Ehrenamtliche organisieren die Gemeindearbeit selbst
Ehrenamtliche organisieren die Gemeindearbeit selbst
Gemeindemitglied Michael Kreuzfelder und Gemeinderatsvorsitzende Britta Pöllen
Gemeindemitglied Michael Kreuzfelder und Gemeinderatsvorsitzende Britta Pöllen

02.02.2018

Wenn Ehrenamtliche die Kirchengemeinde leiten "Ihr könnt das selber"

Aus der Finanznot eine Tugend machen. In Sachen Personalkosten teste das Bistum Essen dazu ein Modell: Drei Gemeinden sollen in den nächsten drei Jahren weitgehend ohne hauptamtlich Angestellte auskommen.

Wer fegt eigentlich die Spinnweben von der Kirchendecke, wenn kein angestellter Küster mehr da ist? Und wer organisiert den Kommunionunterricht, wenn keine Gemeindereferentin mehr bezahlt werden kann? Fragen, die die katholische Kirchengemeinde "Zur Heiligen Familie" im Bistum Essen seit Mai 2017 mit einem überzeugten "Wir machen es selbst" beantwortet. "Ehrenamtliche Gemeindeleitung" heißt das Projekt.

Pilotversuch als Zukunftsprojekt

Die 2600-Seelen-Gemeinschaft im Essener Stadtteil Margarethenhöhe ist eine von drei Gemeinden im Bistum, die ein funktionierendes Kirchenleben weitgehend ohne Festangestellte auf die Beine stellen wollen. Der Pfarrer der übergeordneten Großpfarrei bleibt dabei kirchenrechtlich verantwortlich, leitet Messen und spendet Sakramente.

Hintergrund des Pilotversuchs sind Prognosen, nach denen im flächenmäßig kleinsten Bistum Deutschlands die Zahl der Mitglieder und der Einnahmen in den kommenden Jahren weiter deutlich sinken wird. Schon seit vielen Jahren gibt es daher Überlegungen, wie sich die Kirchengemeinden darauf einstellen können - auch wirtschaftlich. "Wie können wir in Zukunft unter völlig veränderten Bedingungen eine lebendige Kirche sein?" lautete eine Leitfrage eines mehrjährigen Dialogprozesses. Gemeindeleitung durch Ehrenamtliche war am Ende eines von 20 Zukunftsprojekten des Bistums.

Essener Gemeinde ohne hauptamtliche Leitung

Die Gemeinde in Essen-Margarethenhöhe hat Übung im Umgang mit strukturellen Veränderungen: 2008 verlor sie ihre Eigenständigkeit und wurde der neu gegründeten Großpfarrei St. Antonius zugeordnet, die Ende 2016 rund 27 700 Katholiken in sechs Gemeinden zählte. 2009 wurde ihr Pfarrer versetzt – und nicht ersetzt. Eine Gemeindereferentin übernahm viele Aufgaben. Als diese Ende 2016 plötzlich starb, stand die engagierte Gemeinde ohne direkt zugeordnete Hauptamtliche da.

"Es war unklar, wie es jetzt weitergeht", sagt Michael Kreuzfelder. Der 39-Jährige organisiert in der Gemeinde die Arbeit mit jungen Familien. "Da war die Sorge, jetzt machen die uns dicht." Ein Pfarrer habe sie ermutigt: "Ihr könnt das selber." Gesagt, getan.

Im Mai 2017 ging es richtig los. Ein Jahr lang soll seitdem ein Team von 40 Ehrenamtlichen ein Konzept erarbeiten, wie es dauerhaft gehen kann mit dem Gemeindeleben ohne bezahlte Kräfte. Wer hat welche Begabungen und kann sie wie einsetzen? Welche Aufgaben müssen beim hauptamtlichen Seelsorgeteam der Großpfarrei bleiben? Das Nachdenken geschieht nicht ohne Hilfe: Ein Jesuitenpater und eine Supervisorin coachen die Gemeinde in Zusammenarbeit mit dem Pastoraltheologen Roman Blaut, Referent des Bistums für ehrenamtliches Engagement.

