Martje Salje ist neue Turmbläserin in Münster
Martje Salje ist neue Turmbläserin in Münster
Türmerin Martje Salje
Türmerin Martje Salje

23.08.2015

Martje Salje ist die erste Türmerin von Münster Die Stadt ist gut bewacht

In Münster lebt eine uralte Tradition fort und wird fortgeschrieben. Martje Salje ist seit 1383 die erste Frau im Türmeramt auf Sankt Lamberti. Sie ist 34 Jahre alt und weiß, wie lange sie das machen will: bis zur Rente.

Es ist 20.58 Uhr. Die junge Frau mit dem rotblonden Haaren tritt durch eine gedrungene Tür auf einen schmalen Umgang um den Turm der Sankt Lamberti-Kirche in Münster. Sie hat sich einen knielangen blauen Umhang umgelegt und das kupferne Horn von der Wand ihres kleinen Arbeitszimmers genommen. Nun wartet sie auf das Zeitsignal der Glocke, die nur zehn Meter über ihr hängt. Ihr Blick geht auf den Prinzipalmarkt, Münsters "Gute Stube" und historischer Stadtkern.

Die neun Schläge, die kurz darauf erfolgen, kommen wie Donnerhall und lassen die Mauern des Turms erzittern. Martje Salje schreitet zur Tat. Dreimal bläst sie kräftig in ihr Horn gen Süden, wenig später dreimal gen Westen und dann noch dreimal gen Norden. Doch allein mit dem Tuten, wie das Blasen des Horns in der Türmersprache heißt, lässt sie es nicht bewenden. Bei jedem Mal steigt die zierliche Frau auf einen Quaderstein an der Brüstung und lehnt sich weit hinüber, um von der Straße aufschauende Menschen zu grüßen. Und das in 75 Metern Höhe.

Martje Salje ist 34 Jahre alt und seit Januar 2014 Türmerin von Münster. Sie hat Geschichte studiert und Musik in Oldenburg, hat in Norwegen gelebt und ist als Bassistin mit einer Band durch die Lande gezogen. Sie hat die Welt bereist - Europa, Kanada, die USA - und hat jetzt, wie sie sagt, in Münster ihre Heimat gefunden. Auch neue Freunde hat sie schon. Zur Dachwohnung eines Bekannten schickt sie jeden Abend vom Turm einen Gruß.

"Münster war schon immer mein Traum", erzählt sie. Die Geschichte fasziniert sie, aber auch das Leben hier. Salje wohnt mittendrin in dieser von Studenten, Beamten und Angestellten sowie vom Klerus geprägten Stadt, die aufs trefflichste all die Klischees erfüllt, die die Tourismusindustrie als Werbung benutzt.

Warnung von Bedrohungen

Das Türmeramt gehört nur bedingt dazu. Es ist Tradition seit 1383. Seither versehen Türmer ihren Dienst auf Sankt Lamberti und warnen die Bevölkerung vor Feuer und herannahenden Bedrohungen. Das hat auch heute noch Sinn, weil etwa ein Dachstuhlbrand von hier oben sehr viel eher zu erkennen ist als von unten. Beispiele gibt es auch aus jüngerer Zeit. Mit Martje Salje - der Vorname kommt aus dem Niederländischen und bedeutet "kleine Marta", der Nachname ist hugenottisch - bekleidet aber erstmals eine Frau dieses traditionsreiche Amt in Münster.

Dienstbeginn ist gegen acht Uhr am Abend. Martje Salje kommt natürlich mit dem Fahrrad. Münster ist Deutschlands Fahrradstadt Nummer Eins. Die Eingangstür unten ist unscheinbar. Die Kirche ganz und gar nicht. Es ist die Markt- und Bürgerkirche, die wie in vielen Domstädten einst von den Kaufleuten als Gegengründung zur Kathedrale finanziert wurde. Es gab Vorgängerbauten. Die jetzige Kirche entstand ab 1375 - westfälische Spätgotik. Berühmt ist der erst 1889 in seiner aktuellen Form gebaute Turm, weil in ihm oben in den Streben die sogenannten Täuferkäfige hängen, in denen 1536 die drei verbliebenen Anführer des Täuferreichs von Münster nach ihrer Hinrichtung zur Abschreckung ausgestellt wurden. Damit die Leichen "allen unruhigen Geistern zur Warnung und zum Schrecken dienten, dass sie nicht etwas Ähnliches in Zukunft versuchten oder wagten".

Auf einer Ebene des Turms, durch die Saljes Dienstweg am Beginn des Abends führt, ist mittels Bildern, Zeichnungen und Plänen die Baugeschichte des Gotteshauses dargestellt. Auf einer zweiten hängt die Ratsglocke, die etwa bei der Wahl eines neuen Oberbürgermeisters geläutet wird - von Salje natürlich. Auf einer dritten Ebene kann man die Täuferkäfige anfassen. "Die Originale", wie die Türmerin betont. "Die Kopien sind im Museum, und nicht umgekehrt, wie manche behaupten."

