universitäten der Bestätigung durch die Bildungskongregation bedürfen. Diese holt immer noch den Rat der Glaubenskongregation ein, das ist auch in diesem Fall jetzt wichtig. Papst Franziskus hat mit "Veritatis gaudium" Ende 2017 festgelegt, dass nicht nur bei Rektoren die Wahl zu bestätigen ist, sondern auch bei Dekanen von kirchlichen Universitäten und katholisch-theologischen Fakultäten. Das ist eine deutliche Zentralisierung. Es passt nicht zu seinem Regierungsprogramm der Dezentralisierung – also der Stärkung der Ortskirche vor Ort.

DOMRADIO.DE: Gibt es prominente andere Fälle, in denen das "Nihil obstat" aus Rom verweigert wurde?

Schüller: Die gibt es im Kontext der Berufung von Theologieprofessorinnen und -professoren. Da gibt es immer wieder mal Probleme weltweit. Aber ich kann mich nicht erinnern, dass in den letzten 20, 30 Jahren – das ist der Zeitraum, den ich mit wachen Augen überblicke – die Wahl eines Rektors oder einer Rektorin einer kirchlichen Hochschule nicht bestätigt worden sei. Ich meine, es hat mal ein Beispiel aus Peru gegeben. Aber das ist schon lange her. Umso mehr ist dieser Fall ein Unikat und ein besorgniserregendes Zeichen.

DOMRADIO.DE: Bei Professor Ansgar Wucherpfennig geht es gar nicht um eine Lehrstuhlbesetzung, sondern um ein Leitungsamt an einer theologischen Fakultät. Bezieht sich das "Nein" aus Rom hier also mehr auf die Frage der Repräsentation oder der Befugnisse als auf seine Aufgabe als Theologieprofessor?

Schüller: Das wird man nicht trennen können. Die Bildungskongregation hat augenscheinlich die Glaubenskongregation auch bei diesem Sachverhalt einbezogen. Hier ist durch dritte Kräfte - das ist ja immer intransparent - öffentlich bekannt geworden, dass Pater Wucherpfennig ein Interview gegeben hat. Und plötzlich kommen inhaltliche Parameter dazu. Das Amt des Rektors, der Rektorin ist ja ein politisches Amt. Er/Sie vertritt die Hochschule nach außen und innen. Das hat mit Lehre und Forschung nichts zu tun.

Nun wurden aber augenscheinlich Kriterien herangezogen, die sich auf die Lehre beziehen. Das ist eine skurrile Situation. Wenn man schon denkt, er würde der Lehre widersprechen in der Frage "Frauenordination, Umgang mit Homosexuellen" hätte man auch einfach ein förmliches Scheidungsverfahren aktivieren können. Das passt nicht zusammen, das dürfte eine politische Entscheidung sein.

DOMRADIO.DE: Ansgar Wucherpfennig ist Jesuit, so wie der Präfekt der Glaubenskongregation und der Papst selbst. Und Sankt Georgen ist eine renommierte, von Jesuiten geleitete Hochschule. Welches Licht wirft diese Verweigerung des "Nihil obstat" auf den Jesuitenorden?

Schüller: Es ist ein deutlicher Affront gegenüber dem Jesuitenorden, der intellektuell die Dinge vorantreibt und sich den Fragen der Zeit stellt – das ist auch das Programm des Heiligen Ignatius gewesen. Umso unverständlicher ist, dass ein so tadelloser und nun wirklich nicht für rebellische Gedanken bekannter Theologe wie Pater Ansgar Wucherpfennig quasi das Bauernopfer ist, mit dem man wahrscheinlich die gesamte jesuitische Community treffen will.

Es ist aber auch eine Botschaft an die theologische Szene weltweit: "Denkt bloß nicht, ihr könnt jetzt Dinge vorantreiben, die bisher lehramtlich fixiert waren – Stichwort: Umgang und Bewertung von Homosexualität. Wir haben disziplinär immer noch die Mittel im Köcher, um euch an der engen Leine zu führen." Das ist der Punkt, den meine theologischen Kolleginnen und Kollegen im Moment sehr aufregt in der Entscheidung.

DOMRADIO.DE: Der Vatikan hat Professor Wucherpfennig aufgerufen, seine Position zu widerrufen. Das hat dieser umgehend verweigert. Glauben Sie, dass das vielleicht noch Folgen für seine Professur haben wird?

Schüller: Das ist schwerlich zu erkennen. Wenn das so wäre, hätte man bereits jetzt schon ein Verfahren eröffnen müssen. Ich glaube das nicht. Das geht jetzt auf den 15. Oktober zu. Bis dahin müssen sich die Parteien einigen, und Rom wäre klug beraten, diese Entscheidung zurückzunehmen. Es gibt auch Kräfte, die sagen: Der Papst soll es bitte selbst in die Hand nehmen, er kann jede Entscheidung seiner Kurie sistieren und zurücknehmen.

Das ist keine gute Entwicklung. Pater Wucherpfennig ist persönlich beschädigt. Das ist eigentlich das Skandalöse daran: Dass man einen Menschen benutzt, um ganz andere politische Themen zu verhandeln.

Das Gespräch führte Hilde Regeniter.

(DR)

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