Andere Bistümer setzen ebenfalls auf Ehrenamtliche

Das Ehrenamts-Projekt ist erst einmal auf drei Jahre angelegt. "In anderen Weltteilen ist das gang und gäbe", sagt Blaut und verweist auf die Erfahrungen der katholischen Kirche etwa in Lateinamerika und auf den Philippinen. Auch in Deutschland werde es mancherorts auf ähnliche Weise schon praktiziert, etwa in Gemeinden des Bistums Osnabrück, sagt der 52-Jährige.

Dort gibt es mittlerweile acht Gemeinden, in denen Ehrenamtliche in sogenannten Gemeindeteams Leitungsaufgaben übernehmen, wie Nicole Muke berichtet. Im Bistum Osnabrück ist sie Leiterin des Bereiches Gemeindeentwicklung. Die Teams umfassen drei bis acht Personen, die zuvor an einer Fortbildung teilgenommen haben. Grundidee sei eine "Kirche der Beteiligung". Die Erfahrungen seien sehr positiv: "Als ein wichtiges Ergebnis lässt sich erkennen, dass die Eigenverantwortlichkeit für die Gestaltung des Lebens und Glaubens vor Ort gestärkt und in einer engeren Verbindung gelebt wird", sagt Muke. Eine Herausforderung sei allerdings noch die Frage, wie die Gemeindeteams mit den Pfarrgemeinderäten zusammenarbeiten.

Die theologische Wissenschaft verfolgt solche Ansätze wie in Essen mit großem Interesse. Die Gesamtrichtung sei sehr positiv, "weil Kirche da partizipative Praktiken erprobt", sagt etwa der Bochumer Pastoraltheologe Matthias Sellmann. In unterschiedlicher Weise gebe es solche Modelle ehrenamtlicher Gemeindeleitung mittlerweile in fast jedem deutschen Bistum. Für den 51-jährigen Theologieprofessor sind sie "Wagnisse", die noch stärker durch die Bistümer unterstützt werden sollten. "Wir sind in einer Situation von Kirche, in der sich eigentlich alle rechtfertigen müssten, die nichts wagen."

Viele Aufgaben – viel Verantwortung

In der Essener Gemeinde "Zur Heiligen Familie" ruht das Gemeindeleben schon jetzt auf vielen Schultern. "Es ist wichtig, dass man Verantwortung abgibt und teilt", sagt Britta Pöllen (56), die Vorsitzende des Gemeinderats. So arbeiteten etwa im Katechetenteam für Kommunion und Firmung acht Frauen und ein Mann "mit ganz viel Herz und Liebe". Drei Frauen sorgen dafür, dass das Gemeindebüro an drei Tagen die Woche jeweils zwei Stunden geöffnet hat. Andere bereiten Wortgottesdienste vor, kümmern sich um den Blumenschmuck in der Kirche, zählen die Kollekte oder managen die Gemeindebücherei, die auch für den Stadtteil eine wichtige Rolle spielt. Stolz ist die Gemeinde auf ihre vielen Messdiener, insgesamt 120. Jeden Sonntag stehen 16 von ihnen am Altar.

Sorgen gibt es allerdings auch. Der Gemeinde sitzen wie allen Pfarreien im Bistum Essen ernste Sparzwänge im Nacken: Wie kann die Gemeinde ihre Kirche und ihr sehr gut ausgelastetes Gemeindezentrum künftig finanzieren? Das ist dabei eine der Hauptfragen.

Und die Spinnweben? "Zwei Mal im Jahr gibt es einen Aufräum- und Putztag, bei dem alle mithelfen", sagt Kreuzfelder. Der nächste ist im Frühjahr. Danach sind dann auch die Spinnweben wieder weg.

Helge Toben
(dpa)

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