Gedenkfeier in der Nikolaikirche nach Tod einer 17-Jährigen in Flensburg
Gedenkfeier in der Nikolaikirche nach Tod einer 17-Jährigen in Flensburg

18.03.2018

Debatte nach Bluttaten von Migranten Kandel, Flensburg und die Folgen

Die AfD und rechte Blogger werten jede Gewalttat eines Asylbewerbers als Beweis für die Gefahren offener Grenzen. Flüchtlingshelfer sehen die Schuld für Integrationsdefizite indes teilweise auf deutscher Seite. Eine aufgeheizte Debatte.

0Ein 18-jähriger Asylbewerber aus Afghanistan soll seine 17 Jahre alte deutsche Freundin erstochen haben. Die Bluttat in Flensburg schockiert viele Menschen - auch weil der mutmaßliche Täter und das Opfer so jung sind. Flensburgs Stadtpastor Johannes Ahrens sagt am Freitagabend bei einer Gedenkfeier in der Nikolaikirche: "Unsere Gedanken und Gefühle sind aufgewühlt und unterwegs." Da sei es gut, zusammenzukommen - "gleich welcher Herkunft, Sprache und Religion. Um innezuhalten. Um zu trauern."

Die Ermittler haben zum Motiv zwar offiziell noch keine Angaben gemacht. Aus dem Umfeld heißt es jedoch, religiöse Fragen hätten in diesem Beziehungsdrama wohl keine Rolle gespielt. Für die Autoren rechter Blogs und Foren steht trotzdem sofort fest: Der Islam ist schuld. Mireilles Tod in Flensburg ist für sie nicht das traurige Lebensende eines jungen Mädchens aus schwierigen Verhältnissen, sondern Ergebnis einer "Invasion kulturfremder muslimischer Männer".

AfD führt Strichliste

Die Vorsitzende der AfD-Bundestagsfraktion, Alice Weidel, führt offenbar sogar eigene Strichlisten. Sie schreibt: "Wieder ein Opfer der "Willkommens"-Politik. Im Wochentakt erfahren wir von Mädchen, die von Asylbewerbern niedergestochen oder mit Messern grausam ermordet werden." AfD-Parteichef Jörg Meuthen will eine noch engere Taktung brutaler Straftaten durch Asylbewerber festgestellt haben. Er schreibt auf Facebook: "Fast jeden Tag neue, katastrophale Meldungen über Messerattacken durch Merkels Gäste in Deutschland."

Wie häufig Ausländer schwere Gewaltverbrechen begehen, darüber gibt die Polizeiliche Kriminalstatistik Auskunft. Die aktuellsten Zahlen stammen von 2016. Damals verzeichneten die Polizeibehörden bundesweit 3765 "Straftaten gegen das Leben". Darunter fallen vor allem Mord, Totschlag und fahrlässige Tötung. In 12 Prozent der Fälle aus diesem Bereich wurden Zuwanderer - darunter versteht die Polizei Asylbewerber, Bürgerkriegsflüchtlinge, Ausländer, die mit einer Duldung in Deutschland leben, sogenannte Kontingentflüchtlinge und Menschen mit "unerlaubtem Aufenthalt" - als Tatverdächtige ermittelt. Mehr als 70 Prozent von ihnen waren zur Tatzeit älter als 20 Jahre.

Zuwanderer auch Opfer

Das Lagebild des Bundeskriminalamtes zur "Kriminalität im Kontext von Zuwanderung" stellt für die ersten neun Monate des vergangenen Jahres fest: Überdurchschnittlich häufig als Tatverdächtige aufgefallen sind Georgier und Menschen aus den Maghreb-Staaten, oft mit Eigentumsdelikten. Der Anteil der Fälle mit Tatverdächtigen aus Syrien, Afghanistan und Irak war zwar deutlich niedriger als der Anteil dieser Nationalitäten an der Gruppe der Zuwanderer. Allerdings ging es bei ihnen oft um den Verdacht von Gewaltkriminalität. Bei mehr als der Hälfte der in diesem Zeitraum von Zuwanderern verübten "Straftaten gegen das Leben" waren die Opfer ebenfalls Zuwanderer.

Im vergangenen Dezember gab es eine Messerattacke, die Parallelen zu dem Flensburger Fall aufweist. Wie der Tatverdächtige aus Flensburg, so war auch der mutmaßliche Mörder der 15-jährigen Mia aus Kandel in Rheinland-Pfalz ein junger Asylbewerber aus Afghanistan. Auch zwischen Mia und ihrem Mörder gab es eine - zur Tatzeit von ihr schon beendete - Beziehung.

Länder mit maskuliner Dominanz

Über die Schwierigkeiten und Konflikte, die entstehen können, wenn sich junge Menschen aus unterschiedlichen Kulturkreisen anfreunden oder eine Liebesbeziehung eingehen, treffen diese Statistiken keine Aussage. Der Kriminalwissenschaftler Christian Pfeiffer schreibt in einer aktuellen Studie über die "Akzeptanz gewaltlegitimierender Männlichkeitsnormen". Er sagt: "Die Flüchtlinge stammen ganz überwiegend aus Ländern, die von maskuliner Dominanz geprägt sind."

Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes hat kürzlich einen mehrsprachigen Animationsfilm für Flüchtlinge mit dem Titel "Gleichberechtigt leben in Deutschland" produziert. Darin wird erklärt, dass man seine Partnerin nicht schlagen darf, dass Zwangsheirat verboten ist und Frauen gleichberechtigt sind.

"Herumgeeiere" bei brisanten Themen

Gesa Birkmann von Terre des Femmes sagt: "Da gibt es sicher noch viele Hürden zu nehmen." Man müsse sich stärker als bisher damit auseinandersetzen, welche Wertvorstellungen Zuwanderer haben. "Das hat aber mit Merkels Flüchtlingspolitik nichts zu tun", betont sie.

Schließlich wisse jeder, der sich für Opfer von häuslicher Gewalt engagiere, dass diese auch von deutschen Männern ausgehe. Benita von Brackel-Schmidt arbeitet bei "Refugees Welcome Flensburg". Sie betreut fünf Afghanen im Alter zwischen 17 und 20 Jahren, ist selbst Mutter. Sie sagt, die Integrationskurse würden vor allem für Afghanen meist viel zu spät angeboten. Auch werde in diesen Kursen nicht genügend über das Geschlechterverhältnis gesprochen. Schließlich werde bei diesen gesellschaftlichen Themen oft zu viel "herumgeeiert".

Getrennte Hochzeiten

Die Flensburger Flüchtlingshelferin sagt: "In Afghanistan schaut man fremden Frauen nicht in die Augen - hier gilt man als unhöflich, wenn man es nicht tut. So etwas muss man erklären." Auch dass niemand das Recht hat, beleidigt zu sein, wenn sich aus einem Flirt im Lokal nichts weiter ergibt.

Gauhar Besmil hat Afghanistan 1972 verlassen. Die 64-jährige Berlinerin engagiert sich ehrenamtlich bei Terre des Femmes. Über ihre alte Heimat sagt sie: "Der Krieg hat unsere Kultur vernichtet." Die Stellung der Frau sei heute "miserabel". Es sei traurig, dass inzwischen Männer und Frauen nicht nur in entlegenen Dörfern, sondern auch in Städten wie Herat oder Kabul Hochzeiten getrennt feierten.

"Ein Leben voller Krieg und Missachtung"

Einige seien von dieser Lebensweise überzeugt, andere täten es aus Angst vor den Taliban und ihren Spitzeln. Das Gleiche gelte für die Verschleierung. Die überwältigende Mehrheit der afghanischen Flüchtlinge, die sie in Deutschland kennengelernt habe, verabscheue die Taliban und ihre Ideen, sagt Besmil. Viele seien schon zuvor Flüchtlinge gewesen, etwa im Iran. Sie hätten "ein Leben voller Krieg und Missachtung" erlebt.

Wer Missverständnisse und Konflikte vermeiden wolle, müsse dafür sorgen, dass sie in Deutschland kein Leben "in Flüchtlingsheimen und Ghettos abgekapselt" führen. In Flensburg gab es am Freitagabend vor der Kirche keine Proteste rechtsgerichteter Gruppierungen gegen Asylbewerber und eine liberale Flüchtlingspolitik - anders als in Kandel. Unter den um Mireille Trauernden waren auch viele Afghanen. Einer von ihnen trat nach dem offiziellen Ende der Gedenkfeier ans Mikrofon und drückte die tiefe Betroffenheit der Flüchtlinge aus. Stadtpastor Ahrens sagte: "Was uns heute verbindet, ihr Lieben, ist der gemeinsame Verzicht auf Erklärungsversuche. Der Versuchung zu widerstehen, mal eben eine Lösung zur Hand zu haben. Oder die physische Gewalt mit verbaler Gewalt zu beantworten."

Warnung vor voreiligen Schlüssen

Schleswig-Holsteins Innenminister Hans-Joachim Grote warnte vor voreiligen Schlüssen. "Auch bei mir wirft die erste Berichterstattung über den tragischen Tod der jungen Frau Fragen auf", sagte der CDU-Politiker. Aber erst wenn die Antworten der Ermittlungsbehörden vorlägen, gelte es Schlussfolgerungen zu ziehen.

In Berlin hielt sich Pegida-Initiator Lutz Bachmann nach der Tötung eines Mädchens nicht lange zurück: Auf Twitter verwies er auf das Facebook-Profil eines 15-Jährigen und schrieb: "Mordfall Keira G. Nun ist es wohl raus: Die Bestie vom Kaukasus, Edgar H., tschetschenischer Moslem und Ex-Flüchtling". Bachmanns Behauptung zur Herkunft des Täters in Berlin entpuppte sich als falsch - später löschte er den Tweet. Angesichts von Ermittlungen wegen falscher Verdächtigung, übler Nachrede und Volksverhetzung berief sich der Dresdner Pegida-Mann darauf, dass er "wohl" geschrieben habe.

Anne-Béatrice Clasmann
(dpa)

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