Zwangsprostitution findet immer noch statt - mitten in Europa
Prostitution
Lea Ackermann
Lea Ackermann
Bundesweite Razzia gegen Prostitution und Menschenhandel
Bundesweite Razzia gegen Prostitution und Menschenhandel

25.04.2018

Potentielle Zeuginnen gegen Menschenhändler in Abschiebehaft Opfer zu Tätern gemacht?

Vergangene Woche schlug die Polizei mit einer Razzia gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution zu. Doch viele der bundesweit festgenommenen Frauen befinden sich nun laut der Frauenrechtsorganisation SOLWODI in Abschiebehaft.

DOMRADIO.DE: Es geht hier hauptsächlich um Frauen und Transsexuelle aus Thailand, die in Deutschland zur Prostitution genötigt wurden, und jetzt nach Ihren Angaben in Abschiebehaft sitzen sollen. Was genau ist da vor sich gegangen?

Ordensschwester Lea Ackermann (Frauenrechtlerin und Gründerin der Frauenrechtsorganisation SOLWODI): Es ist schockierend, denn man weiß, dass diese Frauen die Betroffenen sind. Sie wurden dahinein gezerrt, oft unwissend, wo sie sind und was mit ihnen los ist – einzelne Frauen haben bis zu 36.000 Euro Schulden gemacht, nachdem man ihnen gesagt hatte, das sie hierher kommen können – diese müssen sie jetzt erst mal abarbeiten. Sie bekommen aber kein Geld und können auch nichts nach Hause schicken, so wie sie sich das ursprünglich vorgestellt hatten. Es ist eine Ausbeutung gegen alle Menschlichkeit.

Und nun ist bekannt geworden, dass diese Frauen, die Zeuginnen in Menschenhandelsprozessen sein könnten, in Abschiebegefängnissen sitzen. Früher wurde uns bei solchen Razzien Bescheid gegeben und wir waren Ansprechpartner. Die Polizei hat die Razzien durchgeführt und dann die Frauen mitgebracht. Mit den Frauen konnten wir sprechen und ihnen erklären, was für eine Organisation wir sind und dass wir ihnen helfen, dass wir sie unterbringen können, und dass sie sich überlegen können, ob sie Aussagen machen. Da konnten sie zu sich kommen. Denn sie sind Opfer von Verbrechen geworden. 

DOMRADIO.DE: Das ist ein Vorwurf, den sie an die Deutschen Behörden richten. Mit den Frauen und Transsexuellen muss anders umgegangen werden. Was fordern sie denn konkret?

Ackermann: Ich fordere, dass wir Zugang zu den Menschen bekommen, dass wir mit ihnen reden können und dass sie aus dem Gefängnis kommen. Sie sollen sich entspannen können und dann entscheiden, ob sie Aussagen machen wollen und ob sie nach Hause wollen oder ob das ein zu großer Gesichtsverlust für sie wäre. Vielleicht wollen sie aber auch zuerst etwas anderes unternehmen. Wir wollen einfach mal die Frauen hören, was die sich vorstellen können. Denn ins Gefängnis kommen Verbrecher, keine Frauen, die Opfer sind.

Das Interview führte Renardo Schlegelmilch.

(DR)

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