Museumsdirektor Winfried Wilhelmy neben dem Chormantel des Bischofs Joseph Ludwig Colmar
Museumsdirektor Winfried Wilhelmy neben dem Chormantel des Bischofs Joseph Ludwig Colmar
Messgarnitur, die sogenannte Napoleonsgarnitur von 1756, in der Domschatzkammer
Messgarnitur, die sogenannte Napoleonsgarnitur von 1756, in der Domschatzkammer
Prunkdeckel in der Nikolaus-Kapelle des Mainzer Doms
Prunkdeckel in der Nikolaus-Kapelle des Mainzer Doms

09.08.2018

Neugestaltete Mainzer Domschatzkammer wird für Besucher geöffnet Verlorene Schätze

Vergoldete Messkelche, ein 1.000 Jahre altes Bischofsgewand und andere Kostbarkeiten bilden den Mainzer Domschatz. In der neugestalteten Domschatzkammer werden manche Stücke jetzt zum ersten Mal ausgestellt.

An der Vitrine mit dem feinen, mit Gold verzierten Seidenumhang bleibt Winfried Wilhelmy besonders lange stehen. "Wenn Sie fragen, warum wir mit der Wiedereröffnung so lange gebraucht haben - hier ist der Grund", sagt der Direktor des Mainzer Dom- und Diözesanmuseums. Über anderthalb Jahre dauerte die aufwendige Restaurierung des prächtigen Chormantels. Napoleon und dessen Gattin Joséphine höchstpersönlich hatten ihn einst dem Mainzer Bischof Joseph Ludwig Colmar geschenkt - angeblich wurde er sogar aus dem Hochzeitskleid der Kaiserin genäht. Wegen seines schlechten Zustands konnte der Mantel seit Jahrzehnten nicht mehr öffentlich gezeigt werden.

Spektakuläre Geschichten ranken sich um so manche der 80 Exponate, die vom 9. August an in der neu gestalteten Schatzkammer des Mainzer Doms besichtigt werden können. Zu bestaunen sind vergoldete Messkelche, Monstranzen und die Hirtenstäbe von Kardinal Karl Lehmann und seiner Amtsvorgänger. "Praktisch alle Objekte könnten jederzeit wieder bei einer Heiligen Messe verwendet werden", sagt Wilhelmy.

Mainzer Schatzkunst

Einst beherbergte der über 1.000 Jahre alte Mainzer Dom einen Schatz von unermesslichem Wert, der als einer der kostbarsten des Abendlandes galt. Über die Jahrhunderte hinweg sammelten die Mainzer Erzbischöfe prächtige Goldschmiedearbeiten und Heiligenreliquien, die sie in wertvollen Behältnissen verwahrten. Von der alten Pracht ist allerdings kaum noch etwas übrig. Zuerst fiel der Mainzer Domschatz während des Dreißigjährigen Krieges in die Hände schwedischer Truppen. "Heute gibt es mehr Mainzer Schatzkunst im Nationalmuseum in Stockholm als in Mainz", konstatiert der Museumschef.

Noch verheerender waren die Auswirkungen der Französischen Revolution, als der letzte Mainzer Erzbischof und Kurfürst Karl Theodor von Dalberg mitsamt Schatz aus Mainz nach Regensburg flüchtete. Die Forderungen des von Frankreich installierten neuen Bischofs Colmar, den Domschatz zurückzugeben, wies er kategorisch zurück. Da aber die Mainzer Domherren auch im Exil ihre Gehälter ausgezahlt bekommen wollten, ließ der Kurfürst ihn stattdessen kurzerhand einschmelzen. Ganze zwei Gegenstände aus dem "alten Schatz" sind noch in Mainz - ein Behältnis für das bei der Eucharistiefeier benötigte Tuch und eine kleine Holzdose zur Verwahrung von Heiligenreliquien.

Zeitgenössische Künstler neben jahrhundertealten Arbeiten

Der ab dem 19. Jahrhundert neu aufgebaute Domschatz besteht zum Teil aus Grabfunden und aus Kunstgegenständen, die aus den säkularisierten Kirchen und Klöstern nach Mainz gelangten. Die Mainzer Stephanskirche übergab ihr größtes Schmuckstück an den Dom - ein seidenes Messgewand, das einst dem Mainzer Bischof und Domerbauer Willigis gehörte und noch heute nach 1.000 Jahren aussieht wie neu.

Bis zum Beginn des Umbaus in der Domschatzkammer waren die dort ausgestellten Objekte nach kunsthistorischen Epochen geordnet. Auf Romanik folgten Gotik, Renaissance und Barock. Von dieser Präsentation sind die Verantwortlichen in ihrem neuen Konzept abgewichen. Sie stellen die Funktion der Exponate in den Mittelpunkt und erklären deren Bedeutung für den katholischen Gottesdienst. Dies sei nötig, da immer weniger Menschen etwas mit der Bedeutung kirchlicher Kultobjekte anfangen könnten. Ganz bewusst werden in Mainz Werke zeitgenössischer Künstler neben jahrhundertealte Arbeiten gestellt.

Besonderer Blickfang ist eine grob geschmiedete, von drei dicken Schrauben zusammengehaltene Hostienschale des Darmstädters Peter Pelikan, die eher an die Ausstattung einer Zahnarztpraxis erinnert.

Im Bistum gebe es durchaus unterschiedliche Meinungen darüber, ob solche Objekte einen Platz in einer Heiligen Messe haben sollten. "Schön ist es nicht", räumt auch Wilhelmy ein. Dann fügt er provokant hinzu: "Aber muss denn Schatzkunst immer schön sein?"

Karsten Packeiser
(epd)

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