Noch ein Detail ist Salje wichtig, "Es sind 300 Stufen bis zu meinem Dienstzimmer, nicht 298, wie oft geschrieben steht." Der Grund: Die meisten beginnen innerhalb der Kirche mit dem Zählen. Zwei Stufen aber führen schon zuvor zur Eingangstür. Die junge Frau gesteht einen kleinen Tick: "Ich zähle immer noch jedes Mal beim Aufstieg mit."

Nie in Richtung Osten

Oben im höchsten Dienstzimmer der Stadt angekommen, greift die Türmerin als erstes zum Telefon. Die Meldung bei der Hauptwache der Feuerwehr ist Pflicht. Ein kurzer Austausch über die Sicht an diesem Abend. Etwaige Besucher im Turm müssen gemeldet werden. Ein nettes Wortgeplänkel mit dem Diensthabenden. Dann wird es auch schon Zeit fürs Tuten: von 21 Uhr bis Mitternacht alle halbe Stunde, jeden Tag in der Woche außer dienstags. "Dienstag ist der traditionelle türmerfreie Tag", sagt sie. Und nie in Richtung Osten. Auch das ist Tradition. Die Gründe dafür sind allerdings nicht ganz klar. Meist hätten im Osten der Kirchen die Friedhöfe gelegen, und die Totenruhe solle nicht gestört werden, lautet eine Version. Eine zweite, dass aus dem Osten der Erlöser erwartet wird.

Für Urlaubzeiten gibt es eine Vertretung. Der Kollege hat auch schon ihren Vorgänger Wolfgang Schulze vertreten, der über 20 Jahre das Amt ausübte. Dessen Vorgänger Roland Mehring war 33 Jahre dabei. Martje Salje ist noch nicht einmal zwei Jahre Türmerin, hat aber eine genaue Vorstellung davon, wie lange sie den Job machen will. "Bis zur Rente", sagt sie sehr bestimmt. Sie könne sich nichts anderes vorstellen, so die 34-Jährige. Dies sei ihr Platz, ihre Erfüllung, ihr Leben. Auch mit der Vorstellung, Urlaub zu nehmen, tut sie sich noch schwer. Sie lebe da, wo andere Urlaub machten. Außerdem sei ihr Bedarf an Reisen eigentlich gedeckt. Sie sei "angekommen".

Zwischen dem Tuten schreibt Salje Gedichte, bestückt ihren Türmerinnen-Blog im Internet: Sie denkt an Katzen und singt traurige Lieder. Oder sie zitiert Gedichte wie Georg Thurmairs "Türmers Nachtgesang" von 1938: "Ich hab die Welt verlassen und stehe auf dem Turm, ich kann die Sterne fassen und sprechen mit dem Sturm. Ich banne die Gespenster und lebe fern dem Spott, der Wind pocht an mein Fenster und spricht vom lieben Gott."

Dann ist wieder eine halbe Stunde rum. Sie legt das Cape gegen Wind und Kühle um, greift zum Horn und geht auf den Umgang. Ihr Blick geht über das Häusermeer. "Tuuut, tuuut, tuuut" tönt es gen Süden, Westen, Norden. Die Touristen blicken versonnen hinauf. Die Münsteraner übrigens auch - stolz auf ihre Tradition. Wer Glück hat, sieht einen rotblonden Haarschopf. Die Nacht bricht an, die Stadt ist gut bewacht.

Türmer in Deutschland

An gut einem halben Dutzend Orten in Deutschland versehen noch Türmer als Wächter ihren Dienst. So ruft etwa auf dem Turm der Sankt-Georgs-Kirche in Nördlingen ein Vertreter dieser Zunft am Abend halbstündlich "So Gsell, so!". Auf dem Hamburger Michel bläst ein Türmer werktags am Morgen und am Abend sowie sonntags zu Mittag einen Choral. Auf dem Turm der Sankt-Annen-Kirche in Annaberg-Buchholz lebt gleich eine ganze Türmerfamilie.

Frauen sind selten in dem Beruf. Neben Martje Salje in Münster, die seit 2014 im Amt ist, versieht nur noch auf dem Blauen Turm in Bad Wimpfen eine Türmerin ihren Dienst. Sie ist wie ihre Münsteraner Kollegin die erste dort seit Beginn der im 14. Jahrhundert begründeten Tradition.

Überall hatten die Türmer einst die Aufgabe, vor Gefahren zu warnen - seien es Brände oder herannahende Feinde. In Münster ist die Türmerin noch heute Teil des Brandschutzes und telefonisch mit der Feuerwehr verbunden. Auch noch in jüngster Zeit wurden Brände zuerst vom Lamberti-Kirchturm entdeckt. Weitere Aufgaben der Türmer sind und waren das stündliche Schlagen der Glocken beziehungsweise das "Tuten" mittels eines Horns zur Zeitansage.

Trotzdem galt der Beruf des Türmers im ausgehenden Mittelalter bis in die frühe Neuzeit als "unehrlich", im Sinne von "ohne ständisches Ansehen". Kinder von Türmern wurden von den Zünften ausgeschlossen. Erst ab dem 16. Jahrhundert änderte sich das, und die Kinder konnten andere Berufe erlernen.

Johannes Schönwälder
(KNA)

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