Gottesdienst in der S-Bahn
Gottesdienst in der S-Bahn
Berliner U-Bahn
Berliner U-Bahn

18.07.2015

Berliner Jugendliche feiern Gottesdienst in der Ringbahnlinie Mit Gott in der S-Bahn

Ob im Baumarkt oder im Wohnzimmer - alternative Gottesdienste an ungewöhnlichen Orten sind beliebt und machen neugierig. Nun haben Berliner Jugendliche zu einer "Kreuzfahrt" der besonderen Art eingeladen.

Die Türen schließen sich und das typische Piep-Signal ertönt. Im nächsten Moment schallt Glockengeläut durch die Berliner S-Bahn. Doch nicht jeder Fahrgast hört das für den Nahverkehr eher ungewöhnliche Geräusch. Wer genauer hinsieht, erkennt die kleinen unscheinbaren mp3-Player, die sich einige der Mitreisenden an die Hosentasche oder den Hemdkragen geklemmt haben. Die Jugendkirche Sam der katholischen Sankt-Michael-Gemeinde in Berlin hat am Mittwochabend zu einer Jungfernfahrt eingeladen - zum ersten Gottesdienst in der Ringbahnlinie um Berlins Zentrum.

Kreuzfahrt-Gottesdienste

"Wir wollen Jugendkultur und kirchliche Traditionen zusammenbringen", erklärt der Referent der Jugendkirche Sam, Gregor Henke. Gemeinsam mit Jugendlichen hat er vor einem halben Jahr mit den Planungen für den sogenannten "Kreuzfahrt-Gottesdienst" begonnen. Dabei wollten sie bewusst liturgische Elemente - wie Fürbitten oder das Evangelium - in ein anderes Format übersetzen. Die Ortswahl fiel auf die S-Bahn. "Wenn ich sonst in den Gottesdienst gehe, bringe ich meinen Alltag zu Gott", erklärt Henke. "Wir wollten aber wissen, wo Gott im Alltag sichtbar wird."

Knapp 100 Jugendliche und junge Erwachsene sitzen verteilt zwischen den Fahrgästen des öffentlichen Nahverkehrs. In kleinen Gruppen sind sie in die S-Bahnen gestiegen. Eine von ihnen ist Isabelle Bonin. Die 22-Jährige sitzt auf einem Klappsitz im Fahrradabteil und lehnt ihren Kopf gegen die Wand. Mit den weißen Kopfhörern fällt sie neben ihrem Sitznachbarn nicht auf. Doch während er mit seinem Handy beschäftigt ist, wandert ihr Blick immer wieder zwischen dem jungen Vater mit dem plappernden Kleinkind auf dem Arm und der Verkäuferin der Obdachlosenzeitschrift hin und her. "Ich achte sonst nicht so genau auf die anderen Leute in meinem Abteil. Dieses Mal habe ich mir meine Mitmenschen mal ganz bewusst angeschaut."

Geschichten aus dem wahren Leben

Geholfen haben ihr dabei die akustischen Anregungen aus dem mp3-Player. Die Geschichten werden abwechselnd aus der Perspektive des Fahrkartenkontrolleurs oder des mitfahrenden Musikanten erzählt. Wer genauer hinhört, erkennt in der Episode über ein hilfloses Mädchen und einen Obdachlosen Parallelen zur Bibelgeschichte über den barmherzigen Samariter. In der Vorbereitung des Gottesdienstes haben die Jugendlichen des Orgateams Interviews mit verschiedenen Personen am Bahnhof geführt. Die Geschichten des Wachpersonals oder von Reisenden wurden danach zu einer Audio-Collage zusammengefügt.

Auf der einstündigen Rundfahrt ab der Haltestelle Westkreuz zieht die Hauptstadt in kleinen Szenen an den Fenstern der Bahn vorbei: Graffiti an den Häusern von Neukölln und Kinder, die auf dem Tempelhofer Feld ihre Drachen steigen lassen. Für Monja Taske sind das ungewohnte Bilder. Die junge Frau und ihr Mann Christoph sind für einen Urlaub in die Hauptstadt gekommen. Durch Zufall sind sie an der Haltestelle der Gruppe der Jugendkirche Sam begegnet - und sind neugierig geworden. Nun sitzen sie nebeneinander in der Bahn und teilen sich kleine gelbe Kopfhörer. Die steckten noch am Nachmittag in den Audioanschlüssen des Touristenbusses, der sie zu den Sehenswürdigkeiten Berlins führte.

Begegnung mit Berlin

"Das hier ist eine ganz andere Art der Begegnung mit Berlin", sagt die Touristin. Besonders hat es ihr der Fernsehturm angetan. Immer wieder taucht er auf der einstündigen Fahrt im Hauptstadtpanorama auf. Wenn die Sonne scheint, erzählt die Stimme des jungen Mannes aus dem mp3-Player, erkennt man ein Kreuz in der Kuppel des Turms. Und tatsächlich - es ist zu sehen. Monja lacht.

Nach einer guten Stunde endet die Fahrt dort, wo sie begonnen hat: an der Haltestelle Westkreuz. "Auch wenn sich der Ort nicht verändert, gehen vielleicht die Gottesdienstteilnehmer mit einer anderen Haltung nach draußen", erklärt Jugendreferent Henke. Auch Monja Taske und ihr Mann machen sich auf den Rückweg in ihr Hotel. Am Gleis steht ein Obdachloser. Er niest. "Gesundheit", sagt Monja und lächelt den Mann freundlich an.

Maike Müller
(KNA)

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